Nein, F. reagiert einfach nicht auf WhatsApp, keine Ahnung, ob sie ihm das Tischchen mit dem Handy wieder weggeschoben haben oder ob er es einfach noch nicht blickt, jedenfalls werde ich deutlich aufatmen, wenn ich zumindest wieder blaue Haken dort vorfinde - antworten muss er ja gar nicht mal.
Heute früh habe ich schon mit meiner Verbindungsfrau bei der Sauerstofffirma hin und her gemailt, der Tank ist inzwischen nur noch etwa halbvoll, leert sich auch durchs bloße Herumstehen.
Für den Fall, dass ein Wunder geschehen und F. schneller als gedacht heimkönnen sollte, erscheint es mir zu riskant, mit dem Auffüllen noch anderthalb Wochen zu warten, deshalb sollte es am Donnerstag geschehen, Problem ist nur, dass ich denen diesmal dann nicht wie sonst üblich von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht zur Verfügung stehen kann, sondern sie müssten sich mir ausnahmsweise mal irgendwie anpassen.
Bin gespannt, ob es möglich sein wird, dass die Lieferung morgens erfolgt, denn auch wenn es mir nicht verlockend erscheint, werde ich mich zumindest an Neujahr wohl am frühen Abend wieder trauen unterwegs zu sein.
Mit einem durchaus mulmigen Gefühl, das ich an dieser Umsteigehaltestelle ja ohnehin jeden Abend habe und das sich nun noch steigern wird, seit der Böllerverkauf ab heute offiziell freigegeben ist.
Mit dem Anruf um neun auf der Station klappte es nicht, die annehmende Schwester war gerade im Haus unterwegs, konnte garn nichts zu F. sagen und bat mich, es in einer halben Stunde noch mal zu versuchen, also vertreibe ich mir die Wartezeit mit Umfragen und stolpere gerade zum wiederholten Male darüber, dass nach meiner "Geschlechtsidentität" gefragt wird.
Was soll das sein, verdammt noch mal?
Wenn die wissen wollen, welches Geschlecht ich habe, dann kann ich das klar und eindeutig beantworten, denn mir ist nun einmal kein Zipfelchen gewachsen, ich verfüge über Gebärmutter, Eierstöcke und andere nette Dinge, also BIN ich eindeutig eine Frau, doch was sollte das mit irgendeiner"Identität" zu tun haben? *grübel*
So, nun konnte ich endlich jemanden sprechen - es sei alles unverändert, was für mich bedeutet, dass ich heute Nachmittag versuchen werde, endlich mal wieder einen Arzt zu erwischen, denn mich interessieren ja natürlich sehr die laufenden Laborergebnisse usw.
Mal sehen, ob sie mich wieder schon um 15 Uhr reinlassen, wäre gut, denn je weiter ich die Rückfahrt nach hinten schieben muss, umso unangenehmer wird das lange Herumstehen an meiner "Lieblingshaltestelle". 🙄
Gerade muss ich dran denken, wie anders unsere Welt doch noch war, als ich von 2001 auf 2002 das Vergnügen hatte, Weihnachten und Silvester im Krankenhaus zu verbringen, insgesamt vier Wochen lang, und zwar hier in unserem örtlichen KH, so dass F. es deutlich einfacher mit dem Besuchen hatte.
13:13 ... ich sitze schon gestiefelt und gesport hier, um 13:52 fährt mein Bus und heute sollte ich einen Schirm mitnehmen, denn es nieselt leicht und weiß.
Was mir gerade noch durch den Kopf geht, ist, wie sparsam die Leute im KH, besonders auf der Intensivstation besucht werden. Kaum, dass es außer mir noch andere Besucher gibt, und wenn, dann sind sie für einige Minuten da und verschwinden gleich wieder, während ich ja immer einige Stunden an F.s verbringe, ganz gleich, ob er nun wach ist oder schläft.
Seltsam ...
19:34 ... wieder zu Hause und inzwischen auch schon frisch geduscht.
Rundum zufrieden bin ich heute, F. war sehr gut drauf, bemerkt selber, dass es beim Kognitiven noch an manchen Stellen hakt, trotzdem spürt man, wie sein Kopf immer mehr in Schwung kommt, sogar ans Ablesen der Zähler am 1.1. erinnerte er mich, auf seine momentan wortlose Art halt.
Heute ging es ein wenig unruhig zu, weil das Nebenbett neu belegt wurde und ich deswegen und weil zwischendurch auch noch eine Dame mit mobilem Röntgengerät anrückte, um seine Lunge zu durchleuchten, immer wieder mal vor die Tür geschickt wurde, warten, stehen und wieder warten und stehen, wie ja auch ständig an den Haltestellen, nicht unbedingt Zucker für meine Wirbelsäule.
