Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Tag vor Heiligabend, 9:06

 Die Nacht war unruhig, obwohl ich Rex schon gegen ein Uhr sein Frühstück gegeben hatte, riss er mich um vier hoch, also bekam er Frühstück  Nr. 2, wir gingen Gassi, dann legte ich mich wieder hin in der Hoffnung, möglichst viel vom Morgen verschlafen zu können, um irgendwie die unterträgliche Wartezeit zu überbrücken, wollte ich doch den üblichen Anruf so weit wie möglich hinausschieben, um dann womöglich zu erfahren, dass die Herzkatheteruntersuchung schon stattfand.

Im besten Falle ohne Probleme und ohne dass man Auffälligkeiten entdeckt hat und ... natürlich würde ich gleich gerne hören, dass man F. nun endgültig aufwachen lässt. 

Das mit dem Schlafen klappte nicht so ganz, weil um viertel nach acht mein Handy schellte, und natürlich bekam ich sofort einen Mordsschrecken, wie immer zur Zeit, bis ich dann auf dem Display die Nummer sehe, die in diesem Falle zum Glück Entwarnung signalisierte, denn es war mein Cousin, der Liebe, den ich ja immer noch nicht persönlich, sondern nur per WhatsApp und Telefon kenne.

Es rührt mich an, wie dieser erst seit dem Tod meiner Mutter für mich zugängliche Teil der Familie sich mit mir sorgt, und ich bin wirklich dankbar für das Zugehörigkeitsgefühl, das sich hier entwickelt hat. 

Nun werden die Minuten zu Stunden für mich, der Sekundenzeiger bewegt sich unerträglich langsam vorwärts, aber ich will mich zwingen, wenigstens noch bis halb elf mit dem Anruf zu warten.

Tick, ...tick ... tick ... 10:13 ... tick ... tick ... tick ... 

Ich stehe auf, laufe einmal quer durchs Haus, ins Bad, zurück durch den Flur, einmal durch die Küche, sogar das Licht in der Speisekammer mache ich an, steige die zwei Stufen hinab ... was soll ich hier?

Wieder zurück, einmal durch den Garten, Rex liegt friedlich auf seiner Decke und fast ist es ein Wunder, dass ich ihn mit meiner Unruhe nicht anstecke, ... zurück  zum PC ... 10:15 ... tick ... tick ... tick ... und wieder in die Küche, raus in den Garten. 

Vielleicht mal  eine rauchen? Könnte mir drei Minuten einbringen ... tick ... tick ... tick ...

Immer wieder streift mein ängstlicher Blick im Vorübergehen das Telefon und genauso oft erwecke ich das Handy, das im Moment auflädt, zum Leben, nicht dass ich einen Anruf verpasste?

Nein, Gott sei Dank, da ist nichs, kein Anruf bedeutet immerhin auch keine schlechte Nachricht, ich wandere weiter ... tick ... tick ... tick ... 10:20 ... 

10:38 - ich habe es getan, aber ... es gibt noch nichts Neues.

"Wie, sollte denn nicht heute früh  die  Herzkatheteruntersuchung stattfinden?"

"Doch, aber manchmal läuft es nicht so nach Plan."

Schreck ... "Hat das nun mit dem Zustand meines Mannes zu tun  oder einfach mit Ihren Abläufen?"

"Mit unseren Abläufen ..."

Okay, also weiter warten, um 13 Uhr soll ich noch mal anrufen und um viertel nach zwei muss ich dann eh raus  zum Bus.

Dieses Warten, es ist sooo grausam .... 

Sprudel - seit Wochen sind wir nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen gekommen, normalerweise stehen im Ständer in der Speisekammer sechs Kästen, drei saure, drei mit Zitronengeschmack, vor allem vom sauren ist nur noch einer voll, ich hatte eh schon überlegt, da mit dem Trolley Abhilfe zu schaffen, natürlich nicht kasten-, sondern nur flaschenweise.

Eigentlich war mein Plan gewesen, mir die Tortur von gestern Abend heute noch einmal anzutun, also vom KH nach Hause und dann gleich noch einmal los, aber im Dunkeln war das mit meinen Augen wahrlich nicht angenehm, warum also nicht die verdammte Warterei  damit abkürzen?

Genauso habe ich es gemacht, nun habe ich wieder fast zwei volle  Kästen und außerdem machte ich noch Nägel mit Köpfen und hinerlegte bei den Nachbarn einen Ersatzschlüssel, denn ständig hatte ich im Hinterkopf, pass bloß auf die Tür auf, nicht dass sie dir mal zuschlägt, denn dann stehste ganz blöd da.

Normalerweise hätte ich den Schlüssel  U. gegeben,  aber sie scheint kaum noch hier zu wohnen, ist fast immer bei ihrem neuen Lebensgefährten, also konnte ich das vergessen und wählte die direkten Nachbarn, die sehr nett sind, auch wenn wir abgesehen von ein paar Worten, wenn man sich mal über den Weg läuft, keinerlei Kontakt  haben.

