Der Fernseher läuft nun ständig, wenn ich daheim bin, doch die Auswahl ist mager und für meine Bedürfnisse meist kaum geeignet, mich etwas abzulenken.
Das ZDF erschlägt einen nachts mit Traumschiff-Folgen, nix wie weg, son seichter Scheiß kann mich gerade nicht mal eine Minute lang fesseln, immerhin in ZDFInfo lief die ganze Nacht irgendwas über Royals, Geschichtliches, Aktuelles, ausreichend, um mich beim ständigen Hochschrecken ziemlich schnell wieder weggleiten zu lassen.
Inzwischen bieten mir meine beiden Lieblingsprogramme die Auswahl zwischen Soldaten im Knast und bedrohten Inselparadisen, nee, das isses nicht, aber zum Glück hatte ich ein paar Teile einzukaufen, so habe ich wenigstens anderthalb Stunden des viel zu langen Morgens herumgebracht.
Dann der Anruf, es sei alles unverändert ... und ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Nachricht ist, aber zumindest ist es auch keine schlechte.
Voll belegt seien sie nun, daher könne sie mir nicht versprechen, ob ich auch heute wieder eine halbe Stunde früher hineindarf zu F., also blüht mir womöglich, dass ich dann erst einmal vor der Tür warten muss, aber egal, besser als an den zugigen Haltestellen ist es allemale.
Ach je, wird dann womöglich auch das zweite Bett in seinem Zimmer wieder belegt sein?
Dann wäre auch die spanische Wand wieder neben ihm aufgebaut, nicht gut, denn immer wieder bekam er Panik in den letzten Tagen und es schien ihm ganz wichtig, dass sogar die Schiebetür zum Zimmer immer offen war und er freien Blick auf die "Rezeption" hatte, der ihm dann verbaut wäre.
Abwarten, immer wieder nichts als Warten, es zermürbt mich so sehr ...
Selbst bei Aldi musste ich eben ständig warten, wieder einmal die Rudeleinkäufer, in diesem Falle u.a. ein mittelaltes Ehepaar, das gemächlich - nebeneinander - sämtliche Gänge abschritt, hier blieb man stehen und dort, er mit dem Wagen immer mitten im Gang, während sie dies oder das aus einem Regal nahm, bevor dann Diskussionen einsetzten, ob man das kaufen solle oder doch lieber etwas anderes?
Sie können das von mir aus ja ruhig so machen, wenn sie Spaß daran haben, aber diese rücksichtslose Gedankenlosigkeit geht mir gewaltig auf die Nerven, warum zum Teufel kommt man nicht auf die Idee, dass andere lieber zügig durchmarschieren wollen?
Nun ja, durch dieses Festkleben hinter ihnen bekam ich immerhin wieder ein paar Minuten herum, nun sind es nur noch drei Stunden, bis ich anfangen kann mich fertigzumachen.
Oh je, gerade melden sie in den Nachrichten, dass Rekordumsätze bei Feuerwerk vermeldet werden, mir graust davor, schon jetzt können sie das Ballern nicht lassen, und das wird nun immer noch schlimmer werden.
Gut, dass Rex schon so alt ist und sein Gehör merklich nachgelassen hat, der würde mir sonst verrückt werden, so viel, wie er nun allein sein muss, und ich glaube, für Silvester kann ich mir den nachmittäglichen Aufenthalt bei F. abschminken, denn abends muss ich an einer sehr unguten Stelle umsteigen, die sich in der Nähe des Stadtteiles meiner Kindheit befindet, der mir so fremd geworden ist und in dem zu solchen Gelegenheiten in den letzten Jahren die Hölle los war, sogar Straßenbahnen werden angegriffen ... 😡
Und hier nun der Bericht an meine Schwägerin:
"Soo, bin wieder zu Hause, zwar leicht gestrandet, denn erst kam die Bahn nicht, dann doch noch, aber nach ein paar Haltestellen schmiss der Fahrer uns alle raus, weil die Bahn kaputt war. Mir war klar, dass mein Bus nun eh weg war, und ... es war mir piepegal, denn heute lief es mal richtig gut.
Er kommt mir sehr viel lebendiger vor, sogar bereit, grinsend auf kleine Scherze zu reagieren, und ich denke, alles Kognitive ist zu einem guten Teil wieder da, auch wenn es natürlich schwer zu beurteilen ist, wenn jemand nicht sprechen kann.
Aaaber ... irgendwann signalisierte er mir, das Handy haben zu wollen, ich hielt ihm also WhatsApp mit geöffneter Tastatur hin und obwohl im Liegen und ohne Brille, gelang es ihm zu Tippen: Ich hatte heute Gym ...
Der Rest war mir klar, also fragte ich, ob ein Therapeut bei ihm war, er nickte und ich war rundum begeistert, auch von dem Werten auf dem Monitor und davon, dass die Schwester mir erzählte, dass er viele Stunden lang ganz allein geatmet hatte, erst jetzt hatten sie wieder bissl Unterstützung zugeschaltet.
