Dienstag, 8. August 2023

Kettenreaktion

 Da hatte mich gestern doch der Nachbarblog tatsächlich angeregt, den alten Läppi meiner Mutter noch einmal anzuwerfen, und schon geht's nun weiter im Text.

Zur Frage in den Kommentaren: Ja, meine Mutter gehörte ja (wie vermutlich auch schon meine Oma) zu den zwei Prozent der Menschen, die mit Hochbegabung geschlagen sind, vermutlich hätte sie eine erstklassige Mathematikerin, Physikerin oder eventuell auch Medizinerin werden können, wenn man sie nur gelassen hätte.

Dass sie die Fähigkeiten ihres Kopfes nicht so wirklich ausleben konnte und stattdessen "nur" Hausfrau und Mutter wurde, war wohl mit ein Grund für ihre innere Unzufriedenheit, für ihr ständiges Sich-unglücklich-Fühlen, das sie mit voller Wucht an uns anderen ausließ und das sie letztlich auch immer tiefer in die Alkoholabhängigkeit führte. 

War wohl irgendwie einfacher, als sich selbst zu hinterfragen und etwas zu ändern, leider, denn sie hatte so ungeheuer viel Potenzial ...

Das sie aber immerhin zeitweise deutlich zu nutzen wusste.

Nie habe ich jemanden kennen gelernt, der mehr von Pflanzen und ihren Familienzugehörigkeiten verstand, und mitunter war es recht anstrengend, mit ihr durch die Gegend zu wandern, weil sie natürlich alles kannte, was da am Wegesrand wuchs und dann gerne uns andere abfragte - natürlich auch nach den lateinischen Namen. 😮😁

Wenn sie sich in ein Thema verbiss, dann so richtig, so lief es mit den Versteinerungen, über die sie samt zugehörigen Erdschichten selbstverständlich alles wusste, oder auch mit der Farblehre, als es darum ging, fehlende Teile der selbstausgegrabenen Bauernkeramik fachmännisch zu ergänzen und bemalen.

Auch beim Thema PC war sie zunächst recht forsch, war sogar die Erste in der Familie, die einen Laptop besaß, ein petrolfarbenes 15-Zoll-Gerät, das mein Bruder irgendwie an die Telefonleitung gefummelt hatte, so dass sie ins Internet konnte - zu der Zeit, als es bei uns erst zögerlich damit losging, weil wir noch keine Flatrate hatten und für jede Minute löhnen mussten.

Sprich, ich hatte selbst noch ziemlich wenig Ahnung davon bzw. begann gerade erst hineinzuwachsen und ihr Laptop war sozusagen ihr Heiligtum. Nur mein Bruder hatte Zugang, weil er ja derjenige war, der "wirklich etwas davon verstand". 

Sie hatte ziemlich groß getönt, was sie nun alles damit anfangen würde, Bestellungen aufgeben und was weiß ich, was sie noch alles vorhatte.

Bei dieser Absicht blieb es im großen Ganzen, denn die Materie interessierte sie gar nicht wirklich, zumal sie auch keinen Bock auf Kontakt zu anderen Menschen hatte.

Das änderte sich erst nach dem Tod meines Vaters - 9 Monate später zog sie um in den Schwarzwald und nun legte ich ihr ans Herz, dass es Zeit würde für einen vernünftigen Läppi, der uns das Skypen ermöglichen würde.

Sie war einverstanden, also zog ich los, besorgte einen, richtete ihn ein und fuhr dann mit dem Zug los, um ihn ihr zu bringen und sie anzulernen.

Natürlich hatte ich eine "Gebrauchsanweisung" geschrieben, alle wichtigen Schritte übersichtlich zu Papier gebracht und überdies installierte ich ihr den Teamviewer, so dass ich von hier aus zugreifen und alles Nötige erledigen konnte, wenn es Schwierigkeiten gab.

Das funktionierte gut, wir sahen uns auf diese Weise fast täglich und das Einzige, was mich regelmäßig ins Fluchen brachte, war, wenn ich hinkam bzw. eingriff und sah, dass schon wieder Bruder oder Schwager sich bei einem ihrer Besuche am Gerät zu schaffen gemacht hatten, denn so war es verdammt schwer für mich, da Ordnung zu halten.

