Donnerstag, 27. April 2023

Wieder mal so ein Tag, ...

 ... an dem ich meinem Leben irgendwie hinterherzurennen scheine, weil allzu viel erledigt werden muss.

Trotzdem nehme ich mir aber jetzt einen Moment Zeit, in Ruhe ein Käffchen zu schlürfen und die gestrigen Erlebnisse kurz festzuhalten, denn los ging es schon mit einem wirklich netten.

Es war Schulschluss und schräg gegenüber strömten die Kinder in hellen Scharen heraus, dadurch wurde mein Weg zu M. und A. ein recht lauter, denn sie veranstalteten einen Heidenlärm.

Als ich mich der Fußgängerampel am Marktplatz näherte, war eine Schar besonders schreifreudiger halbstarker Jungs vor mir und ich dachte, tu mal langsam, nimm die nächste Grünphase, obwohl mir klar war, dass ich dem Spektakel eh nicht entgehen konnte, denn auf der anderen Straßenseite sammelten sie sich an der Bushaltestelle, und zwar in zwei großen Gruppen. Rechts überwog Arabisch und von links vernahm ich eher Türkisch.

Auf einmal hörte ich es rummsen und bevor ich noch erkannte, was das gewesen war, sah ich unabhängig voneinander zwei vielleicht vierzehnjährige Jugendliche lossstürmen, von links ein Mädchen, von rechts ein sehr großer und stämmiger Junge, beide flitzten sie zurück über die Straße und halfen dort einem Mann.

Besonders alt war er nicht mal, aber er hatte einen Rollator dabei und versuchte auf einer obenaufliegenden Tasche zwei bepflanzte Blumenkästen zu balancieren, die nun beim Runterschieben über die Bordsteinkante ins Rutschen gekommen waren.

Ich selbst war noch zu weit entfernt, hätte aber auch gar nicht helfen müssen, denn die beiden jungen Leute kümmerten sich vorbildlich, sammelten den Kram von der Straße, beluden den Rollator neu und besser als zuvor, wie ich fand, und dann fragte das Mädchen auch noch:

"Meinen Sie, Sie kommen nun alleine klar?"

Der Mann nickte, bedankte sich, die beiden marschierten wieder zurück zu ihrer jeweiligen Gruppe und auch ich war nun heran und konnte die Straßenseite wechseln.

So begeistert war ich vom Verhalten der beiden, dass es mir ein großes Bedürfnis war, das kundzutun, also sagte ich zu dem Mädchen, als ich an seiner Gruppe vorbeikam:

"Fand ich richtig toll von euch, wie ihr dem Herrn sofort geholfen habt, ein ganz dickes Daumenhoch dafür!"

Sie schaute mich etwas überrascht an, begann dann aber über alle Backen zu strahlen und bedankte sich richtig herzlich für das Lob. Noch ein, zwei kurze Sätze, dann war ich auch schon weiter, aber ich denke, wir hatten beide hinterher ein richtig gutes Gefühl, und so soll es sein.

Nicht nur moppern, wenn etwas Käse ist, sondern auch sagen, wenn das Gegenteil der Fall ist, ich jedenfalls finde das wichtig. 😊

So kam ich dann zwei Minuten später denkbar gut gelaunt bei M. und A. an, deren kleiner Sohnemann schon wieder vor sich hin kränkelt und nun mit Vitaminen aufgepäppelt werden soll.

Immer lockerer läuft es zwischen uns und fast habe ich schon bissl ein Nachhausekommgefühl, wenn ich dort aufschlage, freue mich, sie alle zu sehen und auch A. rief sofort aus der Küche, dass sie gleich nachkäme ins Wohnzimmer.

Wo M. mir derweil einen Brief zeigte und fragte, ob und was er damit machen müsse.

Es waren die Unterlagen für die Sozialwahl der Rentenversicherung und ich war einigermaßen verblüfft, dass auch Flüchtlinge, die noch nie selber einen Cent dort eingezahlt haben, mitstimmen dürfen.

Egal, denn schon rückte er mit einem megadicken Din-A4-Buch an, das seinen B2-Deutschkurs begleitet.

Ganz viele Situationen werden dort dargestellt, beispielsweise arbeitet jemand in einem Lager, muss eine Retoure bearbeiten und hat nun Rückfragen dazu.

Es folgt eine Unzahl möglicher Sätze, die in diesem Zusammenhang fallen könnten, und so geht das mit x Berufsfeldern.

Anhand seiner handschriftlichen Anmerkungen sah ich, wie gründlich er das alles durcharbeitet, frage mich aber doch, ob das nicht sehr viel völlig überflüssiger Ballast ist, der dort vermittelt wird, denn sein Kurs besteht nur aus Akademikern, die kaum die Absicht haben werden, jemals in einem Lager oder als Paketbote tätig zu werden.

Er sieht es genauso und ich sagte dann, dass ich es absolut richtig finde, was er gemacht hat, sich nämlich deutsche Muttersprachler als Gesprächspartner zu suchen, zumal seine Lehrerin eine Ukrainerin ist, die selbst erst 6 Jahre in Deutschland lebt. 

Nun gesellte sich auch A. zu uns, servierte frisch gebackene und mit Kartoffeln bzw. Käse gefüllte Sesambrötchen, dazu Oliven, Tomaten, Gurkenscheiben und hinterher gab es noch Kokosgebäck und natürlich Tee.

