Den ganzen Abend nicht mehr warm geworden, trotzdem auf dem Sofa eingedöst, eben hochgeschreckt, Rex "Frühstück" gegeben und auf der Intensivstation angerufen.
Alles in Ordnung, F. schäft friedlich, der Nachmittag mit Blutungen, HNO usw. war doch recht anstrengend für ihn gewesen und hat ihn erschöpft. Gut, wenn er jetzt zur Ruhe gekommen ist, nun kann auch ich es versuchen ...
9:21 ... extra lange gewartet mit dem morgendlichen Anruf, es nimmt keiner ab, ich wandere wieder von Raum zu Raum, von Wand zu Wand, muss die Nervosität in den Griff bekommen.
9:36 ... immer noch geht keiner ans Telefon, ich muss einen Viertels-Betablocker einwerfen, immerhin ein Gutes hat es, dass ich im Moment fast so viel davon einnehme, wie es die Neurologin gern gehabt hätte. Ich erhöhte die Menge damals nicht dauerhaft, weil ich davon sofort zunahm, nun aber passt es, denn noch weiter abnehmen will ich ja auch nicht.
Meine Gedanken kreisen, versuchen sich abzulenken - warum zum Teufel nennt man ein Speiselokal "Caldera"?
Täglich fahre ich mit der Straßenbahn daran vorbei, denke an die übelsten Vulkanausbrüche, die einem so bekannt sind, denn eine Caldera ist ja der riesige "Krater", der sich bildet, wenn der obere Teil des Vulkanes in sich zusammengestürzt ist. Möchte ich mich dort zu einem entspannten Essen niederlassen ...?
Im TV läuft tagesschau24, ich weiß nicht, wie oft ich nun schon die Ansprache des Bundespräsidenten hörte, ständig sehe ich ihn und bekomme doch kein Wort von dem mit, was er da labert - seine Art zu sprechen wirkt ähnlich einschläfernd auf mich wie damals die Bernhard Grzimek, den der Großonkel so gerne im Fernsehen sah, zu einer Zeit, als es nur drei Programme gab, und die nur stundenweise.
Noch mal eine rauchen gehen, dann versuche ich es erneut ...
10:00 ... endlich durchgekommen, es ist alles so weit in Ordnung, also unverändert, mal abwarten, wie es am Nachmittag aussieht, an dem ich wieder eine halbe Stunde vor der eigentlichen Besuchszeit aufschlagen darf - die wissen schon Bescheid über meine Schwierigkeiten mit den Öffis.
10:27 ... meine Tante, die Schwester meiner Mutter zurückgerufen, weil ich gestern kaum Zeit hatte, auf sie einzugehen. Wie immer wollte sie über Politik reden - sie hat ja sonst niemanden dafür, aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren, bekomme aber immerhin in den Nachrichten mit, dass Trump in Nigeria den IS angegriffen hat, weil er es nicht schön findet, wenn dieser Jagd auf Christen macht.
Außerdem lese ich gerade, dass ab nächstem Jahr auch in unserer Stadt der Einbau von Gasheizungen verboten wird. Prima, bei uns geht aus baulichen Gründen weder Fernwärme noch Wärmepumpe, mal abgesehen von den immensen Kosten. Sollen wir uns dann also künftig die Ärsche abfrieren und stinken, weil baden dann auch unmöglich sein wird?
Fast schade, dass Muttern mich nicht doch abtrieb, wie sie es ursprünglich ja vorhatte, denn irgendwie wartete ich mein Leben lang auf eine Phase, in der einfach alles Wichtige mal problemlos laufen würde und man innerlich zur Ruhe kommen könnte, aber wie es aussieht, wird es diese Phase niemals geben, und das erscheint mir nicht wirklich verlockend ...
Was allerdings nichts daran ändert, dass ich jetzt meine Jacken "umbauen" muss. Bisher war ich täglich in der mit den vielen mit Klettverschluss gesicherten Taschen unterwegs, sehr praktisch, wenn ich alles, was ich unterwegs benötige, benötigen könnte, gleich griffbereit habe, aber sie ist einfach zu dünn, heute werde ich die ganz dicke anziehen, weniger praktisch, dafür aber hoffentlich wärmer.
12:13 ... und wieder wandere ich herum, beantworte Umfragen, höre mit einem halben Ohr, was im TV über Kaiserin Augusta erzählt wird, gehe cine rauchen, wandere wieder, erledige hier eine Kleinigkeit und dort, alles unwichtiges Zeugs, aber irgendwie muss ich die Zeit herumbekommen bis zehn vor zwei, wenn ich das Haus verlasse, um zur Bushaltestelle zu gehen.