Und nun ging es weiter mit der Kettenreaktion, denn angeregt durch den lieben Blognachbarn lifeminder stieß ich auf eine Menge alter Fotos, z.B. dieses hier. Ich war im Schwarzwald bei ihr, sie selbst sitzt an ihrem Sekretär vor dem Laptop und ich knipse von hinten, sie sie sich mit F., der zu Hause den Hund hütete, per Skype unterhält:


Tja, und dann fiel mir heute Morgen auf, dass ich euch gern auch ein durch diese Aktion wiederaufgetauchtes Bild des einstigen Wohnzimmers meiner Eltern zeigen wollte, doch dummerweise hatte ich keines ohne Menschen darauf.

Hm, wie um alles in der Welt bekomme ich nun Gesichter verpixelt?

Ich habe ja gar keine Software zum Bilderbearbeiten, nutze höchtens einmal online "Befunky", und das gibt so etwas in der kostenlosen Version nicht her.

Gimp?

Jo, auf dem großen PC habe ich das, finde es aber sehr schwierig in der Handhabung, denn wenn man sich nicht regelmäßig und etwas tiefgehender damit befasst, steht man erst mal da wie der Ochs vorm Scheuentor - ich jedenfalls. 🤣

Trotzdem lud ich es mir heute früh dann doch mal auf den Laptop herunter und siehe da, das Gesicht meiner Nichte (die, die inzwischen in Argentinien lebt) bekam ich weg, auch wenn das sicher etwas eleganter machbar wäre:

Schon seltsam, wie sehr der antike Bücherschrank dort fast verschwand, während er nun bei uns das kleine Wohnzimmer doch sehr dominiert, wo er in der Nähe der Standuhr steht.

Die Uroma, die hinten in Öl hängt, "wohnt" inzwischen bei meinem Bruder, ebenso wie einer der ledernen Fernsehsessel - den anderen hat F. nun.

Ganz erschüttert bin ich über den Anblick der pisseligen Deckenlampe, deren Existenz in späten Jahren ich tatsächlich komplett verdrängt hatte, denn ursprünglich hing dort ein mächtiger zwölfarmiger Kronleuchter aus Messing von sicher anderthalb Metern Durchmesser.

Von den großen, elfenbeinfarbenen Glasschalen waren bei einer Renovierung drei kaputtgegangen, Ersatz ließ sich nicht mehr besorgen, also wählten meine Eltern den denbar unpassendstens Ausweg mit diesem jämmerlichen Ding.

Schade, denn vorher war der Raum, der durch einen Durchbruch direkt ins von Muttern mit Bauernmalerei gestaltete Esszimmer überging, wirklich ansehnlich gewesen ... 


Ja, so lief es also mit der Kettenreaktion, zwar habe ich die Giraffenbilder immer noch nicht gefunden und jetzt auch gar keine Zeit fürs weitere Suchen, aber immerhin hab ich nun Gimp, ist ja auch was wert, oder? 😂🤣😂


Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😀

6 Kommentare:

  1. Ich finde es sehr Schade, dass man damals nicht den Beruf ergreifen konnte zu dem man sich berufen fühlte oder zu den fähigkeiten passten. Bei meiner Mutter war es ähnlich. Da ihre Brüder im Krieg waren und schon damals gegen die pösen Russen kämpften.
    Der Schreibtisch ist ein wahres Prachtstück. Existiert er heute noch?
    Meine "Ausmisterei" geht fröhlich weiter. Und dafür bin ich sehr motiviert.

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    1. Meinst du den hellen Sekretär, an dem meine Mutter sitzt oder den Schreibtisch rechts an der Fensterfront im Wohnzimmer?
      Ersteren fand ich zwar auch nett, aber der war nur auf alt getrimmt, Muttern kaufte ihn sich, als sie in den Schwarzwald zog, und nach ihrem Tod übernahm ihn mein Bruder.
      Mich interessieren eigentlich nur die echten Antiquitäten, zumal ich mit jedem Teil eine lange Geschichte verbinde.
      Vom wirklich alten Schreibtisch - Papa hatte ihn vom Großonkel und der wiederum von seinem Vater, also meinem Uropa - sieht man leider nicht viel, aber er ist wirklich schön und steht heute bei uns im kombinierten Ess-, Arbeits- und Bücherzimmer.
      Und ja, bei Mädchen wurde damals viel weniger Wert auf Schulbildung gelegt als heute.
      Meine Mutter war Jahrgang 1940, der Krieg war also längst vorbei, als sie ins fragliche Alter kam, aber leider war meine Oma ein Raffzahn, die Kinder sollten gefälligst Geld ins Haus schaffen.
      So war für Muttern nach der Mittleren Reife Schluss, obwohl ihre außergewöhnliche Begabung, besonders im mathematischen Bereich, durchaus bekannt war, denn sie hatte ein Schuljahr übersprungen und wurde oft auch herangezogen, in anderen Klassen den Mathe-Unterricht zu übernehmen, wenn ein Lehrer ausfiel.
      Ihr eigenes Buch fürs neue Schuljahr hatte sie immer schon zu Beginn allein durchgearbeitet und alle Aufgaben gelöst, sie hatte es also wirklich drauf.
      Schade, dass Oma sie nicht darauf aufbauen ließ und dass sie sich dann stattdessen ans Turteln machte, denn sie war gerade 19, als sie mit mir schwanger wurde, und mit 21 hatte sie bereits zwei Kinder.
      Was sie mir übrigens immer vorwarf, dass ich die Frechheit besessen hatte, mich in ihrem Bauch anzusiedeln. 🙄
      Lief es bei deiner Mutter ähnlich, also gleich heiraten und für Nachwuchs sorgen?

