Tag 4 des Entzugs, in den ich einfach so reingestolpert bin, weil es mir atemmäßig tatsächlich so schlecht ging, dass ich nicht mal mehr auf die Idee kam, eine Zigarette anpacken zu wollen - etwas, das so in den letzten 50 Jahren niemals vorgekommen ist.
Natürlich ist es mir bewusst, wie ungesund das Ganze ist, schweineteuer obendrein, und trotzdem habe ich von Anfang an gerne geraucht. Damals gehörte es einfach dazu - die Eltern taten es beide ständig, es erschien selbstverständlich, dass es genau wie Alkohol zum Erwachsensein dazugehörte, und wenn man sich unter Gleichaltrigen aufhielt - immer auf der Suche nach der großen Liebe, dann gab einem so ein Glimmstängel in der Hand ein Stückchen Sicherheit ...
Im Moment laufen die Uhren hier infolge des Infektes ziemlich anders, da ist nichts von der ansonsten immer pünklichen Zuverlässigkeit, mit der ich mein tägliches Pensum abarbeite - wäre es anders, würde es sich vermutlich für mich so anfühlen, als würde mit ständig der Wurstzipfel abgeschnitten, in den ich gerade hineinbeißen will.
Ich brüte über einer komplizierten Umfrage, grüble über einen Blogeintrag oder Kommentar nach - seit ich mir wegen F. vor Jahren das Rauchen im Haus und damit auch am PC untersagte, sind das die Momente, in denen es mich dann zu meinem Rauchereckchen-Stuhl im Garten zieht. Rauche ich erst eine oder räume ich die Spülmaschine vorher noch aus? Ja, natürlich mache ich es so herum, die Zigarette ist dann die verdiente Belohnung ... und so zieht sich das durch jeden Tag, ein System aus Vorfreude, Warten, Sich-selbst-Belohnen und immer wieder gehören ein paar Minuten Zwangspause von allen Arbeiten dazu, sobald ich meinen Stuhl ansteuere.
Der Nikotin-Entzug macht mir schon zu schaffen, lässt sich aber dank Beta-Blockern, die ich ja sowieso nehme, irgendwie aushalten, doch die Rituale fehlen mir und jetzt wird es mir so richtig bewusst, wie sehr sie jeden Tag steuern.
Als würden alle Kunden direkt hintereinander ihre Waren aufs Kassenband werfen, kein Abtrenner macht auf die Grenze aufmerksam - wie ein Endlostext, der ohne jedes Satzzeichen immer weitergeht, ohne dass man noch irgendetwas blicken würde.
Eine pürierte Gemüsesuppe ohne jedes Gewürz. Man weiß im Prinzip, dass gesunde Sachen drin sind, aber man spürt und schmeckt sie nicht, ist ja alles einfach nur Brei ohne jede Konsistzenz.
Eine Uhr ohne Zahlen, die Zeiger bewegen sich durch gähnende Leere, nichts hat mehr einen richtigen Anfang oder ein Ende, weil alles nahtlos ineinanderübergeht ...
Seuuuufz, so könnte ich mir gerade noch haufenweise Schreckensszenarien ausmalen, um das zu beschreiben, was ich mir selber antue - das ist das völlig Paradoxe, ich will rauchen, so wie ich es immer wollte, obwohl mir ja immer bewusst war, was für ein Scheiß es ist.
Durch die Erlebnisse der letzten Tage ist mir sehr bewusst geworden, wie sehr hier alles von mir abhängt, F. und Rex sind auf mich angewiesen und ich sollte alles in meiner Macht Stehende tun, um meine Leistungsfähigkeit zu erhalten.
Das heißt, ich muss es lernen, etwas zu wollen, das ich noch nie wollen wollte ...
Rund 90 Stunden habe ich es schon durchgehalten, aber allmählich merke ich, wie das Verlangen übermächtig zu werden droht, obwohl der Infekt mich noch deutlich ausbremst.
Sehr spannend zu beobachten, wie das weitergehen wird, denn einschätzen kann ich es beim besten Willen nicht.
Wenn ich etwas eindeutig will, ist es der Regel kein Problem, es dann auch umzusetzen, aber wie ist es, wenn mir die Vernunft sagt, was richtig wäre, sich der Wille ihr aber erst mal ihr unterordnen müsste, statt das fortzusetzen, was er eigentlich will?
Weia, wir werden sehen ...
Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenIch hoffe, dir gehts es langsam besser! - Weiterhin beste Genesung!
Wow, ich habe noch nie so ausgewogen über das Rauchen gelesen wie gerade - das ist ein Text, der Druckreif ist und alles aussagt. Sowohl zum vorsichtigeren Konsum aufruft als auch zum Aufhören und wie schwer das sein kann/wird?
Tief beeindruckted. Bei mir ist es nicht das Rauchen - ich habe andere Laster, die sicher auch nicht gesünder sind.
Obwohl in deinen Blogs nehme ich dich nicht als sehr starke Raucherin da. Mal hier ein Zigarettchen mal da - mehr jedoch auch nicht.
