Vor einer halben Stunde rief meine 87-jährige Tante an, diese Liebe, die ich seit fast 60 Jahren nicht mehr sah und die mir doch inzwischen so ans Herz gewachsen ist.
Gleich wird sie rübergehen ins Haupthaus zu ihrem Sohn, also meinem Cousin, um mit ihm und seiner Familie den Heiligabend zu begehen - sooo lieb von ihr, dass sie zuvor noch an mich dachte, und einmal mehr wird mir bewusst, wie unwichtig doch eigentlich Geschenke und vieles von dem Theater ist, was wir üblicherweise rund um Weihnachten so treiben.
Wie viele Jahre habe ich mir pflichtschuldigst das Hirn zermartert, mein Geld auf'n Kopp gehauen, alles eingepackt, die Beschenkten packten aus und freuten sich, ebenfalls pflichtschuldigst. Mehr war es tatsächlich mitunter nicht, denn im Grunde hatte jeder alles, benötigte also gar nichts und doch beglückten wir uns mit Dingen, die oftmals dann in irgendeiner Ecke landeten und nie mehr beachtet wurden.
Seltsamerweise ist ausgerechnet das Weihnachten am besten im Gedächtnis geblieben, an dem ich auf F.s Anwesenheit verzichtete und ihn stattdessen zu Mutter und Schwester nach Süddeutschland schickte, weil es einfach wichtig war, damit sie ihr damals angeknackstes Verhältnis zueinander kitten konnten.
Ausgrechnet da rief mich U.s noch junge und mir noch völlig unbekannte Familie zur Hilfe, weil ihr Weihnachtsmann ausgefallen war, also legte ich einen Auftritt als Weihnachtsfrau vor lauter Fremden hin, den keiner von uns allen jemals wieder vergaß.
Dann holte mich mein Bruder zur Bescherung zu den Eltern rüber, brachte mich hinterher nach Hause, wo ich vor der Tür liebevoll verpackte Pralinen vorfand mit der Aufschrift: Danke, liebe Weihnachtsfrau!
Richtig gerührt schnappte ich mir Püppi und ging mir ihr hinaus in die Nacht - damals noch ohne Angst -, es hatte geschneit, nun aber war der Himmel klar, wir beide stapften durch den jungfräulichen Schnee und als ich dann hochschaute in die funkelnden Sterne, überkam mich auf einmal ein tiefes Glücksgefühl und das Wissen, alles richtig gemacht, es war gut, dass du verzichtet hast ...
Meine Welt ist inzwischen eine andere, die Situation mit der damaligen nicht vergleichbar und doch waren es auch heute wieder ganz intensive Gefühle, die mich überkamen, vor allem war da die fast demütige Dankbarkeit, dass ich meinem F. wieder in die Augen schauen kann, dann aber auch eine tiefe Freude über vermeintliche Kleinigkeiten wie eine liebe Mail am Nachmittag oder den Anruf der hochbetagten Tante und ich stelle fest, wie unendlich viel mehr mir das doch wert ist als alle materiellen Geschenke, die ich jemals bekam.
Um 18 Uhr habe ich natürlich wieder angerufen im KH, selbst die Schwester war in ganz weicher Redelaune und etwas verkürzt habe ich es meiner Schwägerin dann so beschrieben:
"Gerade habe ich angerufen, er hat heute schon im Stühlchen gesessen und es hat wunderbar geklappt, erzählte die nette Schwester. Danach hat er ein bisschen geschlafen und nun war ihre Kollegin grad bei ihm mit Mundpflege beschäftigt bzw. er machte es sogar selber, wie sie dann mitbekam, denn inzwischen war sie mit dem Telefon rein ins Zimmer gegangen.
Hier ist ihre Frau, sagte sie zu ihm, soll ich sie ihnen mal ans Ohr halten, damit sie sie wenigstens hören können`? Nö, wollte er nicht, war ihm wohl zu blöd, wenn er nicht antworten kann. Ich hab ihr gesagt, dafür kann sie ihn ruhig mal mahnend am Öhrchen ziehen von mir. 🙃🙃"
Okay, das Ohrenziehen werde ich vermutlich morgen selber erledigen, aber ich hab mich sooo gefreut über das, was ich da hörte, und nun werde ich mal sehen, wie ich den Abend herumbekomme. 😊
1. Weihnachtstag ... 10:06
Irgendwie bekam ich ihn herum, diesen sogenannten heiligen Abend. Umfragen, dies erledigt und jenes, an die gedacht, die nun im Kreise ihrer Familien das taten, was auch wir früher taten, im TV hin und her geschaltet, da, Weihnachtslieder ließen sich doch nicht ganz umgehen und als in der Sendung mit dem Bundespräsidenten "Stille Nacht, heilige Nacht" angestimmt wurde, kam mir ein Gedanke.
