... und noch bis halb zehn will ich warten mit dem Anruf in der Hoffnung, dass sie mir dann schon etwas mehr sagen können.
Unbeschreiblich und kaum auszuhalten die Vorstellung, dass sie womöglich jetzt gerade, in dieser Sekunde, meinem Mann die Kehle aufschneiden könnten, aber irgendwie muss ich es aushalten.
Weil ich ja gestern ausnahmsweise schon morgens im KH war, hatte mir ein wenig gegraust vor einem langen Nachmittag, Abend und der Nacht - scheinbar unendlich viele einsame Stunden, nur gefüllt mit Angst und Sorge, aber erstaunlicherweise ging das alles fast schnell vorüber - zwei Anrufe, etliche WhatsApp-Austausche, sogar die Frau meines Bruders fragte an, wie es F. gehe, und wünschte gute Besserung.
Also hatte mein Bruder es immerhin doch für so wichtig angesehen, dass er es ihr erzählte, und es fühlt sich völlig irrational an, dass ich im Status seine Fotos sehe, mit denen er der Welt zeigt, wie fröhlich die Familie gerade gemeinsam den Tannenbaum schmückt.
Unter dem wir bis zum Jahr 2022 ja auch immer sitzen durften ...
Eben sagte jemand im Fernseher, der gerade ständig leise läuft, die Menschen auf der Straße seien in vorfreudiger Weihnachtsstimmung - was für ein oberflächliches Urteil, auch ich bin ja auf der Straße unterwegs und mir wird es man genauso wenig wie anderen ansehen, dass meine Stimmung eine völlig gegensätzliche ist.
Vielleicht neigen wir Menschen manchmal ein wenig zu sehr dazu, nur das zu sehen, was wir sehen wollen?
Auch bei meiner Freundin fiel mir das gestern auf, ja, einmal am Tag sehe sie sich schon die Nachrichten an, aber ansonsten vermeide sie sie, berichtete sie, denn sie wolle nur noch Dinge machen, die ihr guttun.
Ihr gutes Recht, natürlich, aber es erinnerte mich doch sehr an meinen kleinen Bruder, der einst, wenn im TV etwas allzu Spannendes lief, aus der Tür flitzte, um diese dann einen winzigen Spalt zu öffnen und mit nur noch einem Auge aus scheinbar sicherer Entfernung mitzubekommen, wie es weiterging.
Neugierig war er ja doch, aber mehr als nötig wollte er nicht teilhaben - frühkindliche Schutzhaltung, die manche niemals wirklich aufgeben?
So, und nun habe ich es getan, habe angerufen, doch leider gab es noch nichts Neues, F. schläft nach wie vor, die Tracheotomie ist noch nicht durchgeführt worden, denn "dafür müssten sie sich erst mal alle absprechen", die Schwester notierte sich meine Nummer und versprach sofort anzurufen, wenn sie mehr wüsste oder es schon erledigt sei.
Warten, warten, nichts als warten, unerträglich ist dieses Ausgeliefertsein, diese Hilflosigkeit, zu der ich verdammt bin, und doch muss ich auch das nun irgendwie noch hinkriegen ...
Als ich gestern am Krankenhaus aus der Bahn ausstieg und mit dem Aufzug vom Hochbahnhof nach unten gefahren war, umfing mich Glockengeläut und mein Blick fiel auf diese Kirche:
Fast wie eine Einladung wirkte das auf mich, eine Einladung in die Sicherheit alter Traditionen, auch wenn ich sie nur ansatzweise lebte.
Religion fand bei uns zu Hause ja nicht statt, vermutlich weil meine Mutter vor der Hochzeit zum evangelischen Glauben konvertiert war. Im Herzen sei sie immer katholisch geblieben, sagte sie Jahrzehnte später einmal zu mir, sie überlege, zurückzuwechseln, doch getan hat sie es nie, dem stand wohl der Alkohol im Wege.
Auch Papa war vermutlich gläubig, zumindest ging er ab und zu in die Kirche, besonders Heiligabend verzichtete er in späteren Jahren nie darauf, immer allein und immer vor der Bescherung - auch das ein Thema, das jeder mit sich allein abmachte.