Wenigstens eine Sorge von der Seele ...  

Und die Unsicherheit geht weiter, grad angerufen, nein, er war immer noch nicht zur Herzkatheteruntersuchung, kommt aber auf jeden Fall heute noch dran.

Vielleicht sei es besser, ich käme dann erst morgen, meinte die Schwester,  aber das halte ich nicht aus, werde also wie geplant losfahren, muss dann aber damit rechnen, dass  ich stundenlang vor der Tür warten muss.  

14:07 ... nun endlich kann ich losfahren und hoffe inständig, dass ich Gutes zu berichten haben werde, wenn ich wieder zu Hause bin.  

 

Und hier nun das, was ich meiner Schwägerin eben schrieb: 

"So, da bin ich wieder, mit deutlichem Aufatmen.
Als ich ankam, ließen sie mich zunächst nicht herein, man würde mich dann holen und natürlich bekam ich schon wieder einen Schrecken, aber zum Glück kam eine Schwester auf ihrem Feierabendweg vorbei, die ich schon kannte, und sie berichtete, es sei alles o.k,, die Kollegin würde F. grad nur noch etwas herrichten. 
Und dann durfte ich endlich zu ihm. Aus zwar noch sehr roten Augen sah er  mich an, aber immerhin sah er mich im Gegensatz zu gestern wirklich an, erkannte mich auch sofort und schien das meiste bewusst aufzunehmen. Reden kann er leider kein Wort, da der Schlauch ja am Kehlkopf hängt, also versuchte er mir Buchstaben aufzumalen, wir ließen uns Block und Stift geben, aber etwas Vernünftiges kam nicht dabei heraus. 
Ist auch egal, er muss sich noch etwas gedulden, war ein wenig unleidlich, weil der Druckverband auf der Leiste in wohl arg plagte, aber bis 21 Uhr wird er ihn  noch ertragen müssen. 
Gut, dass er verlegt wurde und  die Herzkatheteruntersuchung gemacht wurde, denn tatsächlich waren zwei  Stellen verengt, an denen man ihm nun Stents eingesetzt hat. Ein Jahr lang wird er deswegen wohl noch Blutverdünner einnehmen müssen, aber nicht so starkes Zeugs wie Marcumar.
Einen Arzt habe ich nicht zu Gesicht bekommen, aber ich denke, alles in allem kann man mit dem momentanen Stand wirklich zufrieden sein, zumal er ja eben erst von dem Eingriff gekommen war und dafür fand ich ihn schon erstaunlich wach, nachdem er nun mehr als anderthalb Wochen völlig weg von der Welt war." 

 

Uff, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte ich mir wirklich nicht wünschen können, als dass er stabil ist, weitgehend selber atmet, mich ansieht und bewusst bei mir ist, da wird alles andere dann völlig nebensächlich. 🥰 

Und dann hatte ich auch noch ein nettes Erlebnis im Bus, das im Grunde schon gestern begann, als das Teil so heillos überfüllt war. 

Ich sah zwar in einer Vierergruppe einen freien Platz, doch auf dem hatte einer der drei schwarzhaarigen jungen Männer seinen Kram abgelegt und ich wollte nicht riskieren, dass er sich womöglich angegriffen fühlen könnte, also versuchte ich mein Glück bei den beiden Klappsitzen in Richtung Tür, doch auf einem von ihnen hatte sich eine Frau niedergelassen, die ungeheuer laut in einer kehligen afrikanischen Sprache in ihr Handy brüllte, und auch wenn ich das vielleicht noch hingenommen hätte, war es mir unmöglich, den zweiten Sitz herunterzuklappen, denn sie war derartig dick, dass ihr Hintern weit über Bord hing und alles versperrte.

Also beschloss ich, innerlich tief seufzend, mich stehend ins Eck vor dem hochgeklappten Sitz zu quetschen, denn dort war die einzige freie Stange, die mir besonders auf der Autobahn Halt verschaffen könnte.

Doch da hatte ich die Rechnung ohne die schräg gegenübersitzende ältere Dame gemacht, die das alles beobachtet hatte und nun aktiv wurde. Sehr resolut bäffte sie mit leicht ausländischem Akzent die drei jungen Herren an, was das denn für eine Unverschämtheit sei, sie sollten gefälligst mal ihren Kram vom Sitz nehmen.

Was diese auch anstandslos taten, also setzte ich mich, bedankte mich sowohl bei ihnen wie auch bei der Frau und dachte darüber nach, dass ich selbst für so energisches Auftreten viel zu platt war, während sie und ich uns noch mehrmals verständnisvoll zuzwinkerten.

Und als ich heute den diesmal fast leeren Bus betrat, sah ich sie wieder, ließ mich schräg gegenüber von ihr auf der anderen Seite des Ganges nieder und nun kamen wir ins  Gespräch.

