Samstag, 18. April 2026

Gestern war ...

... der elfte Todestag meiner Mutter, nicht schön und unfassbar, dass auch das nun schon so lange her sein soll, aber dank der vielen Action war ich so abgelenkt, dass ich ihn gut herumbekam, zumal es mit den positiven Erlebnissen am Nachmittag weiterging, obwohl es im ersten Moment nach Drama klang.

Ich hatte mich gerade am Couchtisch vor dem Läppi niedergelassen, um mich meinen Umfragen zu widmen, als es schellte.

Ein Mann umme fuffzich stand vor der Tür und fragte, ob ich wisse, wem der Wagen bei uns vor dem Haus gehöre, er habe ihn leider leicht angefahren, weil ihm ein Entgegenkommender zu weit in die Quere kam.

Oh jee, nein, das wisse ich nicht, sagte ich spontan, dann aber: "Moment, was hat der für eine Autonummer, vielleicht weiß ich es ja doch?"

Ich zog den Schlüssel ab, ging raus und schaute selber nach, denn zwar habe ich absolut keinen Blick für Automarken, zumal die ja heute eh alle gleich aussehen, aber ... wenn die Buchstaben einen Bezug zum Namen haben, dann kann ich die Wagen zuordnen, und so war es nun auch.

Gegenüber von uns gibt es ein etwas merkwürdiges Wohnkonstrukt, einfach darauf beruhend, dass die Häuser hier alle um die vorletzte Jahrhundertwende herum entstanden. Vergrößerten sich die Familien, baute man einfach an, und so war es dort auch, aber man tat es mit so viel Umsicht, dass sich das Ganze problemlos in zwei getrennte, hintereinander stehende Häuser trennen ließ, die dann irgendwann auch separat verkauft wurden.

Vorn zur Straße hin lebt H. mit seiner tschechischen Frau L. und das hintere Haus ging vor einiger Zeit an ein junges türkisches Ehepaar mit kleinem Kind.

Sie seien sehr nett, hatte mir L. mal per WhatsApp geschrieben und als ich mich vor einiger Zeit mit dem jungen Mann unterhielt, als er - wie immer bei uns vor dem Haus parkend - unter seiner Motorhaube herumwurschtelte, fand  ich dies bestätigt. 

Geduzt hatten wir uns ab der ersten Sekunde und da er seinen Vornamen erwähnte, brachte ich ihn sofort mit seinem Kennzeichen in Verbindung, deshalb war mir nun auch klar, wem der angefahrene Wagen gehörte.

Der Unfallverursacher tat mir von Herzen leid, er wirkte so nett und ich fand es überaus korrekt von ihm, dass er sofort versuchte, den Geschädigten zu ermitteln.

Er wolle erst mal die Polizei anrufen, meinte er, aber ich sagte: "Warten Sie mal noch kurz, ich denke, ich weiß, wer das ist, und hole ihn.

Schon war ich unterwegs, öffnete gegenüber das Törchen und begab mich in den langen Gang zum hinteren Haus, den ich noch nie betreten hatte.

Neben der Tür befand sich ein hübsch dekoriertes, gekipptes Küchenfenster, aus dem ich Geschirr klappern hörte, offenbar befand man sich grad beim Essen, aber es nützte ja nix, ich musste stören.

C. öffnete umgehend, erkannte mich aber nicht gleich, wie ich merkte, denn als ich fragte, ob das sein Auto bei uns vor dem Haus sei, schüttelte er zunächst den Kopf.

Das Missverständnis war schnell aus der Welt, denn natürlich war es seiner und als ich ihm erklärte, worum es ging - mit dem Hinweis, er solle nicht zu sehr erschrecken, denn besonders heftig hatte mir der Schaden nicht ausgesehen -, stieg er sofort in ein paar bereitstehende Schuhe und folgte mir, ganz leicht aufstöhnend, denn er war gerade erst von der Arbeit heimgekommen, zu der er bereits um drei Uhr morgens aufgebrochen war.

Schon während der wenigen gemeinsamen Schritte auf dem Weg zur Straße merkte ich, wie viel Wärme von diesem jungen Menschen ausgeht. Das fände er aber unheimlich nett von mir, dass ich extra zu ihm rübergekommen sei, meinte er, dabei ist das ja nun wirklich eine Selbstverständlichkeit.

Nein, das sei es nicht, setzte er nach und legte mir ganz kurz liebevoll die Hand auf die Schulter.

Und dieses Verhalten legte er auch dem Unfall-"Gegner" gegenüber an den Tag, wie ich kurz darauf fast staunend mitbekam.

Der Mann stand hinter C.s Wagen auf der Straße und wo jeder andere ziemlich angepannt, vielleicht sogar sauer auf ihn zugegangen wäre, legte C. auch ihm kurz den Arm um die Schulter und fragte freundlich, was denn eigentlich geschehen sei.

Der Mann berichtete und C. begann an seinem Kotflügel herumzureiben, stellte fest, dass das im Grunde gar nichts sei, er würde da in der Firma noch mal drüberpolieren, Sache erledigt.