Ich selbst, damals aus heutiger Sicht längst Agnostikerin, geriet dann durchs katholische Jugendheim und meinen musizierenden und singenden Freund in meiner Jugend in den Kirchenchor, in der Christmette sangen wir oben von der Empore aus, immer ein unbeschreiblich schönes Gemeinschaftserlebnis, vor allem die Gänsehaut, wenn am Ende die Lichter gelöscht wurden, nur noch der große Tannenbaum leuchtete und wir alle "Stille Nacht, heilige Nacht" sangen, ist mir bis heute in tiefer Erinnerung, so ergreifend war es.
Im Laufe der Zeit wurde aus der Agnostikerin eine Atheistin und daran hat sich auch nichts geändert, trotzdem dachte ich darüber nach, ob ich am Heiligabend nicht vielleicht zum Gottesdienst in der hiesigen katholischen Kirche gehen sollte, vielleicht sogar gemeinsam mit A., die sich sicher sehr darüber freuen würde?
Am liebsten wäre mir natürlich die Christmette, aber hier so spät am Abend auf der Straße herumzulaufen, nein, das erscheint mir zu riskant, es ist eben sehr viel gefährlicher geworden, wenn, dann also der Familiengottesdienst am Nachmittag, doch bei näherem Nachdenken verwarf ich auch das wieder.
Wegen der Virengefahr sollte ich andere Menschen nach Möglichkeit meiden, schlimm genug, dass sie mir nun täglich in Bus und Bahn so dicht auf die Pelle rücken, und außerdem bin ich mir mehr als sicher, dass ich es mental nicht packen würde. Würde da nur ein einziges Weihnachtslied gesungen, wäre es endgültig vorbei mit meiner Beherrschung, ich würde anfangen Rotz und Wasser zu heulen, und das kann ja nun wirklich keiner gebrauchen ... 🙄
12:53
Der versprochene Anruf kam nicht, also hakte ich nun selber nach: Der Schnitt ist gemacht worden, nun lässt man ihn ganz langsam aufwachen, um halb vier darf ich rein zu ihm, gehe nicht davon aus, dass er dann schon viel Bewusstsein hat, aber die Hauptsache ist, der Zustand ist nicht mehr ganz so quälend für ihn.
Darauf hoffe ich nun ganz fest ...!
19:53
Meine Schwägerin wähnte mich noch unterwegs und bat mich per WhatsApp vorsichtig zu sein, gerade habe sie gehört, dass schon wieder einer in eine Bushaltestelle gerast sei, daher beginnt das, was ich ihr dann als Tageszusammenfassung schrieb, mit der Antwort darauf:
"Ach du liebe Zeit, es sind nur noch Verrückte unterwegs. Bei mir ging zum Glück alles gut und ausnahmsweise hatte ich so nahtlosen Anschluss, war so zügig daheim, dass ich gleich noch einmal mit meinem Trolley losmarschierte, obwohl ich eigentlich viel zu kaputt war und im Dunkeln auch sehr große Schwierigkeiten mit dem Sehen habe.
Aber so hab ich das weg und für Rex und mich genug zu essen da über die Feiertage.
Und nun zu F., ich möchte es mal als vorsichtigen Lichtblick beschreiben.
Er lag ganz friedlich da, die Augen geöffnet, aber der Blick - wässrig - ging irgendwo ins Leere. Zu sehen schien er mich nicht, also redete ich mit ihm, nahm sofort seine Hände, auch da zunächst keine Reaktion und so holte ich mir meinen Stuhl herbei und setzte mich einfach zu ihm, seine Hand immer in meiner.
Bald darauf tauchte eine Schwester auf, erklärte mir, dass er zwar nicht mehr in Narkose, aber immer noch leicht sediert ist, und sie wunderten sich alle, dass er nicht schlafe.
Na, er hat die Nase voll vom Pennen, denke ich, sagte ich, wir lachten und dann sprach sie ihn an, er solle mir mal zeigen, was er schon könne, nämlich die Zunge rausstrecken.
