Samstag, 28. Januar 2023

Gewissensnöte

 Und wieder ist es der verdammte Alkohol, mit dem sie zusammenhängen.

Als ich gestern zum Einkaufen ging, kam mir ein Mann entgegen, bei dem ich ins Grübeln kam, isser das nun oder isser es nicht?

Okay, meine Augen-OPs brachten nicht den gewünschten und erhofften Erfolg, ich sah es also tatsächlich schlecht, aber es lag nicht nur daran, denn er hat sich wirklich sehr verändert.

Klapperdürr und trotz seiner erst 50 Jahre sehr gebeugt kam er auf mich zu, winkte erfreut, doch gerade als wird so richtig zu reden beginnen wollten, stieß ein weiterer Nachbar hinzu, so dass das weitere Gespräch dadurch in eher seichte Bahnen gelenkt wurde, und kurz darauf verabschiedete er sich auch schon, weil er - gut sichtbar - kaum noch stehen konnte, sondern mehr oder weniger vor sich hin wackelte.

Er hat immer schon gerne und viel getrunken, immerhin nur Bier und keinen Schnaps, aber seit seiner Scheidung nimmt es gewaltige Ausmaße an, er hat die Trennung nicht verkraftet und das bisschen, dass er essen könnte, führt er sich nun auch noch in flüssiger Form zu.

Wenn ich seine Ex-Frau, ebenfalls eine liebe Bekannte von mir, darauf anspreche, kommt nur: "Was geht mich das an?", so wie sie auch früher schon sagte, es sei doch nicht ihr Problem, wenn er nicht ordentlich esse, er sei doch selber schon groß.

Das ist etwas, das mir in unserer Gesellschaft zunehmend auffällt, die Menschen fühlen sich nicht mehr füreinander verantwortlich, jeder ist sich selbst der Nächste und wenn das momentane Gegenüber nicht in der gewünschten Weise oder auch gar nicht mehr funktioniert, wird es kurzerhand ausgetauscht. 

Eine Freundin von mir drückte sich vor einiger Zeit so aus, nachdem sie sich auch räumlich endgültig von ihrem langjährigen On/Off-Lebensgefährten getrennt hatte: "Ach, der geht nun auch auf die Siebzig zu, der bringt'et einfach nicht mehr ..."

Und dann kommen die Mittrinker hinzu, so wie ich es auch schon bei meinen Eltern erlebte, die beide deutlich zu sehr dem Alkohol zusprachen, beide hochgradig abhängig waren, ohne es sich auch nur ansatzweise eingestehen zu wollen.

Hätte man den einen auf den anderen angesprochen, hätte dieser abgewiegelt, klar, sonst hätte er ja den eigenen Konsum ebenfalls hinterfragen müssen, und das war natürlich absout tabu.

Genauso verhält es sich nun mit diesem Mann. Er hat einen guten Freund, ebenfalls sehr geschätzter Nachbar, der ähnlich wie mein Papa spätestens abends seine Biere braucht und das als völlig normal empfindet.

Dass Not am Mann ist, liegt auf der Hand - ich habe genug Leute sich zu Tode saufen sehen und weiß, wie sie kurz vor dem Ende aussehen, doch was tun, wenn überhaupt?

Dieser Freund könnte wohl am ehesten Zugang zu ihm bekommen, nur da ergibt sich die gleiche Schwierigkeit wie bei meinen Eltern - er wird es rundheraus verneinen, dass da überhaupt ein Problem besteht, würde er sich doch sonst ins eigene Fleisch schneiden. 

Ich selbst habe diese unheilvolle Neigung übrigens genetisch voll abbekommen, d.h. ich weiß sehr genau, wovon ich rede, kenne das Gefühl, wenn einem der Alkohol zunächst vermeintlich manches leichter erscheinen lässt, was sich dann aber sehr schnell ins Gegenteil verkehren kann, weil man nämlich diese Grenze "Nun ist es genug" nicht in sich hat, und dann driftet das Ganze ab, das eigene "Elend" türmt sich immer mehr vor einem auf, was direkt nach noch mehr Alkohol verlangen lässt, zumal wenn dann auch noch Entzugserscheinungen hinzukommen.

Ein Teufelskreis, der nicht selten zum Suizid führt, und den gilt es zu durchbrechen, wofür aber schonunglose Offenheit sich selbst gegenüber notwendig ist, und dazu sind viele nicht bereit, zumal wenn ein wirkliches Ziel fehlt, wie in diesem Falle, wenn einem die Familie, alles, was bis dahin wichtig war, weggebrochen ist.