Na, prima, damit war ich ja raus aus der Nummer und zog mich ins Haus zurück, doch einige Minuten später schellte C. an, wollte sich unbedingt noch einmal bedanken für meine Hilfe und erzählte, wie es weitergegangen war, denn er war dem Mann dann noch zu dessen Wagen gefolgt und als sie feststellten, dass auch dort kein nennenswerter Schaden entstanden war, hatte C. ihm vorgeschlagen, es einfach auf sich beruhen zu lassen, denn würde man Polizei und Versicherung einschalten, würde das ziemlich sicher eine Prämienerhöhung für den Mann bedeuten, völlig unnötig, das wollte er ihm gern ersparen.

"Weißt du", sagte er, "wir werden doch überall nur noch abgezockt, habt ihr auch schon die unverschämte Grundsteuerforderung bekommen?"

Ich nickte, erwähnte, dass ich vorsorglich Widerspruch eingelegt habe, was er hochinteressant fand, dann allerdings wunderte er sich, dass wir das Gleiche zahlen müssen wie er, obwohl sein Grundstück doch so viel größer sei, denn wir hätten doch wohl gar keinen Garten?

"Doch, natürlich haben wir den, wenn auch nicht riesig, komm ruhig kurz rein und schau es dir an oder ... hast du Angst vor dem Hund?"

Weia, natürlich, er ist ja Moslem und die haben traditionell fast alle große Muffe, so auch er, das wollte er sich auf keinen Fall trauen, selbst wenn ich Rex anleinen würde. 😅

Zum Thema Abzocke fiel mir natürlich auch gleich die demnächst wegfallende Familienversicherung für Ehefrauen ein, wovon er noch gar nichts mitbekommen hatte.

Wenn das wirklich so einträte, dann würde er aufhören zu arbeiten, meinte er zornig und ich konnte das sooo gut nachvollziehen, denn genau das war auch mein erster Gedanke gewesen, als ich davon hörte: Da steht man sich dann doch mit Harzt 4 (oder wie immer man es auch gerade nennen mag) echt besser, in diesem Land wird man immer mehr zum Doofen, wenn man versucht, nicht auf Kosten anderer zu leben, sondern alles allein zu stemmen. 😡 

Aber schon wurde es wieder freundlich, denn nun meinte er, dass es umso wichtiger wäre, wie wir Bürger gegenseitig miteinander umgehen. Es fühle sich für ihn sehr gut an, dass er den Mann so habe davonkommen lassen, und da gab ich ihm vollsten Herzens recht.

"Das hast du super gemacht", sagte ich, "der war ja wirklich nett und selber auch sehr geschockt. Es gibt genügend  Leute, die einfach schnell weitergefahren wären, dieser aber war anständig - es ist ein Mist passiert, tatsächlich aber gar kein Schaden entstanden und du hast das am Ende so gelöst, dass wir nun alle drei diesen Tag mit einem unheimlich guten Gefühl in Erinnerung behalten werden. Besser gehts gar nicht!" 😊

Und dann fing er doch tatsächlich erneut an, sich bei mir zu bedanken, meinte sogar, er würde mir demnächst mal ein Schokolädchen vorbeibringen, aber dett war nun genug.

"Papperlapapp", sagte ich, ich habe nicht mehr als das Naheliegendste getan, wofür hat man denn schließlich Nachbarn? Freuen wir uns doch einfach, dass wir uns dadurch etwas besser kennen gelernt haben." 😉

Dann verschwand er nach gegenüber und ich an meinen Läppi, doch später klingelte er tatsächlich noch einmal an und ...

... überreichte mir dies hier:


 Da war ich baff und versuchte noch einmal vergeblich, ihn ins  Haus zu locken, doch diesmal stand Rex aufgeregt wirkend mit mir an der Tür, also bestand erst recht keine Aussicht auf Erfolg. 🤣

Wieder drin überkam mich dann das Bedürfnis, noch irgendetwas tun zu wollen, ich fand  mich krass überbelohnt, wollte das nicht so stehen lassen, also schrieb ich L. an, fragte, ob sie C.s Handynummer habe. Wenn ja, solle sie ihn doch bitte mal fragen, ob sie sie mir geben dürfe.

Sie durfte und zack hatte ich einige Fotos vom Garten gemacht und schickte sie C. mit der Bemerkung, wenn er sich nicht traue, dann halt auf diesem Wege, obwohl ich ihn zu 100 % beschützt hätte vor dem bösen Untier."😅

Es folgte noch ein netter, kleiner Austausch, ich freue mich, nun auch ihn  auf WhatsApp zu haben, und später kam mir der Gedanke, dass ich so etwas Ähnliches ja vor vielen Jahren schon einmal erlebte, als nämlich meine Freundschaft zu U. begann.

Ich habe es hier bereits einmal erzählt, wie ich F. an diesem Weihnachten nach Stuttgart zu seiner Familie geschickt hatte, mit der es zuvor große Spannungen  gegeben hatte.

"Du weißt nie, wie lange deine alte Mutter noch lebt", hatte ich zu ihm gesagt, "vertrag dich lieber, so lange es noch geht, damit du so etwas nicht unter Umständen das ganze Leben mit dir herumtragen musst."