Ja, Rex und "F" müssen auf dich vertrauen.
Deshalb hoffe ich umso mehr, dass du dir jetzt - soweit möglich - einige Tage noch eine Auszeit nimmst.
Ich hoffe, ihr heizt jetzt einige Tage - denn stillzusitzen in einem kalten Haus ist grausam.
Kuschel dich ins Sofa und lass den TV dabei laufen.
Das Hintergrundrauschen kann auch beruhigend und schön sein, sagt mir die Erfahrung - gerade wenn man nicht auf dem Damm ist.
Liebe - freundchaftliche drückerchen (mit Maske)- Grüße
lifeminder
Es ist durch und durch ritualisiert, lieber lifeminder, und im Grunde mit allem verbunden - entweder davor, danach, als Antrieb oder als Belfohnung, als Pausensetzer, als Zeitmarker und ich merke es gerade besonders stark, wie es alle paar Minuten juckt, den Gang nach draußen anzutreten, und ich muss echt noch klären, ob mir das so überhaupt Spaß macht.
LöschenUnd doch, ich bin immer relativ starke Raucherin gewesen, schätze, auf 20 bis 25 am Tag komme ich immer, weiß es aber gar nicht so genau, da ich sie ja selber mache und daher nicht schachtelweise rechne.
Grad überlege ich, ob ich mir ein Ersatzritual zulegen könnte? Vielleicht zum Raucherstühlchen gehen und jedes Mal einen Zahnstocher in seine Fasern zerbröseln?
Hihi, damit werde ich dann wohl überall ähnliche Spuren hinterlassen wie stets Sonnenblumenkerne knabbernde Mitbürger. 😅
Liebe Drückerchen-Grüße zurück! :-))
Hallo, Liebe Rex-Mama!
LöschenDas habe ich nie begriffen, das du 20 bis 25 Zigaretten geraucht hast - das kam mir in deinen Blogs kein bisschen so vor. - Im Gegenteil. Ich dachte, hier mal und da mal. - Du wirst für dich die Beste Lösung finden.
Ich schau ab und an aus meinem Blogfenster heraus, wenn ich die Rauchzeichen gesehen hatte, wusste ich nun ist ein Blog von der Rex-Mama fertig - nun muß ich wohl nach einem neuen Signal ausschau halten.
Das du das Rauchen lässt damit könnte ich auch - sofern du das willst gut leben.
Solange - du fein deine Blogs hin und wieder schreibst, dass nicht gedenkst in nächster Zeit einzustellen - alles wunderbar! ;)
Lach, zur "Hier mal und da mal"-Fraktion habe ich nie gehört, sondern immer zum Hardcore, nicht nur was das Rauchen angeht. 😀
LöschenIch muss es tatsächlich abwarten, wie das nun weitergeht. Dass ich es kann, habe ich mir bewiesen, ob ich es auch wollen will, muss ich noch abklären. ;-))
Bin sehr gespannt ob du wollen wirst! - Wie auch immer die Rex-Mama wird es schon richtig für sich machen.
LöschenPass gut auf dich auf! - Übernimm dich bitte selbst nicht - was du schon wieder durchmachen musst, geht auf keine Kuhhaut.
Liebe - erneuerte umäermelungs - Grüße
lifeminder
ich erinnere mich an meine Zigaretten-Abenteuer. Wir waren hinter dem Friedhof verabredet. Ein Bekannter hatte zuvor die Glimmstengel präpariert. Immer wieder wurden wir damit konfrontiert, daß eine Zigarette mit einer kleinen Explosion meldete. Wir zündeten sie dann wieder an und rauchten weiter. Ein Abteilungsleiter bei dem ich als Azubi war machte mir das Pfeifen rauchen "schmackhaft" Aus seinem Vorrat überließ er mir eine Pfeife. Das war schon etwas Besonderes. Er zeigte mir, wie eine Pfeife gestopft und gereinigt wurde. Ein anderer Vorgesetzter zeigte mir wie man Zigarren raucht. Sie waren groß und wahrscheinlich auch teuer. Irgendwann war die Zeit der Raucherei vorbei. Der Bruder meiner ersten Partnerin war leidenschaftlicher Raucher. Das tut er immer noch. In der Zeit damals wollten wir einfach dazu gehören, genau wie du das geschildert hast. Auf dem Weg zum Erwachsen werden. Und ja an meinen allerersten Rausch erinnere ich mich auch noch. In der Nacht mußte ich mich heftig übergeben. Dabei blieb es dann auch. Ich hatte mal eine Zeit da meinte ich unbedingt Whiskey trinken zu müssen. Aber irgendwann flaute der Wunsch ab. Heute begleitet mich Wein meistens nur zum Essen.
AntwortenLöschenPfeifenraucher liebte ich, mein Papa war einer, F. auch, und das verlieh jeder Situation etwas ungeheuer Gemütliches, auch wenn es natürlich genauso ungesund ist ...
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