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  2. Hallo, Liebe "Rex-Mama!"

    Deine Mutter wird mir ein Rätsel bleiben, wie kann man nur so hoch veranlagt sein, dann so teilweise mit Menschen umgehen, sie muss wirklich sehr unglücklich (mit sich) gewesen sein?

    Das, wenn jeder an allem rumpfuscht, kenne ich auch, denn dann entsteht da vieles, jedoch meist keine Ordnung. - Ich bin froh, dass ich ein PC-Männchen oder den PC-Doktor (wenn auch diesen für teures Geld) auf meiner Seite habe, wenn denn mal etwas sein sollte.

    Die älteren Bilderstrahlen soviel Nostalgie aus. Stets auch eine Gemütlichkeit, die einem selbst ganz vertraut immer wirken.

    Hast du denn die gefundenen Bilder nun gleich gespeichert?

    Mach dir keine Sorgen, die Giraffen-Bilder tauchen eines Tages auf. Zwar genau dann, wenn du es am wenigsten vermutest.

    Dein Eintrag war echt eine positive Kettenreaktion.



    Liebe - ich wünsche dir mehr Zeit - Grüße
    Vom lifeminder

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    1. Leider ist es so, lieber lifeminder, dass Hochbegabung nichts mit sozialer Kompetenz zu tun hat, ihr mitunter sogar vielfach deutlich im Wege steht.
      Obwohl man heute wesentlich bessere Möglichkeiten hat, die HB zu diagnostizieren, ahnen viele trotzdem nichts davon, sie fühlen nur, dass sie anders sind (ticken) als andere, sind innerlich meist sehr einsam, und da sie den Grund nicht kennen, entwickelt sich darauf oft ein Gefühl der Unzulänglichkeit.
      Leider war ich zu Mutterns Lebzeiten noch nicht so drin in dem Thema, wie ich es heute bin, sonst hätte ich ihr vielleicht aus ihrem Gefühlschaos etwas heraushelfen können, zu dem auch narzisstische Züge gehörten.
      Und jaaa, wenn alle gleichzeitig an etwas herumpfuschen, kommt selten was Gutes dabei heraus. So war es mit dem PC meiner Mutter und so ist es auch hier, seit F. "den Großen" komplett übernahm, denn wir beide haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung.
      Bei ihm muss oberflächlich alles irgendwie gut aussehen, während bei mir immer ein System drinsteckt.
      Und natürlich habe ich mir die Fotos vom alten PC nun auf meinen aktuellen Läppi rübergezogen, an den F. übrigens nicht drandarf, aus gutem Grunde. 😂
      Gemütlich war es bei uns wirklich immer, jeder Raum hatte seine eigene besondere Note - meine Mutter hatte auch das, was ich bei mir das "Fengshui-Gen" nenne, also ein untrügliches Gespür dafür, wie man Vorhandenes in einem Raum kombinieren sollte, damit alles eine behagliche Ausgewogenheit ausstrahlt.
      Ich muss mal nach Fotos vom Esszimmer schauen, denn das war wirklich ein ungeheuer heimeliger Ort. :-))

      Liebe "Kettenreaktionen sind immer ein Zeichen dafür, dass nichts stillsteht, oder?"-Grüße zurück! 😉