Er tat es prompt und wohl noch nie im Leben habe ich mich so über eine Zunge gefreut, denn das zeigte ja, dass er geistig zumindest ansatzweise schon da ist.
Später kam die Ärztin, die ihn auch am Freitag wieder schlafen schickte, wir unterhielten uns ausgiebig und ich erfuhr, dass morgen noch die Herzkatheteruntersuchung durchgeführt wird. Deshalb beließen sie es auch bei der Sedierung, anschließend soll er dann ganz langsam und stressfrei wieder ganz wach werden.
Ich wusste ja nicht, wie viel davon er mitbekam, daher erklärte ich ihm dann noch mal, dass er sich nun noch bissl ausruhen müsse, weil morgen noch eine Untersuchung ansteht, aber danach könne er dann ganz schnell wieder jeden Unsinn anstellen.
So verbrachten wir die nächsten beiden Stunden, indem ich ihm allerlei erzählte von dir und wer sonst noch an uns denkt, von zu Hause, von Rex ... ich redete und redete und mir schien, dass seine Augen mit der Zeit etwas mehr Farbe bekamen und er begann dann auch meine Hand zu drücken.
Immer wieder beruhigte ich ihn, dass alles in Ordnung sei, er sich um überhaupt nix sorgen müsse, ich habe alles im Griff und wir bekämen das zusammen alles wieder hin.
Ach ja, und der Beatmungsschlauch geht nun halt nicht mehr durch den Mund, sondern direkt in den Hals, das erscheint mir sehr viel angenehmer für ihn und es ist nun eine Mischung aus Selberatmen und Beatmung, die sie dann allmählich verändern werden hin zum Selberatmen."
Immerhin war meine Stimmung danach so weit gelöst, dass ich mir Gedanken darüber machen konnte, dass auch ich mal wieder mehr essen sollte - eigentlich wollte ich das Einkaufen morgen früh erledigen, aber da mich Fahrerei und das unbequeme Sitzen im KH ganz ordentlich anstrengen, beschloss ich, es gar nicht vor mir herzuschieben, noch war ich ja angezogen, also sagte ich nur Rex hallo, schnappte meinen Trolley und zog wieder los, sicherheitshalber mit Taschenlampe bewaffnet, die ich tatsächlich auch brauchte.
Schlimm mit meinen Augen, wo es nicht gut ausgeleuchtet ist, sehe ich gar nix, und sobald Lampen mit kaltem Licht ins Spiel kommen, bin ich derart geblendet, dass ich erst recht blind durch die Gegend tappe. 🙄
Aber ich habs geschafft und war einigermaßen entsetzt, wie teuer dieser Fertigfraß ist, denn im Moment habe ich weder Zeit noch Lust, mir irgendetwas Gesundes zu kochen, sondern beschränke mich auf Fertigmahlzeiten, zumal es schnell gehen muss, wenn mich schon mal das Gefühl überfällt, nun etwas essen zu können. Einige Minuten später kann das schon wieder ganz anders aussehen.
Als Frustfresser kann man mich wahrlich nicht bezeichnen ... 😁
Ansonsten war ich wie gesagt überrascht, wie reibungslos es heute mit den Öffis lief, und dann fand ich auch noch etwas ganz Erstaunliches heraus, das aber wohl nur mich so zum Staunen bringen konnte, weil ich einfach sehr lange nicht mehr in der Stadt war.
Allen anderen wird es längst vertraut sein, dass die Rolltreppen zur U-Bahn inzwischen zu Zwittern umgebaut wurden. Täglich mühte ich mich damit ab, die für meine Augen viel zu langen Treppen hinabzuklettern, und blickte es gar nicht, dass die Rolltreppe nun in beide Richtungen funktioniert.
Kommt man von unten und tritt auf die Platte, fährt sie nach oben und kommt man von oben, dann bringt sie einen nach unten.
Grandiose Erfindung, finde ich und prompt musste ich an meinen Papa denken, der sich sein Leben lang an der kindlichen Bewunderung seiner Tochter erfreute.
Als ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben eine Rolltreppe bewusst wahrnahm, muss ich zu ihm gesagt haben: "Ohhhh, Papa kann ...!!!" 😅
So, und nun hoffe ich, dass ich sowohl um Mitternacht wie auch morgen früh nur Gutes vom Krankenhaus höre.
