Sonntag, 14. Dezember 2025

Einfach nur beklemmend ...

 ... ist es, wenn man die Intensivstation betritt und seinen Lebensmenschen in tiefer Narkose vorfindet, man sieht, wie die Brust sich hebt und senkt, weiß aber genau, dass er nicht selber atmet, weil es nun die Maschinen für ihn übernehmen.

Was hoffentlich dazu führen wird, dass sich die Lunge ein wenig erholen kann von den Strapazen der letzten Tage. 

Überall kommen Schläuche und Kabel aus ihm heraus, man sucht ein freies Fitzelchen Haut, findet es schließlich auf dem Unterarm und quetscht seine Hand durch das Seitengitter des Bettes, um ihn spüren, um ihn streicheln zu können. Will ihm das Gefühl geben, man ist da, man ist bei ihm, auch wenn er ziemlich sicher gar nichts davon mitbekommt.

Nach einer Stude beginnt nicht nur der Quetscharm zu schmerzen, sondern vor allem auch der Rücken, denn als Sitzgelegenheit gibt es in dem winzigen Raum lediglich einen Hocker, ohne Lehne, und das mögen die kaputten Bandscheiben nicht leiden. 

Egal, man streichelt und streichelt, der Blick pendelt zwischen seinem schlafenden Gesicht, der Uhr an der Wand und den Monitoren, auf denen es bunt  blinkt und zum Glück nur selten zu piepsen beginnt.

Der Pfleger kommt, wurschtelt an den Schläuchen herum, tauscht hier ein Teil aus, korrigiert und prüft dort ein anderes, dann sagt er, so, Herr XXX, nun gibts mal was Leckeres, was nichts anderes heißt, als dass aus einem der Infusionsbeutel nun die künstliche Ernährung in ihn eingetröpfelt wird.

Nein, der CO2-Wert habe sich leider noch nicht verbessert - 35 bis 46 wären normal, F.s liegt momentan bei 70, ich flehe innerlich das Universum an, dass er zu sinken beginnt, und erfahre nebenher, dass auch mit dem Säure/Basenhaushalt etwas nicht stimmt.

Um kurz vor vier beschließe ich, allmählich heimzugehen, ein paar Kleinigkeiten sollte ich noch einkaufen, obwohl ich sicher bin, dass ich sowieso keinen Bissen herunterbringen werde, auf jeden Fall müsste ich es heute schaffen, bevor es ganz dunkel ist, denn das Herumlaufen ohne Tageslicht ist mir nicht nur wegen der jungen Herren unangenehm, sondern auch meine Augen spielen da nicht mit, machen mich einigermaßen unsicher beim Gehen, zumindest da, wo die Straßenlaternen nicht genügend Helligkeit bieten. 

Ja, das habe ich hinbekommen, öffne  die Tür, werde immerhin erfreut von Rex begrüßt, doch ansonsten überfällt mich sofort die fast schreiende Leere des Hauses. 

Erst mal Rex versorgt, dann bringe ich meine Schwägerin per WhatsApp aufs Laufende, bei ihr spielt gerade die Technik verrückt, sie hat kaum einmal Empfang, Telefonate sind anscheindend ganz unmöglich, dabei würde mir eine menschliche Stimme jetzt so guttun. 

Mein Cousin hält mich, seit wir nun in Kontakt stehen, immer so lieb über seine Mutter, also meine Tante, auf dem Laufenden, so schicke ich ihm auch eine kurze Nachricht, F. betreffend, und freue mir ein Loch in den Bauch, als er kurz darauf anruft.

"Ich wusste nicht, ob dir das im Moment überhaupt recht ist", sagte er, "aber ich vertraue nun einfach darauf, dass ich dich richtig einschätze und du es mir sagen würdest, wenn es grad nicht passt."

Ja, natürlich täte ich das, aber es passt mir ja hervorragend, es ist schön, sich zumindest für einen Moment mal nicht so ganz alleine zu fühlen. 