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  3. Welch ein herrlicher Bücherschrank! Liebe, ich kann dich nur beglückwünschen, dass deine Eltern dir ein solch Andenken hinterlassen haben. Die Ordnung und die Übersichtlichkeit erfreut dich als Suchende in so einem Schränkchen ganz sicher noch heut zutage.
    Ganz anders, als wie in deinen tristen Computerdateien. Nach anfänglicher Unachtsamkeit und Schlamperei mit den Ordnern und v.a. Bilddateien bin ich inzwischen konsequent und aufwändig mit der Umbenennung und Beschreibung der Meta- und Exifdaten von meinen zigtausenden von Daten. Nur dann ist es mir ein Leichtes in dieser Menge zu finden was ich suche.
    Trotzdem, Liebe, viel Glück bei der Suche nach deiner Giraffe. Das schöne dabei ist doch, was dir auf der Suche alles über den Weg läuft.
    lg Faradei

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    1. Dieser Schrank, lieber Faradei, war wie auch andere antike Stücke seit jeher für mich gedacht und nahm eigentlich nur einen Umweg über meine Eltern.
      Der Großonkel kaufte ihn einst den letzten Gräfinnen ab, in deren Schloss er sich mit seiner Frau nach dem Krieg in einem großen Zimmer eingemietet hatte. Als Kind verbrachte ich ungeheuer viel Zeit bei ihnen und so erlebte ich diese Möbel also noch am Originalstandort - was sie für mich so kostbar macht, denn noch immer meine ich, die Säle und die vergangene Pracht des Schlosses zu riechen.
      Leider hat er neben der vielen Arbeit, die das Sauberhalten des Schnitzwerkes mit sich bringt, nicht viel praktischen Nutzen für mich, denn zu ihm gehört eine Büchersammlung, die uralte Komplettausgaben von z.B. Goethes oder Schillers Werken beinhaltet, Brehms Tierleben, Heinrich Heine, Brockhaus usw.
      Teilweise haben sich die Besitzer vorn eingetragen, beispielsweise eine Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein - so viele Schätze, und ich habe immer noch keine Ahnung, was nach mir daraus werden soll ...
      (Einen Teil der alten Bücher habe ich immerhin ausgelagert in eine ebenfalls aus dem Schloss stammende Truhe, so dass ich zumindest zwei Regalbretter für meinen eigenen Kram nutzen kann.)
      Meine eigenen PC-Dateien sind übrigens absolut nicht trist, d.h. wenn mir niemand anderer hineinpfuscht.
      Ich selbst gehe eigentlich bei allem sehr systematisch vor, da hat jedes Teil im Küchenschrank seinen Platz, jedes Gewürz usw., so wie es am sinnvollsten und raumsparendsten für mich ist, und mit Dateien halte ich es genauso, doch dann kommen die anderen ins Spiel. 😅
      Bis 2008 hatten wir nur den einen großen, stationären PC, an dem F., bis wir die Internetflatrate bekamen, sehr viel mehr zugange war als ich.
      Die Folge war ein unbeschreibliches Chaos in den Fotos, weil er eben kein nachvollziehbares System in die vielen Ordner brachte und vieles in irgendwelchen Unter-unter-unter-Ordnern verschwunden war.
      Dann kam der erste Laptop, auch an dem verfummelte zunächst F. alles, bis ich ihn übernahm und er sich einen eigenen kaufte.
      Ich bekam es ziemlich hin, sein Durcheinander zu beseitigen, aber dann ging das Scharnier kaputt, ich übernahm den meiner Mutter, an dem wiederum Bruder und Schwager rumgewurschtelt hatten, doch dann wurde es Zeit für noch mal einen neuen und auch hier lief es blöd, weil es mir damals nicht gutging und ich mir Zeit lassen wollte, was aber F. nicht ertragen konnte.
      Also mischte er sich ein, vermurkste mir beim Einrichten so einiges und zog mir überdies noch etliche von seinen Chaosdateien drauf. 🙄
      So hatte ich erst mal genug damit zu tun, das alles auseinanderzufriemeln und in eine Ordnung zu bringen, doch was die alten Läppis angeht, muss ich noch mal ran, um die dort noch liegenden Schätze zu retten, geschweige denn die, die noch im Großen verborgen sind, sofern er sie denn nicht schon ganz weggewurschtelt hat.
      Zeit heißt das Zauberwort, denn davon habe ich grad eindeutig zu wenig, aber ... irgendwann werde ich das schon vollends hinkriegen. ;-))

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