Wie sagte die Ärztin?
Alles im grünen Bereich, auch die Entzündungswerte sind wieder normal und erhöhten sich auch nicht wieder, nachdem das Antibiotikum schon vor drei Tagen abgesetzt wurde.
"Er macht nichts, was uns nicht gefällt", drückte sie sich aus und das hörte ich natürlich gern.
Weiter so, mein lieber F. ...

👍👍♥️
AntwortenLöschenWeiter so !
Liebe Grüße
Helga
Das hoffe ich auch ...
LöschenEuch schöne Weihnachten, Cöcelchen! 😘🤗
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschen„F“ ist auf dem Weg der Besserung – das ist wohl die Nachricht des Tages, die alles überstrahlt. So nun lieber „F“ Tag für Tag so weitermachen, bitte!
Mit so viel Ungewissheit und Sorge zu lben, besonders wenn man mit der eigenen Angst und den persönlichen Gefühlen im Einklang bleiben muss. – Das muss wirklich hammerhart sein. Ich bewundere nach wie vor so sehr wie du diese Unvorhersehbare Ereignisse erträgst und doch nicht die Kontrolle verlierst.
Ich glaube nicht daran, dass es irgendeine Menschenseele geben kann die das liest, denn das kaltlassen kann.
Diese Momente, in denen man versucht, sich selbst zu beruhigen, während der Kopf sich ständig mit Worst-Case-Szenarien füllt, das ist einfach eine unfassbare Belastung. Das kenne ich auch, wenn auch natürlich nicht mit dem anvertrauten Ehepartner, was nochmals meiner Meinung nach auf einem anderen Level stattfindet.
Der Fortschritt, dass „F“ die Zunge zeigt, ist für mich ein kraftvolles Zeichen! Es zeigt, dass er (wieder) da ist, auch wenn
Ich hoffe, dass dir diese Fortschritte ein klein wenig Normalität gibt und Hoffnung schenken.
Die Erinnerung an die Rolltreppe und die schönen Momente mit deinem Papa waren ganz wunderbar. Es zeigt und ist auch mir Bestätigung, wie wichtig es ist, auch in den schwierigsten Zeiten nach den kleinen Lichtblicken zu suchen.
Ich hoffe so sehr, dass du bald noch mehr gute Nachrchten bekommst, sowohl von deinem Mann als auch in Bezug auf die gesundheitlichen Fortschritte.
Liebe - ich hoffe, der Weg, den du mit „F“ gehst, wird bald von mehr Licht durchflutet – Grüße
lifeminder
Ja, lieber lifeminder, das ist es, einfach nur hammerhart, man weiß oft nicht mehr, wie man es noch länger aushalten soll, aber man muss es ja ...
LöschenIm Moment versuche ich irgendwie, meinen morgendlichen Anruf noch etwas hinauszuzögern in der Hoffnung, dass dann die Herzkatheteruntersuchung schon gemacht wurde, er sie gut überstanden hat und man mir vielleicht auch schon etwas sagen kann.
So bibbere ich mich durch die Minuten, die Stunden und die Tage ...
Liebe Danke,-ich-hoffe-auch-auf-mehr-Licht-Grüße zurück!
Ich habe n och keine Weihnachtsstimmung. Ich denke zurück an früher, da schauten wir in der Glotze "Wir warten auf's Christkind". So verging die Zeit bis zur Bescherung. Ich habe wie gewohnt aus der guten alten Zeit Weihnachtskarten verschickt. Trotz WhatsApp. Da bin ich eben ziemlich altmodisch. Meine Gedanken sind bei euch, ich fühle mit
AntwortenLöschenDas gab es bei uns nicht, denn der Fernseher stand im Wohnzimmer und genau das war ja das Christkind vor der Bescherung zugange und sogar das Schlüsselloch war zugestopft, damit wir nicht spickeln konnten.
LöschenDanke fürs An-uns-Denken und - Stimmung hin oder her - möge dein Weihnachten ein schönes werden. 🎄