Er war gefahren, ich also Weihnachten allein mit Püppi, abgesehen davon, dass ich Heiligabend für einige Stunden rüberfuhr zu meiner eigenen Familie, doch bevor Papa mich abholte, hatte es ja an der Haustür geklingelt. F. war es, der neue Nachbar - F. und U. hatten das Eckhaus gegenüber gekauft, in dem zuvor eine türkische Großfamilie gelebt hatte.

Ihr Weihnachtsmann war ausgefallen, nun wollten sie F. dafür haben, aber da der ja nicht da war, meinte U.s F. - gekannt hatte ich sie beide bis dahin nur vom flüchtigen Sehen -, ja, dann könnte doch ich eine Weihnachtsfrau geben. 😁

Ich hatte es getan und mein Auftritt ist von keinem von uns jemals wieder vergessen worden, weil ich wirklich ordentlich loslegte. F. hatte mir  neben Kostüm und Bart eine Namensliste mit kleinen Anmerkungen gegeben, denn drüben waren gleich zwei  Familien  mit insgesamt 6 Kindern versammelt, die ich mir dann mit tiefer Stimme einen nach dem anderen vorknöpfte, während ich den Sack mit Geschenken mit mir herumtrug. Das einzige Mädel, das schon im Teeniealter war, war beim Klauen erwischt worden, das bekam sie zu hören, genau wie Papa F. seinen etwas hohen Bierkonsum, kurz, sie bekamen alle ihr Fett weg, aber natürlich mit viel Augenzwinkern. 😁

Als sie mich dann zur Tür geleiteten, nahm mich U.s Schwager in den Arm, bedankte sich herzlich und meinte, das sei der tollste Weihnachtsmann gewesen, den sie je gehabt hätten. 

Hihi, sogar die damals Dreijährige erinnert sich noch daran, wie ich  heftig mit meinem Glöckchen wedelnd vor der Tür gestanden hatte, dann erst mal den Nachnamen verstümmelte und ratlos fragte, ob ich denn hier wohl bei Familie xxxx richtig sei?

"Neiiiiin, wir heißen doch yyyyy ...!!!" 🤣

Dann hatte ich die Kinder gefragt, wie es hier mit Parkmöglichkeiten aussähe, ich hätte meinen Rentierschlitten weiter hinten auf ein Hausdach gestellt. Meinten sie, ich könne da bleiben oder sollte ich noch mal zurück und umparken? 😅

Spät am Abend hatte mich mein Bruder nach unserer eigenen Bescherung zurück nach Hause gefahren und ich war zutiefst gerührt, als ich an die Haustür gelehnt ein kleines Päckchen vorfand, liebevoll eingepackt und so beschriftet:

Auch darin hatte sich eine Packung "Merci" befunden, seltsam, wie sich manche Dinge zu wiederholen scheinen, oder?

Inzwischen war es genau Mitternacht, ich ging noch einmal mit Püppi Gassi, ziemlich weit sogar und es war wunderschön, denn es hatte den Abend über geschneit, inzwischen aber aufgehört und als wir beide durch die Stille über eine Wiese mit herrlichem alten Baumbestand durch den jungfräulichen Schnee stapften, warf ich einen Blick hoch zum Himmel, von dem mich die Sterne anfunkelten.

Und auf einmal überkam mich eine so tiefe Zufriedenheit, ein Glücksgefühl, wie ich es selten hatte, das Wissen, du hast alles richtig gemacht, hast bewusst verzichtet, ein einsames Weihnachten in Kauf  genommen, um Gutes zu bewirken, hast spontan eine bühnenreife schauspielerische  Leistung abgeliefert, obwohl das so gar nicht deinem Naturell entspricht, wolltest einfach helfen und am Ende wirst du selber so reich belohnt. Genauso sollte Weihnachten sein ...

Die gleichen Worte, die ich damals dachte, benutzte C. gestern auch, nämlich: "Ich habe alles richtig gemacht", und ich merkte es ihm an, dass auch er dadurch eine tiefe Befriedigung empfand. 

Einfach nur schön war das 😊 ... und gerade fällt mir auf, wie sehr sich solch positive Erlebnisse auf meine Kraft auswirken, denn die Erschöpfung der letzten Tage ist wie weggeblasen, was ich nun gleich beim Kochen auszunutzen gedenke. 😁

 

Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉
 

 

 

1 Kommentar:

  1. Das was du hier schreibst habe ich auch erfahren. Ich war mit dem Auto unterwegs, ein andres Auto kam mir entgegen und ich fuhr nach rechts, dabei touchierte ich ein parkendes Auto. Ich ging zu einer Rechtsanwaltskanzlei und fragte, ob das Auto mit dem Kennzeichen bekannt wäre. Ich solle mich gedulden, denn es kommt Jemand. Der junge Mann hat sich den Schaden angeschaut und meinte, daß er nichts feststellen konnte. Der größere Schaden war an meinem Auto.
    Aber etwas was man raus polieren könne. Solche Ergebnisse hat man doch gerne.

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