Tick,tick, tick ... und ich wandere weiter ...
19:09, wieder zu Hause und hier der Bericht für meine Schwägerin:
"Ansonsten war es heute so gemischt, als ich kam, signalisiert er mir gleich mit den Augen, ich solle mir den Stuhl heranholen, war ansonsten aber recht lätschig, wirkte uninteressiert. Also las ich ihm erst mal deine Nachricht vor und sagte, wollen wir gleich das Foto machen? Er nickte, guckte aber so mürrisch, dass ich sagte, bitte etwas freundlicher. Das Ergebnis hast du ja gesehen ... und ja, ich finde auch, dass er ohne den Bart sehr gut aussieht, sehr viel jünger, als ich es unter dem Gestrüpp vermutet hätte. 😉
Dann verzog er auf einmal das Gesicht und öffnete den Mund, als wolle er schreien, die Werte auf dem Monitor waren alle in Ordung. Hast du ein Problem mit der Luft? Er schüttelte den Kopf. Hast du Schmerzen? Er nickte. Wo? Zeig mal mit der Hand darauf. Er zeigte auf die Leiste und ich machte mir Sorgen wegen der Wunde, holte eine Schwester,die mir erklärte, dass man die Morphine der letzten Tage, also die Hammerschmerzmittel nun abgesetzt habe, er zwar noch etwas bekäme, aber deutlich leidhter, und zusammen fanden wir dann heraus, dass er sein Geschäft erledigen wollte, also musste die Bettpfanne her.
Möchten Sie, dass Ihre Frau dabeibleibt? Erstaunlicherweise schüttelte er den Kopf, aber okay und da ich nicht im Gang warten durfte, musste ich ganz raus vor die Station.
Nach ca. einer halben Stunde holte mich der Pfleger, der heute für ihn zuständig wieder rein, ihm schiene, das könnte noch dauern, und sooo lange wollte er mich nun auch nicht da warten lassen.
Das kenne ich von meinem Mann, er nimmt sich dafür sehr gerne ausgiebigst Zeit ...
Dann nahm er ihm bissl Blut aus dem Schlauch, der eh immer angeschlossen ist, und stellte fest, dass der CO2-Wert wieder zu hoch war.
Versuchen Sie langsamer zu atmen ...
Ja, das sagt sich so leicht, dabei ist es bei F. immer so, er atmet grundsätzlich so flatterig ...
Dieser Pfleger ist auch nett, aber deutlich weniger sensibel als die Frauen, mit denen ich sonst zu tun habe, und als ich ihn nun fragte, wie lange das denn mit dem Rohr im Hals eigentlich noch gehen könne, meinter er, keine Ahung, das könnten zwei Tage sein, bei manchen würde aber auch ein halbes Jahr daraus und das könnten sie dann natürlich nicht mehr leisten, dann müsste eine Rehaklinkik übernehmen.
Buff, das saß, doch zum Glück fügte er dann noch hinzu, dass F. sich ja bis jetzt eigentlich sehr gut mache ...
Es wäre wirklich dringend, dass er sich endlich besser mitteilen könnte, denn später fiel mir auf, was die Schwester gestern auch schon sagte, dass es ab und zu mit dem Kognitiven noch hängt.
F. wollte mir unbedingt was sagen, doch nur anhand der Mundbewegungen konnte ich es nicht erraten, also versuchten wir es wieder mit dem Block und er schrieb "Wo bin ..."
Willst du wissen, wo du bist?
Er nickte, also erklärte ich es ihm ganz genau, obwohl ich es in den letzten Tagen schon x-mal tat und auch die Schwestern es ihm mehrmals sagten.
Ein Wunder ist es eigentlich nicht nach 10 Tagen Vollnarkose, zumal sie ihn ja auch jetzt noch vollballern, aber es abschätzen zu können ist natürlich kaum möglich, wenn die Verständigungsmöglichkeiten so eingeschränkt sind.
Zumindest optisch fand ich aber, dass er etwas erholter aussah, und auch die Blutungen sind inzwischen zum Stillstand gekommen."
Auch heute überkam mich unterwegs wieder dieses unwirkliche Gefühl, mich irgendwo auf der Welt im Urlaub zu befinden, denn sowohl in den Öffis (die Fahrer eingeschlossen) wie auch an den Haltestellen schien es außer mir überhaupt keine Deutschen zu geben.
