Egal, durch welche Scheiße wir in den letzten 40 Jahren durchmussten, und das war einiges, F. war immer da, wir bildeten einen gemeinsamen Resonanzraum, wie Aionos es nennen würde, will sagen, einer fing den anderen auf, wir teilten die meisten unserer Sorgen und Nöte, konnten bei Bedarf über alles reden, niemals musste sich einer von uns allein fühlen.
Das ist nun anders, schmerzlich anders, und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr diese Zweisamkeit jahrzehntelang einen kleinen Kokon für mich (für F. mit Sicherheit auch) darstellte. Egal wie es mitunter zwischen uns auch mal kriselte oder knallte, wir wussten immer, wenn sich die ganze Welt gegen uns zu verschwören scheint, wenn Kummer und Trauer auf uns einstürmen, letztlich hatten wir trotz allem zumindest die Sicherheit des unverbrüchlichen Zueinanderstehens, wenn es hart auf hart kommt.
Und jetzt stehe ich nun schon seit 8 Tagen unter höchster Anspannung und kein F. ist da, bei dem ich das alles mal abladen könnte - nee, das ist nicht schön und es wird Zeit, dass er ins Leben zurückkehrt, doch dazu gleich, denn zunächst rief mich mein Cousin heute Morgen an.
Irgendwie ist es wunderbar, was da gerade mit uns geschieht, und besonders für ihn regelrecht rätselhaft, wie er sich ausdrückte.
"Wir kennen uns ja eigentlich gar nicht", meinte er, "und doch denke ich gerade sehr oft an dich und hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass ich dir das mit der Thrombose nicht selber mitgeteilt habe, sondern du es von Mama erfahren musstest, aber ich wollte dir auch nicht noch mehr Sorgen machen."
Und dann folgte das große Wundern, dass er solche Gedanken überhaupt habe und so rede, obwohl wir uns ja wie gesagt "eigentlich gar nicht kennen"...
Vom Typ her schätze ich ihn ein bissl so wie F. ein, Handwerker, hemdsärmelig, nicht unbedingt den Geisteswissenschaften oder dem Lesen von Büchern zugeneigt, halt einfach bodenständig und an sich wirklich niemand, der über seine Gefühle reden würde, doch nun prasselte jede Menge davon aus ihm heraus und zeigte mir, dass ich neulich richtig lag, als ich davon ausging, dass es mit dem Satz, die Toten solle man ruhen lassen, eben nicht getan ist, weil das, was man mit ihnen erlebte, ja oftmals immer weiter wirkt.
Und wieder einmal geht es um die Dinge, bestimmte Verhaltensweisen, vermeintliche Charaktereigenschaften, die von Generation zu Generation weitergereicht werden, oftmals deutlichen und dauerhaften Schaden anrichten, ohne dass sich jemand mal die Mühe machte, das zu hinterfragen und den Teufelskreis dann zu durchbrechen.
Die Einzelheiten tun hier nichts zur Sache, aber mir wird nun klar, wie gut er das die letzten 10 Jahre beobachtet haben muss, wenn seine Mutter von unseren Telefonaten erzählte, die im Laufe der Zeit immer häufiger und vertrauter wurden.
Dabei hatte es ja nur mit einer vermeintlichen Kleinigkeit begonnen. Meine Mutter war gestorben, meine Schwester übernahm alles rund ums Beerdigungsinstitut, verschickte die Trauerkarten, wollte sich nun auch um die Danksagungen kümmern, als ich sagte: "Stopp, gib mir doch mal bitte die Telefonnummer von der Tante H., ich werde die selber mal anrufen, finde das alles so ein wenig arg unpersönlich.
Wieder heimgekehrt rief ich sie an und der Funke zwischen uns sprang sofort über, wir beschlossen in Kontakt zu bleiben und taten es auch.
Dass dies für sie immer wichtiger wurde, wurde mir ansatzweise bewusst, als sie mich aus dem Krankenhaus, wo sie mehr auf der Kippe lag, als ich bis heute Morgen wusste, mit zittriger Stimme per Handy anrief, und mein Cousin meinte, sie habe in mir das gefunden, was sie in ihren Töchtern nicht fand, nämlich jemand Vertrauten, mit dem sie über alles reden könne.
Wobei dieses "über alles" bei dieser Generation natürlich so eine Sache ist, und nicht nur dort, viele schaffen es einfach nicht oder haben auch gar keinen, dem sie sich mal richtig öffnen könnten, was aber für die Seele nicht unwichtig wäre ...