Blitzschnell schaltete ich die Beleuchtung am ansonsten mich ja dunkel anschweigenden Baum ein, zückte das Handy und nahm ein Video auf, rechts das Lied, links der Baum, so kann ich es F. nachher vorspielen.
Eben versuchte ich anzurufen, beim ersten Mal wurde der Hörer einfach aufgelegt, beim zweiten Mal sagte mir ein Pfleger, ich solle es in einer Viertelstunde noch mal versuchen.
"Oh Gott, ist etwas Schlimmes?"
Nein, sie seien im Moment nur im Stress ...
Also wieder warten, die unruhige Wanderei beginnt erneut, doch gleich ist es so weit, dann erfahre ich hoffentlich, wie es F. geht.
10:23, nächster Versuch, doch diesmal springt das Frei- nach dreimaligem Schellen auf Besetztzeichen um, weiterwandern ...
10:50 und das, was ich meiner Schwägerin nun endlich schreiben konnte:
"Uff, und guten Morgen, das war erst mal eine schwere Geburt, denn wenn ich anrief, klappte es entweder nicht mit der Verbindung oder die hatten keine Zeit für Auskünfte, nun aber habe ich die nette Schwester gesprochen und sie wusste nur Gutes zu berichten. F. saß auf der Bettkante, konnte sich auch selbst halten, von der Beatmung ist er so gut wie ganz abgekoppelt, atmet also eigenständig und sie fand wie ich, dass das alles richtig gut klingt. Kommen darf ich schon um drei Uhr, dann muss ich zwar erst mal gen Norden fahren, um dann dort in Richtung Süden umzusteigen, aber das ist besser, als bei dieser Eiseskälte eine halbe Stunde auf Anschluss warten zu müssen.
Eure Weinachtskarte zeige ich ihm dann, wenn ich dort bin, er wird sich sicher genauso darüber freuen wie ich. 🥰"
12:29 ... das nächste Weihnachtswunder geschah: Mein Bruder rief an.
Leider hatte ich nicht mehr allzu viel Zeit zum Quatschen, weil ich gleich losmuss zum Bus, aber immerhin, ein Anfang wäre mal wieder gemacht.
13:07 ... und der nächste Anruf, diesmal die Schwester meiner Mutter, die mir Frohe Weihnachten wünschen wollte und die noch von gar nichts wusste. Also brachte ich sie schnell auf den neuesten Stand, für mehr reicht mir die Zeit nicht, denn nebenher muss ich meine Haare irgendwie zurechfummeln, die fürs Losetragen eigentlich zu lang, fürs Hochstecken aber im Grunde noch zu kurz sind.
Völlige Nebensächlichkeiten, aber doch irgendwie wichtig, wenn man im Bus und vor allem für F. keinen Anblick des Grausens bieten mag ... 🙄
Eingehendere Unterhaltung mit der Tante wird auf einen der kommenden Abende vertagt.
19:20, hier die Zusammenfassung, die ich meiner Schwägerin schickte:
"Heute war es wirklich anstrengend alles und irgendwann beschlich mich mal das Gefühl, ich wäre im Ausland und würde ein deutsches Krankenhaus besuchen, denn Deutsche sah ich überhaupt nicht, weder in Bus, Bahn noch unter den Passanten um mich herum. Sibirien vielleicht? Zumindest von der Temperatur her würde es passen, schon auf der Hinfahrt fiel gleich mal ein Bus aus und so verbrachte ich insgesamt mehr als anderthalb Stunden an Haltestellen im eisekalten Wind, musste dann auf der Rückfahrt auch noch stehen, weil der Bus voller Kinder war, die in einer Sprache umeinanderbrüllten, die ich mein Lebtag noch nicht gehört habe.
Auf der Autobahn nicht ganz so lustig, aber egal, irgendwann war ich hier und bekam den Schlüssel irgendwie ins Schloss gezittert, durchgefroren wie ich war.
Als ich bei F. ankam, war grad meine Lieblingsschwester an ihm zugange, er war ein wenig aufgeregt, kurz zuvor wohl sogar fast noch bissl panisch, weil es überall dort, wo Schläuche in ihn hineingehen, etwas blutete, was er mitbekam und was ihn ängstigte.
