So lässt sich dieser Tag wohl am besten zusammenfassen, übrigens der siebte, an dem F. in Narkose liegt.
Vormittags schellte das Telefon, sofort sank mir das Herz in die Hose und tatsächlich war es der behandelnde Arzt der Intensivstation, der mich informieren wollte, dass F. nun doch in das andere Krankenhaus verlegt würde, der Wagen sei für 13 Uhr angekündigt.
Der erste Reflex war Panik, also doch nun auch noch was Ernsteres mit dem Herzen? Mit dem er ja noch nie Probleme hatte? Haben die ihn womöglich mit ihrem Koma so sehr gestresst, dass das jetzt die Folge ist ...?
Alles in mir überschlug sich, aber ich musste ja bei klarem Verstand bleiben und sofort fiel mir sein Handy ein, das er von Anfang an dabei hatte.
Natürlich hätte ich es vernünftigerweise mit nach Hause nehmen sollen, nachdem er schlief, aber da war eine Sperre in mir, vielleicht eine Art Aberglaube, aber auch das Gefühl, wenn es in seiner Nähe wäre, hätte ich trotz allem Kontakt mit ihm, irgendwie halt ...
Ich fragte nach, der Doc meinte, er könne veranlassen, dass F. seine Sachen mitgegeben würden, aber dann dachte ich, das Glück in dieser Beziehung vielleicht schon genug ausgereizt zu haben, und sagte, ich würde um zwei Uhr kommen und die Dinge selber abholen.
Und damit begann mein Marathon, erst mal noch eben bei Aldi vorbei, das fast auf dem Weg lag, denn mir ist klar, dass ich da vorläufig nicht mehr hinkommen werde, wobei es nur um Stopftabak ging, denn natürlich war meine Nichtraucherzeit mit Einsetzen der unerträglichen Aufregungen ganz schnell wieder vorbei.
Von dort aus weiter zum Krankenhaus, wo ich den Arzt noch einmal zu sprechen bekam. Es müsse gar nichts Schlimmes sein, meinte er, aber es sei ihm sicherer, wenn dies in der Kardiologie des dazugehörigen Krankenhauses genau abgeklärt würde.
Außerdem erzählte er, dass er F. am Vormittag mal kurz aufgeweckt hatte. Er öffnete die Augen, sah ihn an, bewegte auch den Arm, wurde dann aber wieder schlafen gelegt, weil ja der Transport anstand.
Den er zum Glück ohne Probleme überstand. Man berichtete, dass die neue Klinik soeben mitgeteilt habe, dass er gut gelandet sei.
Okay, so konnte ich mich immerhin mit einem etwas besseren Gefühl auf die Reise machen, denn bis dahin war ich komplett neben mir gestanden, wirklich wie ein Aufziehpüppchen durch die Gegend marschiert, nun aber musste ich mich erst mal auf "eezy NRW" konzentrieren.
Gibt es in euren Bundesländern auch derartige Handy-Tickets für den öffentlichen Nahverkehr?
Die wollen einen mit aller Macht zum bargeldlosen Bezahlen zwingen und so sehr ich mich dagegen sträube, in diesem Falle blieb mir nichts anderes übrig, es sei denn, ich hätte die noch teureren Einzeltickets beim Fahrer kaufen wollen, der mir ja leider kein Viererticket mehr anbieten darf.
Die App hatte ich zum Glück schon seit dem letzten Jahr auf dem Handy, als man mich ja auch schon dazu zwang, wenn es auch damals immerhin noch das sehr viel günstigere 10er-Ticket gab, d.h. auch meine Zahlungsmethode war hinterlegt und so musste ich dann an der Haltestelle nur noch meinen Standort freigeben und "einchecken".
Ziemlich unangenehm finde ich, dass man sich am Zielort auch wieder auschecken muss. bei meiner Heimkehr hätte ich es prompt schon fast vergessen, aber zurück zum Bus, der mich erst einmal über den Rhein nach Ruhrort brachte, wo ich in die Straßenbahn umsteigen musste.
Es war inzwischen kurz vor halb drei und während ich auf die Bahn wartete, wurde es hinter mir an der Kreuzung laut. Ein Bus hupte im Dauerton und nun hörte ich auch das Geschrei. Ein Mann stand mitten auf der Straße von dem Bus, schlug immer wieder mit den Fäusten auf die Frontscheibe ein, brüllte dazu etwas in einer mir unbekannten Sprache und der Fahrer reagierte mit seinem Dauerhupen.
Zwei, drei Minuten ging das so, dann trat der Mann doch zur Seite, kam dann allerdings in Richtung der Haltestelle, wo ich wartete, immer noch laut schreiend, und mir wurde erheblich mulmig zumute. Womöglich ein Traumatisierter mit griffbereitem Messer ...?