Und dann wurde er sogar noch nörgelig, sauer, weil ich im Lippenlesen zu schlecht war und nicht ahnte, was er mir nun mitteilen wollte, dann ging ihm das Aufladen seines Handy nicht schnell genug, F. eben, wie er leibt und lebt.
Ich glaube, noch nie habe ich mich so über genervtes Augenverdrehen und wortloses Nörgeln gefreut ... 😊"
Und nun muss ich mir erst mal kurz etwas über Simbabwe durchlesen ...
Ah ja, keine Ahnung, warum ich immer Deutsch-Rhodesien im Hinterstübchen hatte? Auf jeden Fall hat es das wohl nie gegeben, denn Rhodesien war britische Kolonie - schlimm genug.
Hintergrund für diese Recherchen ist, dass heute eine komplett andere "Mannschaft" vor Ort war, keinen von den Schwestern und Pflegern kannte ich bisher.
Als ich klingelte, versprach mir eine Stimme mit deutlichem Akzent, mich gleich hineinzulassen, was dann aber fast zwanzig Minuten dauerte, dann holte mich eine zierliche junge Frau mit tiefschwarzer Haut und einem bildschönen Gesicht - ein Bildhauer hätte es nicht besser hinbekommen können - und auf dem Weg zum Zimmer unterhielten wir uns kurz.
Später verlange F. nach der Pfanne, ich verständigte sie, denn sie war heute für ihn zuständig, und wieder ließ sie sehr lang auf sich warten, doch in der Zwischenzeit war mir aufgefallen, dass ihre Kollegen sie immer bei einem Vornamen riefen, der bis auf einen abweichenden Buchstaben genauso klang wie mein eigener, sehr alt, altbacken eigentlich und ... urdeutsch.
Als sie nun zu uns kam, sprach ich sie darauf an, erzählte von unserer verblüffenden Namensähnlichkeit und schon sprudelte es aus ihr heraus, sie stamme aus Simbabwe, spreche neben Shona und Englisch auch diese Klicksprache und irgendwann habe sie große Lust bekommen, in Deutschland zu arbeiten, doch dafür musste sie zunächst Sprachkenntnisse nachweisen.
Sie hatte von einer deutschen Frau gehört, die schon 40 Jahre in Simbabwe lebe und Deutschunterricht erteile, aber immer nur 9 Schülerinnen. Nein, für sie hatte sie keinen Platz mehr, doch sie blieb hartnäckig, zog extra in die Stadt dieser Frau und konnte sie schließlich überzeugen, sie als Schülerin anzunehmen.
Danach habe sie gepaukt, gepaukt, gepaukt, die Prüfung auch geschafft, sei nun seit 6 Jahren in Deutschland und auch nur mit Deutschen zusammen, was ihr wirklich hervorragendes Deutsch erklärte.
Woher ihr Name kam, konnte sie nicht so genau sagen, ihrem Vater habe er halt gefallen ... und dann wurde sie leider zu einem Patienten gerufen, sonst hätten wir uns sicher noch viel zu erzählen gehabt, zumal sie mich schon optisch sehr an die Freundin meines Neffen erinnerte, die aus Madagaskar stammt, ebenfalls Krankenschwester ist und wohl einen ähnlichen Weg hinter sich hat.
Hut ab vor diesen zielstrebigen und fleißigen jungen Frauen, die sich so mutig in eine für sie völlig fremde Welt begeben, um dort in einem ganz wichtigen Beruf zu arbeiten, davor habe ich wirklich den allergrößten Respekt!!!
Und wieder einmal zeigt es sich, wie wichtig es beim Auswandern ist, sich dort nicht nur innerhalb der eigenen Community zu bewegen. Diese Schwester, die junge palästinensische Kassiererin bei TEDI und A. sind alle etwa gleich lange hier, doch während die beiden Ersteren zu jedem fast vollwertigen Gespräch fähig sind, hapert es bei A. daran noch mächtig, einfach weil sie ihr Deutsch nie anwendet.
Hach ja, heute bin ich mal so richtig zufrieden, habe endlich einmal ein gutes Gefühl und ... vor lauter Freude hätte ich es fast nicht mitbekommen, dass meine Klamotten auf dem Rückweg auf einmal feucht wurden.
Nein, es regnet nicht, sondern es ist nur ungeheuer tiefhängender Nebel, der sich sofort auf allem ablegt, und ich war fasziniert, wie unser Stadtwerketurm im Nebel verschwand.
Zu Weihnachten hatten sie ihn rot beleuchtet:
Und heute sah er, nun grün, so aus:
Weg isser ... 😅
Und nun gab's gerade noch eine riesige Überraschung, denn meine Schwester meldete sich, sie sei hier in der Stadt bei ihrer Schwiegermutter und ob wir uns morgen nicht auf einen Kaffee treffen wollen, bevor ich zu F. fahre.
Na klar wollen wir das ... 😊
Unnu sollte ich mir wohl erst mal Frühstück machen. 😀
Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund!