Es liegt am Blutverdünner, den er nun wegen der Stents bekommt, aber die Schwester beruhigte uns beide, der HNO war eben bei ihm gewesen und hatte die Wunden mit venenverengender Salbe versorgt - es bestehe kein Anlass zur Sorge.
Man hatte ihm wohl etwas Morphines gegeben, dadurch und durch meine Anwesenheit kam er dann allmählich runter und auch wieder zu klareren Gedanken, denn zuvor war ihm wohl nicht ganz klar gewesen, dass er sich im KH befindet, wie die Schwester erzählte. Kein Wunder, wenn da nach 10 Tagen Vollnarkose noch hin und wieder was durcheinandergeht, zumal ihn die weitgehende Unfähigkeit zu kommunizieren auch heftig quälen muss.
Ich kenne es von mir, wenn ich mal so richtig heiser war, wie ich mich da schon wie abgeschnitten von der Welt fühlte, obwohl ich immerhin mühelos alles schriftlich hätte mitteilen können.
Und gerade dabei sind wir heute ein kleines Stückchen weitergekommen. Gestern gelangen ihm ja nur völlig unleserliche Krakeleien, aber heute konnte er mir mehrmals Wörter aufschreiben, die ich entziffern und den Rest dann selber weiterführen konnte.
Inzwischen hat er auch ein Tischchen über dem Bett mit Block und Stift und nun habe ich ihm auch sein Handy dazugelegt. Ich glaube nicht, dass er schon in der Lage ist, damit umzugehen, aber wer weiß - ich denke, er fühlt sich wohler damit, es in Griffweite zu haben.
Und kurz bevor ich wieder gehen musste, haben wir sogar zusammen gelacht. Ich war ja komplett durchgefroren, erzählte ihm, dass ich mich daheim erst mal unter die heiße Dusche stellen würde, und fragte dann: Oder soll ich morgen lieber bissl müffelig zu dir kommen?
Da begann er tatsächlich zu grinsen und nickte heftig, was ich dann lachend kommentierte, okay, dann komme ich halt stinkelig, wenn du so drauf stehst, was ihn deutlich sichtbar belustigte. 🙃
Ach ja, und dann erzählte sie, dass sie ihm heute schon mal den Stimmtrichter an das Rohr im Hals angeschlossen hatten, und weil er so dringend etwas mitteilen wollte, fragte sie, ob sie das noch einmal machen sollte.
Schwer mit anzusehen, wie sie ihm erst die Sauerstoffzufuhr aus dem Rohr entfernte - er muss dann so lange allein atmen - dann kurz einen dünnen Schlauch einführte, um ihm Schleim rauszuziehen, dann kam ein kleiner Ansatz drauf und nun konnte er versuchen zu sprechen.
Gruselig klang das, sehr leise, die Stimme kratzig und völlig fremd, wie durch einen Trichter eben, aber er konnte zwei, drei Worte sagen, dann jedoch bekam er offenbar Angst, weil der Sauerstoff vermeintlich fehlte bzw. er der eigenen Atmung noch nicht traut, also stöpselte sie alles rasch wieder um."
Stück für Stück geht es also hoffentlich weiter aufwärts, sehr mühsam alles und ich bedankte mich dann auch noch einmal ganz herzlich bei dieser ungeheuer einfühlsamen Schwester, der es nie zu viel wird, wenn F. sie herbeiklingelt, weil er irgendetwas "sagen" möchte, obwohl es gar nicht wirklich wichtig ist.
Es ist ein toller Job, den diese Leute da leisten und während ich auf dem Rückweg eine halbe Stunde lang an der Bushaltestelle vor mich hin bibberte, dachte ich darüber nach, wie es sein kann, dass Supermodels, Fußballer, irgendwelche "Manager" Millionen verdienen, während die, die täglich Leben retten, und das mit so viel Menschlichkeit, dass die im Vergleich dazu mit wahren Hungerlöhnen für diese aufopferungsvolle Arbeit abgespeist werden?
War die Menschheit schon immer so oder ist uns der Blick fürs wirklich Wichtige erst nach und nach abhanden gekommen?
Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund!
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenOh es gab als ein Weihnachten in dem du ohn "F" auskommen musstest. - Ob ich auch so tollerant wie du gewesen wäre, zu meinem Lebenspartner gesagt hätte: "Kitte das mal zuerst mit deiner Familie". Dazu gehört schon eine Menge Feingefühl.