Zum Glück kam nun die Bahn und ich konnte der Situation entfliehen, wenn auch mit weiter mulmigem Gefühl, denn ob er womöglich weiter hinten auch eingestiegen war, hatte ich nicht mehr mitbekommen.
Sehr voll war es und sehr laut. In ganz vielen verschiedenen Sprachen wurde in Handys hineingebrüllt, dazu schreiende Babys, alles nicht so angenehm für bis zum Bersten angespannte Nerven, aber nachdem ich in eine andere Bahnlinie umgestiegen war, wurde es etwas besser, und während ich auf diese wartete, knipste ich mich selber, weil ich mich in der verspiegelten Wand eh ständig anglotzte. Vor mir übrigens den Beutel, den sie mir im alten KH in die Hand drückten:
20 Minuten später war mein Ziel ganz im Süden der Stadt, fast schon Düsseldorf, erreicht, unterwegs hatte sich die Bahn von einer U- in eine Hochbahn verwandelt und dankbar nahm ich zur Kenntnis, dass ich auf dem Rückweg die vielen Stufen nicht zu Fuß würde erklimmen müssen, denn es gab auf beiden Seiten der Gleise Aufzüge.
Kurze Orientierung, ah ja, da lag das Krankenhaus ja schon vor mir, auf dem Weg über den recht großen Parkplatz musste ich noch einen Schorrer abwimmeln, dann war ich drin und bekam am Empfang sofort Auskunft, wo ich meinen F. vorfinden würde.
Das Timing war perfekt gewesen, denn pünktlich zu Beginn der Besuchszeit um halb vier schellte ich an der Tür der Intensivstation. Die sehr viel größer ist als die bisherige.
Zimmer 5, das Bett am Fenster, erfuhr ich und alsbald stand ich bei F., der wie immer seit nunmehr einer Woche schlafend vor mir lag.
Was mir sofort ins Auge sprang, war der Monitor:
Der Blutdruck war höher als in den letzten Tagen und vor allem der blaue Sauerstoffwert gefiel mit mit 95 sehr gut.
Was mir dann auch die Schwester bestätigte, die einen sehr kompetenten Eindruck machte.
Ja, die Herzenzyme seien nach wie vor zu hoch, sie würden ständig die Laborwerte ermitteln, sähen aber momentan keinen Anlass für eine Herzkatheteruntersuchung - also war die Verlegung womöglich genauso überflüssig wie die ganze Koma-Tortur?
Ich habe keine Ahnung, wichtig ist jetzt auch nur noch, dass F. wieder auf die Füße kommt.
"Oh, wie schön", meinte die Schwester, "Sie haben ja gar nicht wie viele andere diese Berührungsängste ...", sie hatte mitbekommen, dass ich sofort F.s Hand und Unteram ergriff, als ich erkannt hatte, dass beide frei von Verkabelungen waren, und wir beide waren uns einig, wie wichtig diese Berührungen und auch das Reden für die Patienten sind.
Dann erklärte sie mir, dass sie die Dosis des Betäubungsmittels nun Stück für Stück absenkt, immer auch abhängig davon, ob F. den Schlauch in der Luftröhre noch toleriert, immerhin atmet er inzwischen ab und zu auch schon selber, nur in dem Moment, wo er das bewusst mibekommt, wird der Schlauch natürlich unerträglich für ihn.
Ich wies auch sie noch einmal darauf hin, dass er sich diesen beim letzten Mal in seiner Panik dann selber herauszog, sie bedankte sich für den Hinweis, also wird man seine Arme wieder anbinden müssen, aber da muss er durch und vermutlich auch durch den Umstand, dass er dann wieder die Sauerstoffmaske aufs Gesicht gedrückt bekommt.
Genau das also, womit alles anfing, weil er die kaum ertragen kann...
Von sich aus gab sie mir dann einen Zettel mit der Durchwahlnummer der Station und sagte, ich könne ruhig jederzeit anrufen - gut zu wissen, denn sonst käme ich in der Nacht sicher überhaupt nicht mehr zur Ruhe.
Gegen Mitternacht werde ich also anrufen und dann morgen früh um neun, dann ist die Visite durch und ich erfahre hoffentlich mehr, wie es nun weitergeht.
Auf dem Rückweg gab es noch einmal eine unangenehme Situtation, ich musste an einer Haltestelle raus aus der U-Bahn, die ich einst kannte wie meine Westentasche. Zunächst durch einen unterirdischen einsamen Tunnel hindurch, dann hoch an die viel befahrene Straße, an der leider kaum Passanten unterwegs sind.
Genau neben dem Haltestellenhäuschen hatte sich ein Mann auf einem Betonklotz am Rand einer Baustelle niedergelassen und pöbelte, quiekte, quietschte und schimpfte in einer mir wieder unbekannten Sprache herum, so durchgeknallt wirkte er, dass ich Angst hatte, mich ins Häuschen zu begeben, wo ich nur durch eine Glasscheibe von ihm getrennt und für ihn immer sichtbar gewesen wäre - so verlockend mich die Sitzbank auch anschaute.