Gegen 18 Uhr musste ich wieder ziemlich lange neben dem kaum beleuchteten Wartehäuschen herumstehen an einer durchaus vielbefahrenen Straße mit relativ wenig Fußgängern, und die, die vorbeikamen, waren meist Jungherrengruppen, die sich auf Arabisch, Farsi oder was auch immer lautstark austauschten. Auf ausgerechnet dem mittleren der drei schmalen Sitzplätze hatte sich ein ebenfalls junger Zeitgenosse niedergelassen und daddelte auf seinem Handy herum. Ich zog es vor, ihn nicht zu stören, zumal ich es auch gar nicht riskieren darf, jemandem so nahe zu kommen, und so stand ich mir halt die Beine in den eiskalten Bauch und bereute es, niemals afrikanische Sprachen gelernt zu haben, denn ein Stück weiter stand ein Pärchen, beide brüllten in ungeheuerer Lautstärke in ihre Handy und ich hätte zu gerne gewusst, was sie so erregte.
Was das Warten vollends unangenehm machte, ist, dass sie hier schon rumballern wie verrückt.
Immer wieder hörte ich von allen Seiten diese ganz lauten, schweren Böller, bei denen man sich jedes Mal fragt, ob gerade irgendwas in die Luft geflogen ist.
Eine unheimliche Situation war das an dieser Haltestelle und ich fühlte mich sehr, sehr allein, nur um dann - endlich zu Hause angekommen - festzustellen, dass sie auch hier bereits ballern. 🙄
Und nun harre ich Mitternacht entgegen, wenn ich wieder auf der Station anrufen werde, um zu hören, wie es F. geht ...
Tick, tick ..., tick .....
Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte unbedingt gesund!
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenWeiterhin ist spürbar, wie viel du gerade durchmachst, zwischen der Sorge um F., den ständigen Arztbesuchen, der Wartezeit und der unruhigen Atmosphäre in der Stadt. Man merkt richtig, wie du versuchst, dich selbst irgendwie abzulenken und etwas Halt zu finden, trotz all der Ungewissheit und Anspannung.
Was mir besnders auffällt, ist, wie du dich mit der Situation arrangierst, obwohl du ständig mit so vielen Herausforderungen konfrontiert bist. Besonders die Momente, in denen du versuchst, dich abzulenken, wie das nachdenken über den Namen "Caldera", zeigen, dass du versuchst, trotz allem ein wenig Perspektive zu finden.
Wie du durch die Räume tigerst, während du auf den Anruf wartest – das kann ich so gut verstehen, dass dich das nicht loslässt zeigt nur wie viel Mensch du bist.
Ich bin froh, dass es so viele kleine persönliche Momente gibt, die Hoffnung geben, das sind die Wendepunkte – die dir und auch uns Lesern mut machen, dass wir bald wieder Bloggeschichten auch außerhalb des Krankenhauses von „F“ lesen dürfen.
Ich hoffe, dass F. sich bald weiter erholen kann und du ein bisschen Ruhe auch finden kannst. Aber ich kann – ich wiederhol es gerne - nachvollziehen, wie sehr dich diese ständigen Sorgen und das Warten belasten. Es ist gut, dass du trotzdem versuchst, dich zu lenken und nicht im negativen Gedanken zu versinken.
Dafür und das hast ja auch geschldert gab es richtig viele kleine Weihnachtswunder in den vergangenen Tagen.
Die Böller sind jetzt eine Unverschämtheit, ich zucke da auch jedes Mal total zusammen – in Worms werden gerne vor der „Kaiserpassage“ mal gezündet, was ich so gar nicht leiden kann.
Weiterhin hoffe ich, dass du inmitten dieser Unruhe auch kleine Momente der Entspannung und des Friedens finden kannst.
Alles Gute dir und „F“! … und natürlich für „Rex“ auch.
Liebe - Bleib du bitte auch weiterhin gesund und pass auf dich auf – Grüße
lifeminder
Das ist vielleicht ein bisschen, als hätte man zwei Teller mit Suppe vor sich stehen, lieber lifeminder, die eine lecker, die andere scheußlich bitter. Man löffelt an der Bitteren herum, ab und zu nimmt man ein kleines Löffelchen von der anderen, aber man schmeckt das Leckere nicht wirklich, weil das Bittere alles überlagert.
LöschenAber immerhin versucht man es ... ;-)
Liebe 9:42-Grüße zurück!