Wie dem auch sei, wir quatschten fast 2 Stunden lang, während er mit seinem Hund in der Natur unterwegs war, und trotz allen Kummers, den ich im Moment habe, legte ich den Hörer mit einem tiefen Glücksgefühl auf. Nachdem zwischen meinen Geschwistern und mir ja die Entfremdung wirklich nicht mehr zu übersehen ist, hm, ... gerade frage ich mich, ob man das wirklich so nennen kann? War da denn jemals mehr als die gemeinsamen Eltern, die geteilte Kindheit ...?
Ist das eine Entfremdung oder war da nie wirkliche Nähe? Auf jeden Fall ergeht es mir wie ihm, auch ich habe mit meinen Geschwister noch nie so einfach über tiefergehende Dinge reden können, wie ich es mit ihm tue, und das fühlt sich ganz einfach sehr warm an, eben nach Zugehörigkeit.
Um Punkt 14 Uhr klingelte ich an der Station, doch wie schon am Vortag reagierte auch aufs zweite Schellen niemand, bis mich die junge Lernschwester zufällig entdeckte, einließ und mir erzählte, ja, gerade hätten sie es auch gemerkt, dass ihre Klingel kaputt sei.
Nun habe ich mir die Durchwahl auf einem Zettel in die Manteltasche gesteckt, sollte es morgen wieder so laufen, werde ich halt anrufen, wenn ich vor der Tür bin.
Im Zimmer fand ich meinen F. weiter schlafend vor, immerhin hatten sie ihm den Fernseher eingeschaltet und einige Minuten später tauchte auch der Arzt auf, frage mich zunächst mit leichter Besorgnis in der Stimme, ob ich geschlafen und etwas gegessen hätte ...
Dann berichtete er, dass sie F. heute von Kopf bis Fuß komplett durchs CT gezogen hätten und nichts Besorgniserregendes feststellten, auch die Lunge sähe gut aus, allerdings, und nun kam der Schocker, seien die Laborwerte nicht in Ordnung. Die neuen müssten etwa in einer Stunde kommen, dann würde man sehen, ob ein Herzinfarkt vorliege, eine koronare Herzerkrankung oder ob es womöglich auch nur mit dem Stress zusammenhinge. Er denke darüber nach, F. dann in eine zugehörige Klinik mit Kardiologie zu verlegen, deshalb habe man ihn jetzt auch erst mal weiterschlafen lassen. 😮😮😮
Du liebe Zeit, das war ja ein Hammer und nun musste ich das Warten irgendwie herumbekommen.
Aus dem "Stündchen" wurden zwei, und die waren wahrhaftig die Hölle für mich. Ich bemühte mich um Ruhe, saß bei F., streichelte seine Hand, aber ab und zu musste ich mich bewegen, ging mal ans Fenster, lehnte mich dort an oder stellte mich ans Fußende des Bettes, massierte seine Füße, immer hin und her im krampfhaften Bemühen, meine Unruhe nicht auf ihn ausstrahlen zu lassen, und dann tauchte der Arzt endlich wieder auf.
Entwarnung (hoffentlich!!!!!!), der Wert sei am Sinken, also ist die Verlegung wohl erst mal vom Tisch und als ich dann fragte, wie es mit dem Aufwachen aussähe, meinte er, ja, aber das müsse sehr langsam geschehen, um F. weiteren Stress zu ersparen. Er selbst habe bis Samstag durchgehend Dienst, würde sich kümmern ...
Ich hoffe, er macht es gut ...
So, das hatte ich gestern Abend schon getippt, inzwischen ist es 10 Uhr am Morgen, beim Anruf konnte man mir eben nichts Neues sagen, außer dass man die Narkose nun umstelle von Gas auf etwas anderes, um zu sehen, wie er darauf reagiert, während man alle anderen Parameter akribisch im Blick behält.
Ich solle aber auf keinen Fall damit rechnen, dass er mich heute "schon" anschauen würde ...
Heute Abend um neune werden es 291.200 Sekunden sein, die vergingen, seit der Notarztwagen mit F. davonfuhr, jede einzelne davon eine eigene kleine Hölle für mich, es summiert sich und ich kann nur hoffen, dass sie ihn nun wirklich langsam zurückholen, dass ich ihm in die Augen sehen und irgendwann dann auch seine sicher extrem mitgenommene Stimme hören kann.
Habt einen guten Tag und ... bleibt bitte unbedingt gesund!
Nachtrag um 12:04: Der Arzt rief mich an, um mir mitzuteilen, dass F. um 13 Uhr nun doch in das andere Krankenhaus verlegt wird, weil die Herzenzyme zu hoch sind.
Mehr weiß ich noch nicht, werde gleich zum hiesigen KH gehen, um sein Handy und andere Dinge abzuholen, dann mache ich mich mit mehreren Buslinien plus Straßenbahn auf die Reise ganz im Süden der Stadt.