Also zog ich mich weit ins Dunkle hinter dem Häuschen zurück und fühlte mich alles andere als wohl.
Wieder hatte ich aber Glück, der Bus tauchte pünktlich auf und zwanzig Minuten später war ich wohlbehalten zu Hause, wo nun schon wieder die Waschmaschine läuft.
Inzwischen 20.12.25, kurz nach halb neun - F. ist wach!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Gerade rief ich an, die Schwester sagte, Moment bitte, und ich hörte, wie sie mit dem Telefon in der Hand losmarschierte. Dann die Worte: Herr XXX, hier ist Ihre Frau, möchten Sie mit ihr sprechen?
Während ich das vernahm, begann ich ... loszuheulen wie ein Schlosshund, es brach einfach so aus mir heraus, dann allerdings riss ich mich wieder zusammen, als sie sagte, nee, er wolle grad gar nicht reden.
Kein Wunder, hatten sie ihm den Tubus doch erst eine halbe Stunde zuvor herausgezogen. Auf jeden Fall ist er wach und atmet selber, alles andere sehe ich dann heute Nachmittag um halb vier, wenn ich zu ihm hineindarf.
Um 14:22 werde ich den Bus nehmen ...
Lasst es euch gutgehen und ... bleibt bitte gesund!


HÜPF !
AntwortenLöschenHier ist F. sehr gut aufgehoben , ich warte auf frohe Kunde.
Daumen drück
Liebe Grüße
Helga
Ich hoffe es inständig, liebe Helga, dass er dort gut aufgehoben ist.
LöschenDanke fürs Daumendrücken! 🤗
Du hast los geheult wie ein Schloßhund, ich kann das verstehen. du bist froh und dankbar, daß dein F selber atmen kann und daß er wieder wach ist. Ich denke, daß eine große Menge von Steinen von deinem Herzen gefallen ist. Ich wünsche euch von ganzem Herzen weiterhin gute Besserung.
AntwortenLöschenIn diesem Moment schon, Helmut, weil sich endlich etwas rührte, aber es sind noch reichlich Felsbrocken vorhanden, denn sein Zustand ist schwer zu ertragen, sowohl für mich als natürlich erst recht für ihn selbst.
LöschenHallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenDas einzige Wort das mir zu diesem Tag einfällt: Emotionaler Kraftakt.
Man spürt die Anspannung, die Angst und dass du immer Funktionieren willst. – So viel Stärke und dabei bist du sicher auch fast am Limit.
Das du von „F“ die Hand nimmst und bei ihm bist, das ist so wichtig, und glaub wird auch viel zu oft unterschätzt. Das er wach ist/wach war ist trotzdem schon mal ein riesiger Schritt nach vorne. – Ich freue mich über diesen Fortschritt von Herze mit „F“ und dir.
Ich finde es so bewundernswert, das du ständig auf der Hut bist und das du hier so klare Gedanke fasst, vor allem aber das du ohne zu jammern weitermachst.
Ich wünsche euch (schon wieder) beiden von Herzen, dass es nun Stück für Stück stabiler wird, dass F. weiter oder wieder zu sich kommt und du bald ein wenig aufatmen kannst. Fühl dich sowas von umärmelt.
Liebe -ganz wie Kraft weiterhin für alles was kommt – Grüße
lifeminder
Das denke ich auch, lieber lifeminder, dass diese Nähe oftmals unterschätzt wird. Ich bekam und bekomme es auch auf der jetzigen Intensivstation ja mit, wie zwar Angehörige kurz mal auftauchen, aber auch ganz schnell wieder weg sind, während ich die Besuchszeit immer ganz ausnutze, um bei ihm zu sein, ihm das Gefühl zu geben, er ist nicht allein.
LöschenEr wird davon hinterher nicht mehr wissen, überhaupt kann ich nicht sagen, wie viel davon zu ihm durchdringt, zumal die Narkose auch nicht immer gleich stark ist, aber ich habe es ja oft genug mitbekommen, dass er ganz schwach reagiert, z.B. durch leichtes Drücken des Daumens, als ich ihm ankündigte, dass die Besuchszeit gleich vorbei sei.
Und sobald er auch nur ansatzweise wach ist, kann ich ihm sehr viel mehr Ruhe vermitteln, als sie das mit Medikamenten schaffen - das haben die dort inzwischen auch mitbekommen und von daher, ja, Anwesenheit ist ungeheuer wichtig, um etwas mehr Sicherheit zu vermitteln, und die Psyche spielt bei Krankheit nun mal immer eine große Rolle.
Ob ich nicht jammere? Keine Ahung, gefühlt bestehe ich nur noch aus Jammern, aber letztlich ist das alles gerade unwichtig, denn nun geht es erst mal nur um eines, nämlich ums Überleben.
Liebe Umärmelungsgrüße zurück!