Griechin ist sie, verlor ihren deutschen Mann nach ebenfalls fast vierzigjähriger Ehe vor einiger Zeit und dann erzählte sie, dass sie sich die jungen Burschen gestern beim Aussteigen noch einmal vorgeknöpft habe, denn solch rücksichtsvolles Verhalten ginge ihr einfach gegen den Strich.

Fast merkwürdig, was da geschah zwischen uns, denn sie schien ja ab dem ersten Moment einen Narren an mir gefressen zu haben, als sie sich so mutig für meinen Sitzplatz einsetzte. Ich selber hätte sie vermutlich gar nicht wiedererkannt, sondern sie war es, die mich heute sofort anstrahlte, und irgendwie baute sich da ein Band auf zwischen zwei Wildfremden und wir hatten uns jede Menge zu erzählen.

Bevor ich aussteigen musste, hoffte sie darauf, dass wir uns dann im Bus bald wiedersehen würden, und tatsächlich drückten wir beide uns zum Abschied kurz, aber innig die Hände, was mir so beim Busfahren auch noch  nie passiert ist. 

Lauter kleine Weihnachtswunder, manche nur wenige Minuten umfassend, aber doch sehr bewegend ...  

 

Und nun werde ich mir etwas zu essen machen, denn unterwegs wäre mir fast die Jeans runtergerutscht - so kann das ja nicht weitergehen. 😉

 

Habt einen schönen Abend, genießt - wenn möglich - die Vorfreude aufs Weihnachtsfest und ... bleibt bitte gesund!  

4 Kommentare:

  1. Für F. sind heute, einen Tag vor Weihnachten,die am Barbaratag geschnittenen Forsythien Zweige erblüht..........🌹
    Ein wundervolles Zeichen der kleinen Weihnachtswunder.

    Umarmung
    Helga

    (kann das Foto leider nicht einstellen)

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  2. Hallo, Liebe Rex-Mama!

    Heißt Advent nicht auch "Ankunf und Erneuerung"?

    Die findet wohl gerade statt. Bitte, bitte weiter so.
    Auch für mich - deinen Blognachbarn und Leser - ist das ein ganz wunderbares Weihnachtsgeschenk, was ich da über "F" und als zweitens auch über deine neue "Busbekanntschaft" lesen darf.

    Es kommt zwar nur noch selten vor - doch hin und wieder, wenn alles voll ist - und ich sehe, das man andere nicht setzen lässt, weil man mit seiner Tasche, Tüte, Rucksack einen Platz sperrt für eine lebendige Person, mach ich auch darauf aufmerksam. Und zu 99% waren die Menschen einfach in Gedanken und es steckte kein Böser Wille dahinter.

    Das du die Kraft aufgebracht hast - obwohl man dir angeboten hat, erst am nächsten Tag zu kommen - ins Krankenhaus zu deinem "F" gefahren bist, find ich ganz wunderbar. - Diese beherzte Tat, sagt einfach alles über eure Beziehung aus.

    Du bist und bleibst eine Menschenfängerin! - Ich finde es toll, wie du Bekannschaften schließt. - Da könnte ich mir auch hin und wieder noch mehr Beispiel an dir nehmen.

    Ich hoffe jetzt um 0:46 am 24. Dezember erholst du dich gerade.
    Dass du endlich was in den Magen bekommen hast - freut mich zusätzlich.

    Pass auf dich auf - gerade jetzt im Weihnachtsverkehr!

    Für EUCH nur das BESTE ZUM FESTE!



    Liebe - Weihnachtswunder - Grüße
    Vom lifeminder

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    1. Ich würde es so ausdrücken, lieber lifeminder, in unserer Ich-Gesellschaft befinden sich viele ständig in ihrer eigenen kleinen Welt, da bleibt gar kein Raum, irgendetwas um sich herum wirklich mitzubekommen, schon gar nicht die Bedürfnisse anderer.
      Sie steigen laut in ihr Handy labernd ein, labern während der Fahrt weiter und tun es noch, wenn sie aussteigen - übrigens nationenübergreifend -, andere haben Musik im Ohr oder machen Spiele, jedenfalls haben die allermeisten in Bus und Bahn ihr Handy in der Hand, d.h. sie hätten gar keine Hände frei, ihr Zeugs auf dem Schoß festzuhalten, also landet es auf freien Sitzen, sofern dort nicht auch noch die Füße schon sind.
      Und die, die in der Gruppe unterwegs sind, achten natürlich erst recht auf nichts anderes ...
      Und ja, heute Nacht habe ich zum ersten Mal seit fast zwei Wochen einige Stunden am Stück schlafen können, das tat sehr gut und nun muss ich mich auch gleich schon fertigmachen, um zu F. zu starten, denn leider lässt man mich heute Nachmittag ja nicht.

      Liebe Auch-dir-das-Beste-zum-Feste-Grüße zurück! :-))

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