Trotzdem war ich begeistert von meinem Mann, wie er endlich wieder ganz wach Anteil nahm an allem, was vor sich ging und was ich ihm erzählte, zudem davon, wie langsam und tief er nun atmet.
Kurz darauf tauchte eine Ärztin auf und bestätigte genau das, dass er das nämlich ganz hervorragend mache und sie nun noch einmal etwas verstelle, damit die Unterstützung beim Atmen immer weniger wird, zumal er es ja eh auch schon stundenlang ganz alleine hinbekommt.
Recht beschwingt machte ich mich dann auf den Heimweg und obwohl ich eigentlich stehend k.o. war, holte ich dann noch meinen Trolley und zog los zu TEDI und Netto, wo ich erst einmal ... natürlich ... wieder stehen und warten musste, weil der Pfandautomat festhing und schon etliche Kunden Schlange standen.
Dann lief mir im Laden A. über den Weg, die mich sofort innig drückte, sich nach F. erkundigte und auch, wie es mir gehe.
Na ja, das sah sie vermutlich selbst, dass ich im Moment nah an der Reserve laufe, und dann bot sie mir an, mich in den nächsten Tagen zum KH zu fahren, was ich aber dankend ablehnte, da ich ja immer mehrere Stunden bei F. verbringe.
Was sie zum Staunen brachte, offenbar hält auch sie es so, wie ich es im KH täglich sehe, Besuche finden nur ganz kurz statt, dafür aber in ihrer Kultur am liebsten mit der ganzen Familie.
Dann sagte sie noch etwas, das mich wirklich anrührte, nämlich, ihre Tür sei immer weit geöffnet für mich. Egal ob ich Hilfe oder einfach nur etwas Gesellschaft benötige ... sie ist einfach eine Liebe.
Auf dem Rückweg hatte ich Mühe, heile über den Marktplatz zu kommen, weil sich rund um die Rathaustreppe viele junge Herren versammelt hatten, die wie verrückt und ohne jede Rücksicht herumballerten, aber dann war es endlich geschafft und ich freute mich schon auf ein entspanntes Fütterchen, wenn mich nun nicht meine Schwägerin mit einer völlig überflüssigen Diskussion extrem runtergezogen hätte.
Es ging eigentlich harmlos los, als sie wissen wollte, wie viel F. von den letzten Wochen wohl bewusst sei, ich schrieb, eigentlich sogar zu viel, fürchte ich, denn die Ärzte zeichnen sich durch völlig schonungsloses Reden aus, vor allem auch so, wie es F. garantiert in den falschen Hals bekommt.
Sie war der Meinung, der Patient habe doch ein Recht, sofort alles genau zu erfahren, was zweifellos stimmt, aber auch davon abhängt, abhängen sollte, was er verstehen oder verkraften kann.
So geht es nun schon eine Weile hin und her, der Appetit ist mir gründlich vergangen, irgendwann schrieb ich ihr dies hier:
"Du hast noch nie jemanden erlebt, der aus dem künstlichen Koma erwacht, oder?
Da ist der Geist völlig durcheinander, zumal ja erst auch noch das Morphium dazukam. Da sind ständig Wahnvorstellungen, mit einem Delirium vergleichbar und er kämpft sich ganz mühsam aus einer Alptraumwelt zurück ins Leben. Er hat tagelang nicht gewusst, dass er im KH ist, obwohl man immer wieder das Gefühl hatte, er wisse es, d.h. der kongnitive Zustand verändert sich ständig, was er mir ja auch heute bestätigt, denn da sind immer noch Aussetzer, und zwar alles betreffend.
Ich habe es ihm so erklärt, dass er sehr lange geschlafen hat, nun erst mal wieder richtig zu sich kommen muss und man ihm das Atmen über den Hals sehr erleichtert, er deswegen im Moment nicht sprechen kann, was sich aber ganz schnell wieder ändern wird, während die ihm um die Ohren knallen, sie befanden sich so und so lange im künstlichen Koma und wir haben ihnen einen Luftröhrenschnitt gemacht. So und so viel schalten wir zu usw.
Was meinst du denn, welche Version bei einem derart verängstigten Kopf ohne jede Mitteilungsmöglichkeit schonender ankommt?"
Nein, es nützte nichts, sie gab nicht locker und am Ende war ich so weit, dass ich ihm am liebsten geschrieben hätte, okay, dann übernimm du die Sorge und Pflege deines Bruders und knalle ihm von mir aus gemeinsam mit den Ärzten täglich um die Ohren, siehe, das Ende ist nahe, aber wenn du brav deine Übungen machst, gibts vielleicht noch ein paar Tage Aufschub ... 😡
Nein, ich tat es nicht, sondern sagte nur noch, dass dieses Thema vielleicht wirklich zu schwierig ist, um es per WhatsApp-Nachrichten abzuhandeln, dann war ihr Handy leer, also wars das für heute und die Asia-Nudeln, die ich mir gönnen wollte, stehen nun im Kühlschrank, denn das hat mich so richtig runtergezogen.