Ich werte deinen Eintrag als sehr positiv. Und ich freue mich, wenn es so weiter geht. Was du hier von der jungen Frau im Krankenhaus erzählst erinnert mich an meine Ex-Frau. Die Stadtverwaltung suchte damals eine Mitarbeiterin als Ansprechpartnerin für die Partnerstädte. Ich bat sie sich dafür zu bewerben. Die Bezahlung und die Arbeitszeiten wären besser gewesen, doch sie wollte nicht. Sie stellte das kollegiale Umfeld in den Vordergrund. Also weiter mit 10 Euro Stundenlohn bei einer Leiharbeitsfirma. Diese Woche bekam ich einen freundlichen Brief von meiner Krankenkasse in dem mir mitgeteilt wurde, daß der Zusatzbeitrag ansteigen wird. Mit einem Aufschlag von 1,93 % werde ich ab Januar 2026 zur Kasse gebeten.
AntwortenLöschenDie größte Schweinerei kommt von der Bundesanstalt für Arbeit. Hier werden Wirtschaftsflüchtlinge darüber informiert wie mal sich in Dummland ohne Arbeit durchschlagen kann. Ich überlege mir noch immer ob ich nicht doch noch auswandere. Albanien wäre eine Möglichkeit.
Ja, das mit der Erhöhung blüht uns auch, aber ob das als Grund ausreicht, nach Albanien auszuwandern?
LöschenDu hast doch auch Krankenhauserfahrung hinter dir, möchtest du so etwas in einem Land erleben, wo keiner deine Sprache spricht und du kein Wort verstehst?
Ich jedenfalls nicht ...
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenDeine intensive ehrliche Einblicke sind einfach eine Wucht!
Man spürt beim Lesen auch das endlose Warten, deine Erschöpfung aber am meisten und freut sich wohl jeder mit – ob er dich mag oder auch nicht – das es mit „F“ aufwärts geht.
Ich habe mich auch selten über Augenverdreher und nörgeln gefreut wie jetzt. Es Scheint als ist das Ganze Leben wieder in ihn zurückgekehrt und nun muss nur noch Stück für Stück auch die Sprache zu ihm zurückkehren.
Man kann nur hoffen, dass du auch selbst mittlerweile in dir vermerkt hast, wie unglaublich gut das war, damals den Notarzt zu rufen. – Bombig gemacht, liebe Rex-Mama!!!
Auch deine Begegnung mit der Schwester aus Simbabwe hat mich sehr berührt.
Diese Geschichten alleine würden mittlerweile ein wundervolles Buch ergeben, weil es eine Mischung aus Neugier, Respekt und Wertschätzung ist die du da beschreibst. Das zu Lesen, tut gerade nach einem Tag, wenn es mal nicht so läuft, wie es laufen sollte doppelt gut.
Die Schwester aus Simbabwe, Hut ab, auch vor dieser Frauen, die mit so viel Mut, Fleiß und Offenheit ihren Weg gegangen ist.
Bleibt mir zu hoffen, dass es auch morgen wieder, kleingroße Fortschritte bei „F“ gibt.
Fühle dich auch weiterhin umärmelt!
Liebe – Lichterglanz – Grüße
lifeminder
Weia, lieber lifeminder, das ist irgendwie keine angenehme Vorstellung, dass hier jemand lesen könnte, der mich gar nicht mag. 😮
LöschenWas das Rufen des Notarztes angeht, bin ich immer noch etwas zwiegespalten, denn wäre es wie früher und der Hausarzt käme auch wirklich ins Haus, hätte man es zunächst vielleicht einfach mal mit einem Antibiotikum gegen den Infekt versuchen können.
Sie sagten im KH immer, dass er so in Stress geriet, dass das künstliche Koma unumgänglich war, doch diesen Stress haben sie meiner Meinung nach selbst verursacht, indem sie ihn gnadenlos und zu lange am Stück unter die Sauerstoffmaske zwangen, die nicht nur einengt und einsperrt, sondern F. auch wehtat.
Mit stündlichem Wechsel hätte ihm der Stress erspart werden können und die ganze Tortur, die folgte, aber ich bin natürlich letztlich nur Laie und ... vor allen Dingen hat man so am Ende das Problem mit den Herzkranzgefäßen entdeckt und die Stents gesetzt.
Und ja, dieses ständige Warten ist besonders für jemanden wie mich, der von Haus aus sehr ungeduldig ist, ungeheuer zermürbend, dazu lebt man ja ununterbrochen in Angst und Sorge, aber es nützt ja nichts, irgendwie muss man durch.
Liebe "Hier ist der Lichterglanz seit dem 11.12. erloschen, denn zwar steht der Tannenbaum noch, aber seitdem leuchtet er nicht mehr"-Grüße zurück! ;-)
liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenDas sollte bedeuten, selbst wenn dich jemand nicht mag oder bisher nicht mochte, kann er gar nicht anders, sofern er deine Texte gelesen hat - als Euch die Daumen drücken.
Das war ganz lieb und wertschätzend gemeint! :)
Alles gut, lieber lifeminder, ich kam nur leicht ins Grübeln beim Lesen ... 😉🤗🤗🤗
Löschen;) als wie die Rex-Mama wäre nicht immer irgendwie am Grübeln ;)
LöschenWie recht du doch hast ... 😅
Löschen