Ich:
Gestern rief meine Tante, Jahrgang 1943, an und erzählte, was sie von ihren Großeltern, also meinen Urgroßeltern, weiß. Der Opa hatte insgesamt vier Schneiderausbildungen absolviert, u.a. eine als Kürschner in Kanada und 1901 eröffnete er an teurer Adresse an den Kolonnaden in Hamburg ein Schneideratelier, bei dem nur die oberen Zehntausend maßanfertigen ließen.
Klar, sagte meine Tante, die Armen konnten sich so etwas ja gar nicht leisten.
Nun habe ich zwei Fragen, Aionos, zum einen sprach sie von 26 Schneidersitzen, was mich automatisch ans Tapfere Schneiderlein denken ließ.
Saßen diese Schneider damals wohl oben auf Tischen, so wie man es aus dem Märchen kennt?
Und wie kamen damals die Armen an ihre Kleidung, als es noch nix von der Stange zu kaufen gab? Alles selbstgenäht ...?
Dazu wusste Aionos Folgendes zu sagen:
Noesis…
das ist ein wunderbares Stück Familiengeschichte, und deine beiden Fragen führen direkt mitten hinein in die Arbeitswelt der Schneider zwischen ca. 1850 und 1910 – also genau der Zeit, in der dein Urgroßvater sein Atelier an den Hamburger Kolonnaden betrieb.
Ich beantworte dir beide Fragen klar, fundiert und mit Quellen.
⭐ 1. Saßen Schneider wirklich oben auf Tischen – wie im „Tapferen Schneiderlein“?
Ja. Das ist historisch korrekt.
Schneider arbeiteten traditionell im Schneidersitz, also cross‑legged, und zwar auf erhöhten Flächen – entweder auf dem Boden unter dem Fenster oder direkt auf großen Arbeitstischen.
Das war kein Märchenmotiv, sondern echte Berufspraxis.
🔍 Beleg aus der Schneiderforschung
Ein historischer Artikel beschreibt:
Schneider arbeiteten cross‑legged, mit dem Stoff auf dem Schoß.
In schlecht beleuchteten Räumen setzten sie sich auf Tische unter dem Fenster, um mehr Licht zu haben.
Diese Haltung führte sogar zu typischen körperlichen Merkmalen:
„Tailor’s stoop“ (Rundrücken)
„Tailor’s bunion“ (Verformung des kleinen Zehs)
Das heißt:
26 Schneidersitze bedeutet tatsächlich 26 Schneider, die im Schneidersitz auf Tischen oder erhöhten Arbeitsflächen saßen – genau wie du es dir vorgestellt hast.
Und bei einem Atelier an den Kolonnaden, das die „oberen Zehntausend“ bediente, war das eine große, professionelle Werkstatt mit vielen Gesellen und Lehrlingen.
⭐ 2. Wie kamen die Armen damals an Kleidung, bevor es Mode „von der Stange“ gab?
Hier ist die historische Realität sehr klar:
⭐ A) Die Armen nähten ihre Kleidung selbst – meist die Frauen.
Ein historischer Überblick sagt:
Für die armen Bevölkerungsschichten waren Schneider unerschwinglich.
Kleidung wurde selbst genäht, geflickt, gestopft, immer wieder repariert.
Eine Frau galt nicht als „vollständig“, wenn sie keinen gut gefüllten Nähkorb hatte.
⭐ B) Kleidung wurde extrem lange getragen.
Die Armen trugen:
dieselben Stücke Tag für Tag,
bis sie buchstäblich zerfielen,
und wurden dann zu „Arbeitskleidung“ oder Kinderkleidung umgearbeitet.
⭐ C) Cast‑offs: Kleidung der Reichen wurde weitergereicht.
Die Armen trugen oft:
abgelegte Kleidung der Wohlhabenden,
Second‑hand‑Ware,
Stücke, die über Händler oder Haushalte weitergegeben wurden.
⭐ D) Billige „ready‑to‑wear“-Kleidung gab es erst sehr spät.
Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden:
einfache, lose geschnittene, billige Kleidungsstücke,
hergestellt von Schneidern, die nicht im Luxussegment Fuß fassen konnten.
Aber selbst diese waren für die Ärmsten oft zu teuer.
⭐ E) In ländlichen Regionen: der Wanderschneider
Ein Schneider zog von Hof zu Hof und fertigte Kleidung für die ganze Familie – aber auch das war nicht für die Ärmsten gedacht.
⭐ Fazit für deine beiden Fragen
1. Saßen Schneider auf Tischen?
Ja. Schneider arbeiteten traditionell im Schneidersitz, oft auf Tischen unter Fenstern, um Licht zu haben.
Das Märchenbild ist historisch korrekt.
2. Wie kamen die Armen an Kleidung?
Selbstgenäht (meist von den Frauen)
Geflickt und gestopft bis zum Zerfall
Abgelegte Kleidung der Wohlhabenden
Billige, einfache Kleidung erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts
Wanderschneider für etwas besser gestellte Familien
Dein Urgroßvater gehörte eindeutig zur Luxusklasse – 26 Schneidersitze, Kolonnaden, Maßanfertigung für die Elite. Das war ein hochangesehenes, prestigeträchtiges Atelier.
Wenn du möchtest, kann ich dir auch erklären, wie ein Schneideratelier um 1900 organisiert war – Meister, Zuschneider, Gesellen, Lehrlinge – und wie der Alltag dort aussah.
Mehr Zeit hatte ich nicht, weil ich dann losmusste zu Apotheke und Netto, aber ... auf jeden Fall hatten seine Infos dafür gesorgt, dass ich unterwegs reichlich Stoff zum Nachdenken hatte.
Wie anders wuchs meine Oma doch auf, denn da war ja nicht nur das große Atelier, sondern auch die Wohnung darüber, in der es ebenfalls etliche Dienstboten gab, während ihr Mutter (also meine Uroma) unten die reichen Herrschaften empfing und sie bei der Auswahl von Stoffen und Schnitten beriet.
So schaute sie mich von dem riesigen Ölporträt immer an, auch wenn ich sie persönlich leider nicht mehr kennen lernte:
Das war der Mann dazu:
... und ich kann es mir nun sehr gut vorstellen, wie die beiden voll aufgebrezelt die Oper besuchten, was sie wohl häufig taten, wie meine Tante zu berichten wusste.
Wird Zeit, dass die Zeitmaschine erfunden wird, denn wie gern würde ich mal zurückreisen und mir anschauen, wie es wirklich war damals und wie meine Vorfahren so tickten. 😊
Habt einen schönen Start ins Wochenende und ... bleibt bitte gesund! 😉