Montag, 13. Juli 2026

"Do han i koi Kraft zu ..."

 Diesen Satz hörte ich gestern mehrfach, als mich meine Freundin aus Süddeutschland anrief.

Einst waren wir Kolleginnen, sie lebte in Stuttgart in einer WG und als bei mir die Nebenwohnung frei wurde, empfahl ich sie dem Hauseigentümer, wodurch letztlich unsere Beziehung zustandekam.

Irgendwann verloren wir uns komplett aus den Augen, doch fast zeitgleich mit Rex tauchte auch sie in meinem Leben wieder auf, fand mich über einen gemeinsamen Bekannten bei Facebook.

Kurz darauf kam sie uns besuchen, tat es sogar einige Male und auch ich fuhr einmal hin zu ihr, empfand sie als deutlich fitter als mich selber, z.B. als es um die Entscheidung ging, ob wir mit der Bahn zum Heidelberger Schloss hochfahren oder lieber laufen sollten, nichtsdestotrotz waren unsere Telefonate von Anfang an davon geprägt, dass sie in großer Ausführlichkeit über ihre fehlende Gesundheit klagte.

Ständig war sie bei Ärzten, doch als die sich weigerten, etwas Wirkliches bei ihr zu finden, nahm sie das Diagnostizieren selbst in die Hand, zunächst war es ein Burnout, dann folgten Fibromyalgie und schließlich der Vagusnerv, auf  den sie eine Heilpraktikerin gebracht hatte und bei dem sie nun die Ursache für all ihre Leiden sah.

"Erst mal muss i g'sund werden", war einer ihrer Lieblingssätze, wenn es um irgendwelche Planungen ging und wie ich es mitbekomme, verbringt sie einen guten Teil des Tages damit, ihren selbst zusammengestellten Plan mit Übungen durchzuzziehen und sich irgendwelche Tinkturen oder Salben anzufertigen.

Sie ging in Frührente, gab Führerschein samt Auto ab, da sie es nicht mehr finanzieren konnte, und dann starben erst ihr Bruder, dann die Mutter und auf einmal war sie mehr oder weniger zuständig für den weit über 90-jährigen Vater, denn die Kinder des Bruders kümmerten sich nicht wirklich.  

Zwar kamen Pflegedienst und Essen auf Rädern, trotzdem hatte sie viel um die Ohren und die Hin- und Herfahrerei mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist im Odenwald wohl echt kein Vergnügen, doch nun geschah das Erstaunliche, denn zwar klagte sie über die große Belastung, blühte aber trotzdem regelrecht auf, die eigenen Wehwehchen traten schlicht in den Hintergrund, bis der Vater dann starb.

Sie hat geerbt, jammert aber, dass das mit seit knapp zwei Wochen 69 Jahren viel zu spät kam, denn nun habe sie ja gar nicht mehr die Kraft, etwas mit dem Geld anzufangen.

Sie bräuchte dringend eine andere Wohnung, aber - davon abgesehen, dass Wohnraum eh extreme Mangelware ist - es "fehlt ihr die Kraft fürs Suchen", genau wie für Urlaub.

Alle Freude  hätten sie darauf angesprochen, dass sie nun doch sicher erst wegfahren wolle, irgendwo einen tollen Urlaub verbringen, aber ... die könnten sich gar nicht vorstellen, wie es sei, wenn man keine Kraft habe.

(Die erstaunlicherweise  aber sofort da ist, wenn es darum geht, irgendwo ein Partywochenende zu verbringen und dort dann mit Schlafsack in irgendeiner Ecke zu pennen ...)

Nun hakte ich näher nach, weil sie echt nach sterbenskrank klang: "Ja, um Gottes Willen, was hast du denn für eine Diagnose bekommen, was fehlt dir denn genau?"

"Ach, darüber brauchen wir gar nicht zu reden", meinte sie, obwohl es ja die ganze Zeit ausschließlich um ihre Gesundheit ging, "es ist so viel und ich mache mir auch Gedanken über betreutes Wohnen."

"Interessant, genau darüber sprach ich am Freitag noch mit einer alten Dame, allerdings war sie wirklich alt, nämlich 92. Wobei - im Grunde klingst du grad auch nicht jünger, dann wäre es ja vielleicht doch das Richtige für dich." 😊

Nun musste sie selber lachen, meinte, noch schaffe sie das mit dem Einkaufen ja selber, aber es sei so schwer wegen dem Berg, an dem sie wohnt. Eine neue Wohnung  müsse sie her, aber ... dafür fehle ihr ja die Kraft, es läge sicher an der  letzten Zeit mit ihrem Vater, die sie ihr geraubt habe.

"Hm, genau das Gleiche hast du aber auch vor Jahren wörtlich schon so gesagt", wandte ich ein, darauf sie, ja, und nun gehe es ihr eben noch schlechter als damals.

Dann unterhielten wir uns  über Nord- und Ostsee, die sie beide gar nicht kennt, aber zu gerne mal erleben würde. Was genau sie denn an einer Fahrt dorthin hindern würde, wollte ich wissen und dann kam von ihr der Satz: 

"Kann F. in Urlaub fahren?" 😮😮😮

Als ich ziemlich verblüfft verneinte, meinte sie: "Na, siehste ...!" 

Tja, was will man dazu noch sagen?

Am besten gar nichts, also beschränkte ich mich im weiteren  Verlauf des Gespräches darauf, sie ausgiebig zu bedauern.

Und sonst so?

Ich bin mehr als froh über den neuen Ventilator mitsamt seiner Fernsteuerung, denn F. und ich haben unterschiedliche Bedürfnisse, z.B. mag er es nachts gar nicht, angeblasen zu werden, während ich ohne gar kein Auge zubekäme, und nun kann ich alles von meiner Pritsche aus bedienen, wirklich praktisch, auch wenn ich damit ab und zu auch die Programme im Fernseher umschalte. Anscheinend die gleiche Frequenz ... 🙄

Bei euch ist es sicher  auch so heiß?

Hier muss man alles frühmorgens erledigen, also bin ich beizeiten los zu Bank und Aldi und habe beschlossen, den Rest des Tages nur noch das Allernötigste zu tun.

 

Bleibt gesund ...! 😉