Seine Frau, erzählt er, wundere sich immer wieder mal darüber, wo ich denn auf einmal hergekommen sei. Jahrzehntelang nix und dann ist da auf einmal eine Cousine, die irgendwie immer wichtiger wird und inzwischen als fester Bestandteil der Familie empfunden wird.

"Ja", sage ich, "es  lag halt  an meiner Mutter, die uns die Kontakte zu beiden Seiten der Familie kappte", und er erwidert, dass es bei ihnen ja genauso gewesen sein, sein Vater war halt Mutters Bruder, verhielt sich ebenso und beide haben sie das wohl unbewusst von ihrer gemeinsamen Mutter, also unserer Oma, übernommen.

"Gut, dass es jetzt anders ist", meint er, "irgendwie habe ich dich immer mehr ins Herz geschlossen, erst nur, weil Muttern ja immer von euren Gesprächen berichtete, und seit ich dich selber zumindest telefonisch kenne, erst recht. Und glaube mir, nächstes Jahr kriegen wir das auf jeden Fall hin, dass wir uns auch sehen, denn ich will dich unbedingt kennen lernen."

Was für warme Worte von einem Menschen, den ich sonst eher als, hm, hemdsärmelig einschätze. Handwerker, normalerweise eher wortkarg und ganz sicher keiner, der irgendwem Honig ums Maul schmieren würde. 

"Weißt du", sagt er dann noch", das Erstaunliche finde ich, wie tiefgehend man mit dir reden kann, ich schwörs dir, das habe ich sonst eher nicht, nicht einmal mit meinem Bruder kann ich so sprechen wie mit dir."

Das macht mich wohl einfach aus, dass ich so gar kein Smaltalk-Typ bin - sich nur über Belanglosigkeiten auszutauschen, während die wirklich wichtigen Sachen unterm Teppich bleiben, das ist nicht mein Ding, dann halte ich lieber ganz den Schnabel, aber in diesem Falle wird sicher noch reichlich Redebedarf bestehen, denn es fiel mir mal wieder  auf, wie sehr sich manche Verhaltensweisen durch die Generationen fortsetzen.

Nach dem  kurzen Austausch über seinen Vater und meine Mutter ließ er den üblichen Spruch los, das es damit  aber auch genug sei, nun wollten wir die Toten doch in Frieden ruhen lassen, den ich für ziemlich übel halte, denn es geht ja nicht darum, im Nachhinein irgendwen zu bewerten oder gar schlechtzumachen, sondern es geht ums Aufarbeiten von Dingen, die das eigene Leben bis heute prägen, mitunter nicht unbedingt wünschenswert.

Bei ihm in der Familie setzte sich das Ungute fort, seine Mutter hat außer zu ihm kaum Kontakt zu ihren anderen Kindern und auch diese untereinander nicht.

Statt dass er sich damit auseinandersetzt, wo das also auch bei ihm herkommt, will er die Vergangenheit ruhen lassen, d.h. es wird sich nix verändern und alle leiden weiter unter ihrer inneren Entfernung, statt sich mal zu fragen, wo die Gründe dafür liegen. 

Fast zeitgleich meldete sich dann auch noch ein sehr lieber Mensch, den ich ebenfalls nicht persönlich kenne, der mir aber trotzdem immer vertrauter wird, per WhatsApp und wir blieben den ganzen Abend bis spät in die Nacht im Austausch.

Nichts Verkrampftes, sondern ganz locker, jeder machte nebenher seinen Kram, aber immer wieder tauchten wir auch ins Gespräch ein, bis wir schließlich beide dabei einzudösen begannen.

Ich kann es kaum in Worte fassen, wie viel mir das alles bedeutete; siehst du, sagte und sage ich mir, so ganz alleine, wie du dich zunächst fühltest, bist du ja gar nicht.

Wie schon in der Nacht rief ich auch eben wieder auf der Intensivstation an, F. schlafe friedlich, erfuhr ich, sei stabil und der CO2-Wert habe sich etwas gesenkt.

"Okay, dann kann ich also um 15 Uhr kommen?", fragte ich und als die Antwort lautete, "ja, sie können auch um 15 Uhr kommen", hakte ich gleich nach, ob es auch zu einer anderen Zeit ginge.