Seufz, ratlos macht mich das im Moment. So gern würde ich etwas tun, weiß aber nicht, was und wie, zumal mir bewusst ist, dass er mir mim nackten Hintern ins Gesicht springen würde, wenn ich "null Alkohol" auch nur erwähnen würde.

Im Grunde bin ich "zu weit weg", um wirklich Einfluss nehmen zu können, aber da er mir am Herzen liegt, werde ich das im Auge behalten und schauen, ob sich nicht doch noch "zufällig" eine Gelegenheit ergibt, etwas näher an ihn heranzukommen, denn irgendetwas muss geschehen, wenn das nicht ein ganz böses Ende nehmen soll.

Und damit auch genug von diesem traurigen Thema.

Eben begann F. zu träumen ... von einem "Küchsken", womit er natürlich seinen geliebten Gugelhupf meinte.  

Kurz zögerte ich, dachte über seinen Zuckerkonsum nach, der sich ja in Grenzen halten sollte, dann aber gab ich mir einen Ruck, machte mich auf in die Küche und nun schmurgelt er bereits im kleinen Backofen der Mikrowelle (den großen versuche ich ja nach Möglichkeit so gut wie gar nicht mehr zu benutzen wegen der Stromkosten).

Dafür kassiere ich nun allerdings die Keksdose vom Küchentisch erst mal ein, da darf er erst wieder ran, wenn der Kuchen verspeist ist, und warum sie überhaupt noch einmal gefüllt wurde, nachdem Weihnachten ja Schnee von gestern ist, dazu dann morgen mehr, denn da hatte F. unverhofftes Glück. 🤣

Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 🙂



 

5 Kommentare:

  1. Liebe REX-Mama, zu deinem heutigen Eintrag habe ich auch meinen Senf dazu zu geben. Ein Mitabreiter bei REWE war auf Grund von Alkoholproblemen ein 1/2 Jahr in einer Entzugsklinik. Da hin kam er weil er nicht auf Anrufe regagierte, weil er mal wiedr im Delirium war.eine Bekannte rief bei der Polizei an, die dann an seiner Wohnung läutete, nicht geöffnet. Folge Türe mit Gewalt aufgebrochen. Und dann Einweisung. Hier in der Gegend gibt es eine Suchtklinik im Volksmund "Trockendock" genannt. Prominenter Gast Werner Hansch, Sportreporter im Radio auf Grund seiner Spielsucht. nIch bin dankbar dafür, dass ich nicht in ein solches Fahrwasser geommen bin, auch nicht bei meiner langen Arbeitslosigkeit oder sonst was.

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  2. Jep, da kann man wirklich nur froh sein, wenn man selber nicht in einen solchen Sog gerät und wenn wie im Falle deines Bekannten die Umwelt achtsam ist.
    Ist er denn jetzt trocken?

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  3. Rex-Mama, ich kaufe bei diesem Rewe nicht mehr ein und kann dazu nix sagen. Es ist ja auch so, dass er zu unterschiedlichen arbeitet. Und ich habe ihn nur zweimal getroffen, als ich dort war. Ich kaufte was, das gerade dort im Angebot war.

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  4. Das ist das Traurige an diesem Thema. Bei einer Sucht kannst du nichts erreichen, egal wie nah oder weit weg du bist. Da muss die Einsicht vom Süchtigen selbst kommen. Und das weißt du doch auch selbst. An Aufklärung magelt es keinem Süchtigen, es muss "nur" irgendetwas passieren, das ihm seine Sucht bewusst macht, er kapiert, dass es so nicht weitergehen kann.

    Lieben Gruß und lasst euch den Kuchen schmecken :-)

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  5. Ich denke, ihm ist das durchaus bewusst, aber es ist wie du sagst, die Einsicht dazu fehlt eben, ihm geht ein Grund ab, für den es sich lohnen könnte, sein Leben zu verändern bzw. überhaupt weiterzuleben.
    Schwierige Sache und vermutlich habe ich keine Chance, irgendetwas erreichen zu können, trotzdem ist es heftig, wenn man so hilflos zuschauen soll, wie jemand sich zugrunderichtet.

    Das Thema Kuchen, seuuuufz, verlief auch nicht unbedingt erfreulich, du hast es vielleicht inzwischen schon gelesen, meine Liebe? 😂

    Lieben Gruß zurück und hab einen richtig guten Tag! 🙂

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