Samstag, 20. Dezember 2025

Oh mein Gott ...

 Der Einfachheit halber kopiere ich hierher, was ich meiner Schwägerin nach meiner Heimkehr schrieb: 

"So, ich bin wieder daheim und muss mich erst mal sammeln, denn das war schon sehr  heftig.
Vor allem natürlich für F. Als ich kam, lag er unter der verhassten Sauerstoffmaske, erkannte mich sofort, sah mich aber voller Panik an und versuchte irgendetwas Unverständliches zu krächzen.
Ich nahm erst mal seine Hände in meine, versuchte ihn etwas zu beruhigen, ein Blick auf den Monitor zeigte mir, dass die Werte alle okay aussahen, dann wollte ich eigentlich erst mal zur Schwester rausgehen, mit der ich mich schon kurz unterhalten hatte, aber er ließ meine Hände nicht mehr los, griff nur immer noch fester danach, doch zum Glück kam die Schwester nun auch zu uns. Ob man es nicht mal mit der Nasenbrille zumindest versuchen könne, fragte ich, sie sprang darauf an und befreite F. von dem Terrorteil auf der Nase.
Doch diese Angst saß tief in ihm. Herr xxx, sie waren eine Woche lang sediert und sind nun im xxx-Krankenhaus, erklärte sie ihm, aber davon kapierte er gar nix, er kennt weder dieses Krankenhaus noch kann er mit dem Wort sedieren vermutlich etwas anfangen, und in diesem Zustand natürlich erst recht nicht. Also übernahm ich und sagte ihm, dass er ziemlich lange geschlafen habe und es nun noch etwas Geduld brauchen wird, bis er wieder fitter ist. Lobte ihn gleichzeitig für den guten  Sauerstoffwert und hielt ihn immer wieder an, durch die Nase einzuatmen und  abzuhusten.
Dann kam auch eine Ärztin, die Herzenzyme sind nach wie vor zu hoch, im Moment sieht sie keine Notwendigkeit, etwas zu unternehmen, aber sie wollen es auf jeden Fall noch mit einer Herzkatheteruntersuchung abklären.
CO2 liegt bei 60, ist also immerhin ein Stückweit gesunken und dann verbrachte ich die nächsten drei Stunden damit, ihn zu beruhigen, die Hände streicheln, das Gesicht, doch immer wieder kamen diese Panikphasen, er versuchte mir irgendetwas zu sagen, aber mehr als ein tiefes Krächzen kommt noch  nicht heraus  - klar, nach der Tortur, Speise- und Luftröhre müssen sich ja erst mal wieder beruhigen, zumal er leider in der Nase immer noch den Schlauch mit der künstlichen Ernährung hat, der ihn enorm störte.
Ich klärte es ab, dass der eventuell morgen rauskommt und als ich meinte zu verstehen, dass er Durst hatte, fragte ich wieder die Schwester, die mir dann Sprudelflasche, Becher und Stäbchen mit vorn Schaumstoffkissen gab. So konnte ich ihm immer wieder die  Lippen benetzen und an den Kissen nuckeln lassen. Zwischendurch schaute die Schwester immer wieder herein, übrigens sind die Intensivbetten alle auch videoüberwacht, finde ich sehr gut, denn so sehen die vorn, wenn irgendetwas nicht stimmen sollte, was die Geräte nicht anzeigen, fragte, ob alles in Ordnung sei, ich bejahte und so ging es immer weiter.
Irgendwann fragte sie mich dann, ob ich vielleicht auch mal was zu trinken haben möchte - offenbar ist sie das, was ich tat, so von Angehörigen eher nicht gewöhnt und war irgendwie berührt. Ich lehnte dankend ab, die Besuchszeit war nun eh vorbei und sie stellte fest, dass meine Anwesenheit richtig viel  bewirkt hatte, F. war deutlich ruhiger als am Anfang.
Nun kann ich nur hoffen, dass er die Nacht gut übersteht, mit etwas Glück vielleicht sogar ohne die Maske, und dass es dann Tag für Tag ein Stückchen mehr bergauf geht."

 

Sie fragte nach, ob eine Verständigung nicht vielleicht per Block und Stift möglich sein könnte, erkundigte sich auch noch mal wegen der Herzkatheteruntersuchung und meine Antwort lautete:

"Nein, schreiben geht mit Sicherheit noch nicht, weder körperlich, vor allem aber auch nicht geistig, dazu ist er noch viel zu weit weg von der realen Welt. War  letztes Mal ja auch so, dass danach erst mal so etwas wie ein Delirium einsetzte. Aber das mit dem Nicken haben wir natürlich gemacht - er krächzte irgendetwas, ich fragte nach, ob er vielleicht Wasser meinte, entweder nickte er dann oder schüttelte empört den Kopf. Immer wieder starrte er etwas an der gegenüberliegenden Wand an und wollte mir sehr erregt etwas dazu mitteilen, das ich aber beim besten Willen nicht deuten konnte, also beschrieb ich ihm dann in aller Ruhe, was sich dort tatsächlich befindet und das nichts davon auch nur ansatzweise gefährlich ist. 
Das kann sich so noch etwas hinziehen, er muss ganz langsam wieder klar werden im armen mitgenommenen Kopf. Und das mit dem Herzkatheter steht wohl fest, ich erkundigte mich voller Schrecken, ob dann etwa schon wieder an eine Vollnarkose gedacht würde, aber die Ärztin beruhigte mich, da bekäme er dann nur etwas zur Beruhigung."

 

Sorry fürs nicht richtig Ausformulierte, aber für mehr fehlt mir im Moment die Kraft und so gehts am einfachsten. 

