Samstag, 5. August 2023

Uniformiert

 Meine Jungendfreundin A. erzählte mir vor einiger Zeit, dass wir im Bekanntenkreis ihrer Mutter einst "die Zwillinge" genannt wurden, und wenn ich mir alte Fotos anschaue, kann ich es den Leuten nicht wirklich verdenken.

Beide trugen wir mit Vorliebe bis zum Knie hauteng abgenähte Wrangler-Jeans, dazu gab es eine Phase, in der wir uns die dunkelblonden Haare mit allerlei Mittelchen aufhellten, nachdem wir uns gegenseitig Dauerwellen verpasst hatten. 🧚‍♀️ 😂

Ich selber wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass man uns verwechseln könnte, denn figürlich, vom Gesicht, aber vor allem von der Art her unterschieden wir uns doch deutlich, jedoch... die Wirkung nach außen war offenbar eine andere.

Daran musste ich gestern denken, nachdem mir bei Netto auf einmal eine Frau zuwinkte.

Ich hatte gerade Flaschen in den Automaten geschoben und war nun dabei, meinen Trolley an den Einkaufswagen zu hängen - den Blick hatte ich dabei wie immer durch den gesamten Eingangsbereich schweifen lassen, jedoch ohne aufmerksam zu werden.

Nur vier oder fünf Meter von mir stand nämlich A., also die neue, nicht die alte A. 😀, ich hatte sie gesehen, aber überhaupt nicht wahrgenommen - ein Kopftuch unter vielen, mehr hatte ich nicht mitbekommen, denn neben den beiden Kassiererinnen waren noch mehr anwesende Damen ganz ähnlich gekleidet wie sie, die Haare versteckt und die Klamotten lang und verhüllend. 

Ein fröhliches Hallo, eine liebevolle Umarmung, ein kurzes Pläuschchen, schon trennten sich unsere Wege wieder und kurz darauf war ich froh, mir die Preise bei meinem Aldibesuch am Vortag so gut gemerkt zu haben, denn was ich hier in den Auslagen vorfand, konnte da weder preislich noch qualitativ mithalten, also beschloss ich meine Einkaufsrunde zu erweitern und ihr einen Besuch bei Discounter Nr. 2 hinzuzufügen.

Unterwegs hatte ich genug Zeit, über das soeben Erlebte nachzudenken, und mir fiel die große türkische Familie ein, die einst das Haus gegenüber dem unsrigen bewohnte, das nun U. gehört.

Mutter, Tochter und sämtliche Schwiegertöchter trugen Kopftuch und trotz der vielen Jahre gelang es mir bis zum Schluss nicht durchzublicken, wie viele Frauen dort nun eigentlich lebten, geschweige denn, dass ich sie hätte auseinanderhalten können.

Ganz ähnlich lief es, als A. mir letzte Woche ein Foto von sich, ihrer Mutter und den fünf Schwestern zeigte. Alle trugen den Hidjab, dazu noch die Familienähnlichkeit, nur mit viel Mühe konnte ich ausmachen, welche der Damen sie war.

Ob ihren das wohl bewusst ist, wie sehr sie sich uniformieren oder nehmen sie es genauso wenig wahr wie wir damals mit 15, 16 Jahren?

Oder ist es womöglich sogar gewollt, um in der Masse aufzugehen und bloß nicht als Individuum aufzufallen?

Noch sind A.s Deutschkenntnisse nicht ausreichend, als dass ich mit ihr wirklich über so etwas reden könnte, aber eines Tages werde ich es machen, denn das interessiert mich wirklich, zumal ich ja auch mitbekomme, dass sie sich durchaus mit dem Thema Frauenrechte zu befassen scheint.

Geht sie davon aus, dass ihr Gott von ihr die Verhüllung erwartet, sind es die Männer oder liegt es ganz einfach an ihrer Sozialisierung - alle verbergen sich ab einem gewissen Alter, und das ist nichts, das man in Frage stellen dürfte?

Wie dem auch sei, irgendwann war ich angekommen, also Schluss mit Grübeln und rein ins Getümmel.

An der Kasse traf ich wieder auf den netten jungen Mann, sagte grinsend zu ihm, dass ich diesmal keine ollen Kamellen für ihn hätte - er lachte so laut auf, dass die Kassierin im Nebenhäuschen aufmerksam wurde, und sofort erzählte er ihr von gestern und dass ich doch tatsächlich einen Pfandbon aus dem Jahr 2016 gehabt hätte und dieser noch wie neu aussah.