Wenn "F" Zuhause wäre und du nicht diese Rennerei hättest, würde ich sagen, dein Weihnachten in diesem Jahr ist voller Weihnachtswunder und ich will das auch haben.
Was mich so sehr freut sind die Fortschritte von "F". Ich habe noch niemals glaube ich, einen Menschen, den ich nur vom Lesen kenne (durch deine Beschreibungen) so nur das Allerbeste gewünscht.
Weniger gefällt mir, dass du eine halbe Stunde im kalten warten musstest - hoffentlich hast dir wirklich eine lange heiße Dusche, etwas gutes zum Essen und ein wenig ausruhen danach verordnet?
Die wo unseren Alltag tragen - verdienten viel zu wenig.
Der Applaus an Coronatagen war toll und eine Anerkennung aber ein paar Groschen auf dem Bankkonto wären denen sicher auch sehr recht.
Überhaupt - wer sich an Feiertagen verdient macht - soll auch ordentlich bezahlt werden, denn wo wären wir ohne diese Menschen (Polizei, Ärzte, Krankenschwestern, Hotlines (Notseelsorge), Feuerwehr usw.)?
Was für eine Sprache das wohl im Bus war?
Auch die schönen und berühmten sollen gerne gut verdienten - auch die leisten ein Knochenjob meist ab.
Jetzt bleibt zu hoffen, das es dir gut geht, "F" weiter Fortschritte macht, man morgen am 2. Weihnachtstag erneut von Weihnachtswundern bei dir lesen darf, das tut nämlich richtig gut.
Liebe - wundervolle Weihnachtsgenesungswunder - Grüße
Vom lifeminder
F.s Mutter war damals schon sehr alt, lieber lifeminder, und seine Schwester war schwer herzkrank - ist es ja nach wie vor.
LöschenDas war im Grunde ein einfaches Abwägen, ein paar Stunden weihnachtliches Vergnügen für mich oder Beziehungen retten, die ich für ungeheuer wichtig hielt. Denn wäre mit einer von beiden etwas geschehen, hätte F. für immer mit dem unguten Gefühl leben müssen, diese Sache nicht wieder in Ordnung gebracht zu haben.
Das Erstaunliche daran, hätte ich das nicht so gelenkt, wäre es ein Weihnachten unter vielen geworden, so aber wurde es mir unvergesslich ...
Was die Löhne angeht, meine ich eigentlich gar nicht, dass diese Gruppen unbedingt zu wenig verdienen - im Gegenteil, je mehr man an der Lohnspirale dreht, umso teurer wird alles und am Ende können wir uns das alles gar nicht mehr leisten/finanzieren.
Es ging mir mehr um das Ungleichgewicht, darum, wie unsere Gesellschaft diese Dinge betrachtet. Sofern man Wertschätzung überhaupt in Euos ausdrücken kann, scheinen wir ja Menschen mit besonders gutem Aussehen, hoher Sportlichkeit oder auch die, die mit einem Fingerschnippen Tausende von Arbeitsplätzen streichen können, sehr viel mehr zu bewundern als die, die Leben retten und so viel Menschlichkeit beweisen.
Vielleicht liegt es einfach am Blickwinkel, was man als wie wichtig empfindet? ;-)
Liebe Ich-hoffe-sehr-darauf,-dass-es-nun-immer-weiter-aufwärts-geht-Grüße zurück! :-)
Ich wünsche dir von Herzen weiteren Weihnachtswunder. In jüngster Zeit habe ich oft daran gedacht wie es bei mir vor mehr als einem Jahr war. Die Menschen die ihren Dienst im Krankenhaus gemacht haben, egal ob am Sonntag oder am ganzen Wochenende. Dazu die Personen die im Nachtdienst waren und von Zimmer zu Zimmer liefen um den Patienten eine Thrombose-Spritze zu verabreichen.
AntwortenLöschenWenn ich Etwas für die Krankenschwestern gegeben habe, dann war das für mich eine Geste der Anerkennung und Wertschätzung.
Für mich steht die positive Entwicklung von F ganz oben auf der Liste. Gute Besserung.
Ja, man kann sie gar nicht genug wertschätzen, die Arbeit, die diese Menschen leisten, denn im Gegensatz zu so vielem anderen ist sie ungeheuer wichtig!
LöschenDanke dir für deine lieben Worte, wir können jeden guten Wunsch und jedes Denken an uns sooo gut gebrauchen. 🤗