Noch ein Wort zu der Fahrerei mit den Öffis. Auf dem Hinweg durchfuhr die Straßenbahn einige Hochhaltestellen, die sehr einsam wirkten, und ich dachte an früher, wie A. und ich oftmals genau dort aus- bzw. spät in der Nacht wieder einstiegen, weil sich in diesem Stadtteil eine unserer Lieblingsdiskos befand.

Keinen Gedanken verschwendeten wir damals daran, dass es dort gefährlich sein könnte, während mich heute schon gruselt beim bloßen Gedanken, allein an einem solchen Bahnhof warten zu müssen.

Und  prompt blies die sicher noch nicht einmal 30jährige Intensivschwester ins gleiche Horn, als ich erzählte, dass ich noch über den Rhein müsste. 

"Oh je", meinte sie, "das ist doch viel zu gefährlich. Wollen Sie nicht lieber einen "Uber" nehmen oder auf  die morgendlichen Besuchszeiten ausweichen?"

Nee, geht nicht, Taxi ist mir zu teuer und  morgens ist die Besuchszeit deutlich kürzer als nachmittags, also mache ich das so weiter, nicht ohne ratlos den Kopf zu schütteln, denn wir reden hier ja von Uhrzeiten zwischen 19 und 20 Uhr und nicht etwa von nachts um drei. 

Was ist nur geworden aus dieser Stadt, ist das noch die, in der schon mein Papa und später auch meine Geschwister und ich aufwuchsen?  

 

Und noch eines fällt mir ein, nämlich das Weggehen von F., es war sooo ungeheuer grausam heute. Erst hatte ich ihn so weit zur Ruhe bekommen, dass er sogar etwas schlief, die Schwester kam herein und ich überlegte leise mit ihr, dass ich vielleicht so gehen würde, dass F. es nicht mitbekommt, aber da schreckte er schon hoch und verstand sofort, was Sache war. 
"Schätzle", sagte ich, "ich muss zumindest kurz mal nach Hause, um mich um Rex zu kümmern, aber ich werde so schnell wie möglich wieder bei dir sein", und dann sah ich seine Augen mich anbetteln, nicht zu gehen, fühlte seine Finger, die meine nicht loslassen wollten, immer und  immer wieder versuchte er etwas zu sagen, das ich aber nicht verstand.

Es zerriss mir buchstäblich das Herz, ihn alleine lassen zu müssen, und jetzt grad, es ist 21:17 hielt ich es nicht mehr aus und rief an: Ja, es gehe momentan mit der Ruhe und auf die Frage, ob Maske oder Nasenbrille erfuhr ich, sie würden immer mal wechseln und hoffen, dass es so bliebe ...

 

Und  nun ist alles noch viel schlimmer. Gerade kam ein Anruf aus dem KH, man musste F. zurück ins künstliche Koma versetzen, weil es mit der Atmung nicht klappte. 

Am Montag wird dann der Luftröhrenschnitt gemacht ...

 

Ich kann nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr ... ich kanns nicht mehr aushalten!  

 

 

 

 

4 Kommentare:

  1. Ich hatte gehofft, das die Möglichkeit gibt, daß dein F zu Weihnachten nach Hause kommt. Was sich mit dem Luftröhrenschnitt auf sich hat, kann ich nicht einschätzen. Ich hoffe, daß alles zu einer Erleichterung für F. beiträgt.

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  2. Hallo, Liebe Rex-Mama!

    Mir fehlen fast die Worte nach deinem Text. Das ist doch relativ selten bei mir der Fall.

    Beim Lesen spürt man diese unglaubliche Hilflosigkeit, verständliche Angst und Liebe in jeder Zeile. Wie du bei „F“. warst, seine Hände wiedergehalten, ihn beruhigt, übersetzt, geschützt hast, das war – ich schrieb es ja schon im vorigen Kommentar - so unendlich wichtig für ihn.

    Deine Anwesenheit war kein „Besuch“, das ist purer Halt, Orientierung, Sicherheit in einem Zustand, der für ihn kaum begreifbar sein kann.
    Dass er solche Panik hatte, zerreißt es einem fast das Herz, wie sehr er dich gebraucht hat und wie grausam dieser Abschied für euch beide war.

    Das tut schon beim Lesen weh. Man möchte nicht selbst erfahren müssen wie es sich anfühlt mittendrin zu sein.

    Gerade deshalb bangt und hofft man mit euch doppelt und dreifach mit.
    Nun auch noch der Luftröhrenschnitt-das ist einfach zu viel auf einmal.

    Kein Wunder, dass du schreibst, du kannst nicht mehr.
    Deine Erschöpfung ist so überhaupt kein Zeichen von Schwäche, sondern davon, wie sehr du kämpfst, liebst und aushältst. – Absolut vorbildlich. Ich glaube nicht, dass ich in ähnlicher Situation auch nur Ansatzweise das Zustande bekommen würde so.


    Liebe - fühl dich still und fest weiterhin freundschaftlich gedrückt – Grüße
    Vom lifeminder

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    1. Wenn man muss, dann kann man, lieber lifeminder, irgendwie zumindest, und du hast recht, wenn ich bei F. bin, dann sind das keine "Besuche", sondern die gezwungeneermaßen zeitlich begrenzte Wiederherstellung der Einheit, die wir nun schon seit über 4 Jahrzehnten darstellen, auch wenn sie natürlich auch zwei eigentlich grundverschiedenen Einzelwesen besteht. Es ist der Versuch, ihm etwas mehr Sicherheit zu vermitteln, denn darum geht es in dieser verzweifelten Lage.

      Liebe Danke-fürs-Drücken-und-Dasein-Grüße zurück!

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