Dann aber kam doch noch etwas Positives, denn ich sah schon, dass F. online gewesen war, und als ich ihm nun schrieb, dass ich gut zu Hause gelandet sei, bekam ich tatsächlich eine Antwort:
"War gerade auf dem Pott und jetzt schlafen"
Was für eine Freude, Bettpfanne hin oder her, er hat zum allerersten Mal sein Handy aus eigenem Antrieb in die Hand genommen, konnte lesen, was ich schrieb, und war auch in der Lage, einen Satz zu tippen.
Ich glaube, noch nie im Leben habe ich mich über eine WhatsApp-Nachricht derartig gefreut ... 🥰🥰🥰
Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund! 😉
Hallo, Liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenSchon wieder ein sehr intensiver, aber auch bewegender Tag für dich, liebe Rex-Mama! – Dass du weiterhin dich so allen Herausforderungen stellst, verdient weiterhin allergrößten Respekt.
Was für ein wertvolles Zeichen von „F“., dass er seine „WhatsApp“-Nchricht selbst geschrieben hat, ist wieder ein riesiger Schritt nach vorne.
Es muss wirklich eine Mischung aus Erleichterung und Freud sein, wenn man so einen Moment erlebt, besonders nach all der Ungewissheit und diesen schwierigen Tagen.
Was ich interessant fand, ist der Moment, als du über das Thema "Geschlechtsidentität" nachgedacht hast. Du hast da echt eine sehr interessante Perspektive aufgeworfen!
Das Gespräch mit deiner Schwägerin zeigt mal wieder, wie unterschiedlich Menschen mit schwierigen Themen umgehen können.
Du hast vollkommen recht, dass es eine feine Balance zwischen Information und Schutz gibt, wenn es darum geht, jemanden in so einem Zustand wie „F“. die Wahrheit zu vermitteln.
Ich finde es richtig, wie du versuchst für „F“ das Beste herauszuholen ohne ihn direkt mit zu vielen schmerzhaften Details zu überfordern.
„F“ scheint wieder ein Stück mehr zu sich selbst zu finden und das ist doch wirklich ein wunderbarer Lichtblick.
Auch wenn es sich um kleine Schritte handelt, sind sie doch unglaublich wichtig für seine Genesung.
Bleib weiterhin so stark und pass gut auf dich auf!
Liebe - ich hoffe, dass die nächste Zeit für euch ein bisschen leichter wird. - Grüße
Genau, lieber lifeminder, ich versuche ihn so gut wie möglich zu schützen, nachdem ja eh schon so viel für ihn sicher Unbegreifliches und Horrorartiges in den letzten Wochen auf ihn einströmte, denn das Wichtigste ist jetzt, dass er Mut fasst und es schafft, irgendwie positiv nach vorne zu blicken.
LöschenDie Psyche spielt nun einmal eine nicht zu unterschätzende Rolle bei jeder Krankheit, auch wenn das außer mir jeder anders zu sehen scheint ...
Diese "Geschlechtsidentität", hm, meiner Meinung nach wird das Thema Geschlecht in letzter Zeit eindeutig überbewertet, man tut so, als sei die Frage Zipfelchen oder eben keines das reinste Zaubermittel, mit dem bei entsprechender chirurgischer Veränderung alle Probleme, die Menschen nun einmal gemeinhin mit sich und der Welt haben, mit einem Schlage hinweggewischt, während für mich Geschechter wirklich zweitranging sind, im Vordergrund steht der Mensch, unabhängig von Chromosomen oder Optik.
Und der nächste Punkt ist diese "Identität". Was soll das denn eigentlich sein?
Klar klingt es beeindrucken, wenn mir jemand er klärt, seine Identität unbedingt bewahren zu wollen, nur ... wenn man dann nachhakt, was genau damit denn gemeint ist, dann wirds in der Regel schwierig.
Mir ist das alles viel zu schwammig, viel Herumgelabere ohne erkennbare Substanz dahinter, was übrigens auch für das Wort "Achtsamkeit" gilt, das auf einmal in aller (woken?) Munde ist.
Besonders in Umfragen stolpere ich immer wieder darüber und ärgere mich dann, wenn ich keine Möglichkeit habe, zu fragen, was genaus sie meinen.
Liebe Dieser-Hoffnung-schließe-ich-mich-an, aber-so-was-von-Grüße zurück! :-))