Offenbar hat ihn die Zeitspanne so nachhaltig beeindruckt, dass er sich sogar die Jahreszahl merkte, und ich muss immer noch lachen, denn nun bekamen das auch Kunden mit, ruckzuck waren wir alle fröhlich am Plaudern und am Ende ging ich wieder einmal bester Laune zurück nach Hause, natürlich nicht, ohne mich vorher ausgiebig von allen dafür loben zu lassen, dass mir die Jacke von damals immer noch passt. 😁😀😁

So kann man auch mit kleinen Sachen den Leuten große Freude machen ... 😂🤣😂


Habt einen schönen Tag - vielleicht auch mit bissl Lachen? 😉 - und ... bleibt bitte gesund! 😀


PS: Und hier noch etwas "Sonniges", kleiner Ersatz für den ausgefallenen Sommer:



6 Kommentare:

  1. Liebe, ich denke, ich gehe recht in der Annahme, dass A sich in der Gesellschaft, in der eigenen Blase und zu hause im Zwiegespräch perfekt tripolar verhält. Da freue ich mich in der Zeit auf deine Einschätzungen.
    Die Blumenaufnahme hat durch die geringe Pixelmenge erst ihren besonderen Reiz.
    Danke für die Blume
    Faradei

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    1. Ja, ich denke auch, das ist ein ziemlicher Spagat zwischen allen Stühlen, wobei mein Blick darauf ja nur von außen ist, so dass ich durchaus mein Tun damit habe, es irgendwie nachvollziehen zu können.
      Beim Foto ging es mir ähnlich. Schon klar, dass damit kein Qualitätsblumentopf zu gewinnen ist, aber für mich hatte es irgendwie fast Symbolwert - wie zerbrechlich und vergänglich doch alles Schöne auch ist.

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  2. Da werden wieder Erinnerungen wach, liebe Rex-Mama.Damals trugen wir alle Levis Jeans. Und gerade erscheint vor meinem inneren Auge, wie damals im viel zu langen schwarzen Mantel meines Großvaters unterwegs war.Den ich meiner Großmutter abgeschwatzt hatte. Natürlich mit den Jeans. Um meinen damals noch spärlichen Bauch hatte ich einen schwarzen Veloursleder-Gürtel gebunden. Meine Haare waren damals länger, um zu zeigen, dass wir gegen etwas waren - egal was. Heute war mal ein Tag OHNE Regen. Ich bin mal sehr gespannt, ob das auch so bleibt.

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    1. Kicher, so einen Mantel hatte ich auch, nicht schwarz, sondern in einem verwaschenen Altrosa und ich fühlte mich damit bissl wie Terence Hill. 🤣

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  3. Hallo, Liebe „Rex-Mama"!
    Die Frage, wie sich türkische Frauen (Frauen mit Hijab) sehen, habe ich mir so noch nie gestellt? – In über 4 Jahrzehnten. Das ist wirklich eine sehr spannende Frage.
    Die mich sicher noch weiterhin beschäftigen wird.

    Diese kleinen Supermarkterlebnisse vermisse ich ein wenig.
    Die gab es früher auch bei uns öfters.
    Umso schöner, dass bei Euch sowas möglich ist. Ist das nicht der umgebaute Supermarkt, den Du noch vor einigen Monaten so grau empfandst und nicht besonders freundlich auf Dich wirkte. – Toll, wenn sich Stimmungen so drehen können, offenbar wurde dort ja auch Belegschaft ausgetauscht?

    Irgendwie habe ich das mit A. und Dir unterschätzt. Ihr seid euch viel näher in den vergangenen Wochen gekommen wie ich das eingeschätz hatte.

    Toll, wenn ihr Euch umarmen könnt. Für mich sind solch kleine Gesten immer ein Zeichen von Vertrauen und dass man sich mag und respektiert.

    Ich habe mich gerade gefragt, wann habe ich zuletzt eine Person umarmt?


    Viele – umarmende – Grüße
    Vom lifeminder

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    1. Für mich ist das wirklich eine wichtige Frage, denn es ist nicht zu übersehen, dass in den letzten Jahren immer mehr muslimische Frauen sich verhüllen, nachdem viele von ihnen lange Zeit westlicher orientiert waren.
      Sicher der Einfluss des Wahabismus aus Saudiarabien, der weltweit nicht mehr zu übersehen ist.
      Wichtig dabei finde ich die Motivation - ist es ein reines Glaubenssymbol, obwohl der Koran es meines Wissens nicht wirklich vorschreibt, oder ist es eher ein politisches und dient der Abgrenzung bzw. dem Erkennen untereinander?
      Für mich selbst symbolisiert es vor allem die Unterwerfung von Frauen unter von Männern gemachte Regeln, die es offenbar bevorzugen, dass IHRE Frau, also ihr Eigentum, ihre Haare und jedes Fitzelchen Haut gefälligst nur ihnen und niemand anderem zeigen darf.
      Hast recht, A. ist mir inzwischen wirklich ans Herz gewachsen und dadurch bin ich natürlich nun sehr nah dran an dem Thema und sehr gespannt darauf, wenn wir uns endlich auch darüber unterhalten können.
      Von der Bussi-Bussi-Gesellschaft bin ich eigentlich auch kein großer Freund und war fast froh, dass Corona das bissl unterbrach, doch bei manchen gehört eine Umarmung einfach dazu. Von U. bekomme ich z.B. immer einen dicken Schmatzer direkt uffe Schnute geknallt und bei A. ist es mir tatsächlich auch selbst ein Bedürfnis, wobei das etwas dauerte, bis wir uns umarmten, denn am Anfang stand da wirklich in jeder Beziehung auf beiden Seiten vorsichtige Zurückhaltung, weil wir schlicht nicht wussten, wie "mit dem aus der anderen Kultur" richtig umzugehen war.
      Manchmal entscheidet dann einfach das Herz und das finde ich sehr schön so. ;-)

      Liebe Umarmungs-Grüße zurück! :-))

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