Es geht, wir einigten uns auf 14 Uhr, er wird den Kollegen eine Notiz schreiben, dass ich dann eingelassen werde, sehr schön für mich, denn so dauert die Warterei nicht mehr ganz so lang und ich habe wieder die Chance, heimzukommen, bevor es ganz dunkel ist.

Ach ja, und dann hatte ich abends auch noch die Betten abgezogen, damit alles ganz frisch ist, wenn F. nach Hause kommt, auch wenn mir bewusst ist, dass er die Treppe vermutlich erst mal wieder für längere Zeit nicht packen wird, wir also wieder im Wohnzimmer campieren müssen.

Und natürlich zermartere ich mir auch das Hirn, was wird, sollte sein Zustand sich nicht mehr verbessern?

Ich muss sehen, ob man den schweren Esstisch im Ess/Arbeitszimmer auseinanderbauen kann, denn sollten wir ein richtige Krankenbett benötigen, könnte es nur dort drüben stehen und dazu brauche ich den Platz.

Aber erst einmal will ich weiter inständig darauf hoffen, dass er sich einigermaßen erholt.

Was ich kann, werde ich jedenfalls dazu beitragen.

 

Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund!  

5 Kommentare:

  1. Danke für deine Offenheit aus dem Krankenhaus und über F's Zustand zu berichten. Ich nehme Anteil an euerer Situation und wünsche mir, daß ihr Weihnachten zu Hause feiern könnt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke dir, Helmut, wir können es jetzt nur abwarten ...

      Löschen
  2. Hallo, Liebe Rex-Mama!

    Du bist eben auch ein Auslöser - das man mit dir gerne schreibt und spricht.
    Seit dir sicher, die Leute mögen DICH und natürlich F und Rex - das veranlasst sie mit dir mitzufiebern.

    Das ist ein Gänsehautbericht - was du da von der intensivstation schreibst, da kommt sogar bei mir verschüttetes wieder hoch.

    Die Berührungen werden "F" gut tun, es heißt ja unterbewusst nimmt man mehr wahr, wie man glauben sollte.

    Dein Cousin scheint ein wunderbarer Mensch zu sein.
    Ob ich das auch nur annähernd so schön formulieren könnte, eher nicht - aber im Prinzip spricht er vieles aus - was ich nur deinen Blog bestätigen kann.

    Der Spruch über die Toten gibts auch hier.
    Aber du hast recht, man muss und sollte Dinge aufarbeiten - denn tut man es nicht, bringt einem das möglicherweise schneller ins Grab, wie man es selbst will.

    Lass uns hoffen, das "F" wenn überhaupt nur vorrübergehend ein Krankenbett braucht - bald wieder auf eigene Füßen steht. - Aber trotzdem gut das du dir Gedanken machst.

    Du bist unendlich tapfer - auch wenn sich das sicher nicht so anfühlt für dich. - Das bewunder ich sehr!


    Liebe - Hoffnungsvollste - Grüße
    lifeminder

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da hast du recht, lieber lifeminder, ich bin ganz weit davon entfernt, mich tapfer zu fühlen, spüre nur ein bibberndes Häufchen Elend.

      Liebe Manchmal-ist-Hoffnung-das-einzige,-was-man-hat-Grüße zurück!

      Löschen
    2. PS: Noch kurz zu dem Spruch: Nie zuvor gab es vermutlich derartig viel Depressionen und andere psychische Erkrankungen wie heute, und ich denke, das kommt nicht von ungefähr.
      Ein anderer Spruch, den man ständig hört, lautet: Ich schaue nur nach vorne.
      Und das halte ich für ganz bedenklich, denn unsere Psyche ist nun einmal kein Motor, den man in eine bestimmte Richtung justiert, und dann läuft und läuft er. Ein bissl mehr gehört doch dazu und Oberflächlichkeit trägt sicher nicht dazu bei.
      Nachdenken, hinterfragen, aufarbeiten, das ist Arbeit und nicht immer angenehm, aber unterm Strich hilft es sehr viel mehr, als dann auf Psychopharmaka zuzugreifen.

      Löschen