Sehr schön, dass sie auch für sich selbst deckte und mitaß, offenbar hatte ihr mein Nachbohren zu denken gegeben, nachdem sie es ja bei meinen ersten Besuchen niemals tat.

Und dann geschah etwas, das mir recht gut in den Kram passte, denn sie stellten fest, dass die Tochter gleich von der Schule abgeholt werden müsse.

"Oh, dann trinke ich schnell aus ...?"

"Nein, kein Problem", winkte A. ab, das könne M. auch allein machen, dann würden so lange eben wir beide uns unterhalten.

Sobald wir allein waren, tauschten wir erst mal unsere Handynummern aus. Bisher hatte ich mich gescheut, danach zu fragen, weil ich nicht wusste, ob M. das recht sein würde bzw. inwieweit das überhaupt eine Rolle spielt.

Und alsbald waren wir in einem fröhlichen Austausch über Brillen - sie hat seit Kurzem eine und führte sie mir nun vor - und vor allem auch über Literatur.

Sie hält es ähnlich wie ich, liest immer etliche Bücher parallel, zeigte mir einen Roman, aber auch den Koran und dazu ein Sachbuch, in dem es offenbar nicht nur um Übersetzung, sondern auch um Anmerkungen und im besten Falle Kritik dazu geht.

Im Sommer wird sie endlich auch mit Deutschkursen beginnen, was bisher an fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten scheiterte. Sie erklärte mir, warum M. das dann nicht einfach während dieser Zeit übernehmen konnte, leider habe ich es aber nicht wirklich kapiert, was sie mir sagen wollte.

Fakt ist aber, dass sie schon sehr viel versteht und sich das alles selbst anhand von Büchern und Internet beigebracht hat, nur am Reden hapert es natürlich noch gewaltig, da sie kaum einmal Gelegenheit hatte, mit Deutschen zu sprechen.

Was sich nun geändert hat und es trifft sich ganz gut, dass ich dank meiner thailändischen Schwägerin eh Übung darin habe, sich auszutauschen, auch wenn es sprachlich noch viele Defizite gibt.

Als A. mit der Tochter zurückkehrte, brachte er das Thema wieder einmal darauf, wie sehr oder eben auch nicht es hierzulande üblich sei, dass Kinder mit ihren eigenen Familien bei den Eltern leben.

Offenbar liegt es ihm sehr am Herzen, während A. schon mehrfach erzählte, wie schwer es für ihre Mutter gewesen sei, mit nur 17 Jahren unter die Knute der Schwiegermutter zu geraten.

Um sie zu unterstützen, erzählte ich nun davon, wie wir einst überlegten, in unser Haus im Schwarzwald zu ziehen.

F.s Mutter hätten wir mitgenommen, sie oben, wir unten, allerdings bestand ich damals darauf, dass dann im Flur eine Wand eingezogen würde mit einem separaten Ausgang nach draußen, denn alle fröhlich vereint, da hätte ich nicht mitgespielt, bestand auf meine Privatsphäre, die sie mir aber nicht zugestehen wollte.

Wie die Sache dann ausging, fragte M. und da ich genau mitbekam, wie gepannt A. alles verfolgte, erzählte ich schulterzuckend: "Sie wurde 99 Jahre alt und musste die letzten drei Jahre tatsächlich in einem Heim verbringen. Sie hätte es anders haben können, aber ..."

(Ich könnte schwören, dass ich A. bei diesen letzten Worten heimlich lachen und mir zuzwinkern sah.) 😉

Ich denke, wenn sie das Thema immer wieder aufbringen, geht es darum, dass sie sich viele Gedanken darüber machen, wie es mit ihren Eltern einmal werden wird, von daher ist es vermutlich besonders für A. wichtig, auch mal andere Perspektiven als nur die traditionelle Sichtweise zu hören, bei der die Frau am Ende immer die Leidtragende ist.

So gingen mehr als zwei Stunden dahin mit munterem Geplaudere, ernsten Themen, aber auch viel Lachen und am Ende freute ich mich richtig, als ich mich an der Tür verabschiedete, noch einmal "Tschüss" zum kleinen Bub rief, der daraufhin angesaust kam und mir wie wild zuwinkte, nachdem er sich das ja bei den ersten Malen nie traute, sondern sich eher verschämt hinter der Mutter verkroch. 😊


Und nun muss ich hurtig in den Garten. Zwar habe ich neben viel Rupfen gestern endlich die Dahlien-Knollen in die Erde gebracht, aber nun will noch eine Mini-Konifere eingepflanzt werden, wofür ich allerdings zunächst einmal die alte, abgestorbene aus dem Topf fummeln muss und so weiter und so fort ...


Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉


2 Kommentare:

  1. Als ich das las, was du da geschriben hast von den beiden Jugendlichen freute ich mich sehr. ehrlich gesagt, liebe Rex-Mama, da hab ich mich über das Verhalten etwas gewundert, gleichzeitig auch erfreut.Danke, dass du sie gelobt hast. Ich hätte das an deiner Stelle auch so gemacht. Schön, dass der kleine Bub der Familie nun Vertrauen gefasst hat.

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    1. Genauso ging es mir auch, ich war überrascht, dass die beiden so toll reagierten, bevor ich selbst überhaupt gerafft hatte, was passiert war, und ich bin im Nachhinein immer noch froh darüber, dass ich mein spontanes Lob anbrachte.
      Positive Verstärkung nennt man das dann wohl, als Hundehalter ist man mit so etwas vertraut und natürlich tut es uns Menschen genauso gut, wenn wir positives Feedback bekommen. ;-))

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