Ich hoffe sehr stark, daß die KH - Saga für euch endlich mal ein ende nimmt. Das was du über euere Ehe schreibst sehe ich genau so. Ich habe mich zur Scheidung entschlossen weil ich mich nicht ausschließlich zum Zahlmeister machen lassen wollte. Denn oft sagte mir meine damalige Frau, daß sie ihre Mutter finanziell unterstützen mußte und ich durfte dann die Miete selber schultern. Nun liegt das Gott sei Dank hinter mir. Ich denke weiter an euch und wunsche Gute Besserung
AntwortenLöschenDanke dir! :-)
LöschenDas mit der Unterstützung der Angehörigen kenne ich von Thailand natürlich auch und ich kann dich gut verstehen.
Wie lange dauerte deine Ehe denn eigentlich?
Meine Ehe dauerte drei Jahre. Mit 64 geheiratet, mit 67 geschieden. Bei der Rentenberechnung gab es ein kleines Plus vom Rentenkonto meiner Frau. Denn sie arbeitet noch länger.
LöschenAch, dann ist das alles ja noch ganz frisch, ich dachte, es sei viel länger her.
LöschenTut mir wirklich leid, dass die Beziehung keinen Bestand hatte.
Jetzt habe ich doch glatt ausversehen den Kommentar für diesen Blog unter den letzten gesetzt: Deshalb hier nochmal:
AntwortenLöschenHallo, Liebe Rex-Mama!
Diese Beschreibung eures jahrzehntelangen „Resonanzraums“, dieses gegenseitigen Aufgehoben seins, ist so klar und schmerzhaft ehrlich, dass man beim Lesen selbst spürt, wie sehr dieses Gegenüber – also dein „F“ jetzt fehlt.
Was du beschreibst ist in meinen Augen gelebte Verbundenheit.
Was sich gerde mit deinem Cousin zeigt, wie Nähe manchmal dort entsteht, wo man sie nie erwartet hätte, und wie stark Beziehungen weiterwirken, auch über Generationen, auch über den Tod sogar hinaus. Dass sich da etwas Warmes, Zugehöriges zeigt ist doch ganz wundervoll
Die Stunden des Wartens, diese ungeheure Zerrissenheit zwischen Hoffen, Funktionieren und innerer Panik, hast du so eindringlich beschrieben, dass es beim Lesen wehtut.
Man merkt, wie sehr du versuchst, F. Ruhe und Kraft zu geben, während in dir selbst, was nur zu verständlich ist, unter Spannung stehst.
Hoffentlich findest du auch für dich etwas Ruhe und Kraft!
Ob Rex versteht, warum du Plötzlich jeden Mittag für mehrere Stunden verschwunden bist?
Was für eine Odyssee das du wieder in ein anderes Krankenhaus musst.
Erst durch den Blog habe ich das geschnallt. Ist deine Erkältung und alles was dazugehört komplett verschwunden?
Ich wünsche euch von Herzen, dass sich die Entwarnung bestätigt, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden und dass F. behutsam, Schritt für Schritt zurückkommen darf.
Liebe - Fühl dich gedrückt.- Grüße
lifeminder
Heute Nacht, lieber lifeminder, geriet ich noch in eine Talkshow, in der Horst Lichter zu Gast war. Er erzählte von der Begegnung mit einem Ehepaar, dass schon länger als 60 Jahre verheiratet war. Als er sich erkundigte, wie man das schaffen können, sagte der Mann zu ihm, sie gehörten eben noch einer Generation an, in der man repariert, statt auszutauschen.
LöschenHeutzutage hat man oft ja sogar nur noch "Lebensabschnittsgefährten", das Ich steht bei vielen ständig im Vordergrund, ganz passend zu unserer Ich-Gesellschaft, man pickt sich aus einer Beziehung nur die Rosinen heraus und wenn diese spärlicher werden, wechselt man halt zum nächsten Kuchen.
Das ist bei uns anders und ich hoffe, es bleibt auch noch lange so, genau wie das viele gemeinsame Lachen, das uns ja eigentlich immer begleitet.
Meine Erkältung, ach ja, da war ja noch war. Ich hab tatsächlich überhaupt nicht mehr dran gedacht, weitgehend ist sie verschwunden, ein bissl Schwäche spüre ich noch, aber die kann auch einfach mit der unsäglichen Spannung zusammenhängen.
Rex blickt natürlich absolut nicht, was gerade los ist hier und warum der ganze Tagesablauf so verdreht ist. Für ihn bin eindeutig ich die wichtigste Bezugsperson, diejenige, die ihm seinen sicheren Rahmen vorgibt, und so lange der nicht angetastet wird, kommt er mit allem klar.
Er benimmt sich gerade sogar ausgesprochen wunderbar und ist mir gerade Trost im ansonsten so gähnend leeren Haus.
Liebe Danke-für-deine-Wärme-Grüße zurück! 🤗🤗🤗