Das hörte ich heute Nacht einen jungen Mann im TV sagen. Er selbst sei schon kein richtiger Nigerianer mehr, meinte er, er sei in Deutschland aufgewachsen und weil man hier ständig höre "Sei leise", sei er eben lange nicht mehr so laut wie z.B. seine Eltern.
Automatisch musste ich an die Frau denken, die in ihrer afrikanischen Tracht häufig bei uns am Haus vorbeiläuft. Stets ist sie am Telefonieren und sie brüllt derartig hinein, dass ich sie lange höre, bevor ich sie sehen kann, und ob beim Einkaufen, im Bus oder auch im Krankenhaus, die Lautstärke von Menschen aus anderen Nationen ist oft enorm, wobei das erstaunlicherweise aber wechselt, je nachdem, ob sie auf Deutsch oder in ihrer Heimatsprache kommunizieren.
Vielen, und das gilt auch für Deutsche im Ausland, wird es gar nicht bewusst sein, wenn sie sich sehr anders verhalten als dort üblich - es fehlt ganz einfach an Selbstreflexion, und damit schloss sich der Kreis meiner Gedanken zu dem, worüber ich gestern mit meinem Cousin redete.
Gerade schaute ich mir Fotos im Insta-Reisebericht meiner Schwester an, die ganz frisch in Argentinien eingetroffen sind.
Sollte das wirklich ihre Tochter, also meine Nichte sein oder war es womöglich deren Lebensgefährtin?
Ich musste mir die Bilder tatsächlich rauskopieren, um sie so vergrößern zu können, dass ich mir sicher sein konnte - hatte ich meine Nichte doch mit ihren immer halblangen Haaren als durchaus weiblich in Erinnerung.
Stämmig ist sie geworden und mit ihrem nun kurzen Schnitt wirkt sie wie ein kompakter, aber hübscher nicht mehr ganz junger Mann - schade, dass bei uns alle so weit weg sind, denn Fotos können natürlich täuschen.
Mitten in diese Gedanken hinein schellte mein Handy, ausnahmsweise saß ich mal direkt daneben, war sofort dran und freute mich, Cousin H. zu hören.
Ja, Muttern ginge es gut und der Urlaub in Dänemark war auch toll, traurig nur, dass man keinen fangfrischen Fisch mehr direkt an den Kuttern kaufen könne. Selbst dort direkt an der Küste muss man in den Supermarkt gehen und tiefgefrorene Ware kaufen.
Er war mit dem Hund unterwegs, konnte daher frei sprechen und tat es diesmal noch offener als ohnehin schon, denn über den Umweg über seine im Sterben liegende Schwiegermutter landeten wir auch bei seiner Frau, die von ihren Eltern so mache unliebsame Eigenschaft angenommen hat, z.B. extreme Launenhaftigkeit.
Womit er bei mir natürlich genau an der richtigen Adresse war, weiß ich es doch allzu gut, wie ein solcher Mensch sein ganzes Umfeld mitunter regelrecht terrorisieren kann und wie ich selbst in jungen Jahren darüber stolperte, dass ich im Begriff war, dieses Verhalten von meiner Mutter zu übernehmen.
H. hat unsere gemeinsame Oma nie kennengelernt, also erzählte ich ihm, wie meine Mutter sie (unbewusst) kopierte, dass es auch mir beinahe so ergangen wäre und wie wichtig es dann ist, sich selbst gründlich und schonungslos zu hinterfragen.
Ein richtig gutes Gespräch war das zwischen uns beiden und nun verstehe ich auch die Andeutungen meiner Tante sehr viel besser, die schon öfter erwähnte, dass es zwischen H.s Frau und ihr nicht so besonders läuft - schwierig, weil sie ja auf dem gleichen Grundstück leben.
So, unnu muss ich los zum Zahnarzt.
Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉
Hallo liebe Rex-Mama!
AntwortenLöschenDa hast du ja mal wieder einmal so viele Gedanken miteinander verknüpft. Besonders der Gedanke an die Selbstreflexion ist nun nachdem Lesen mit am meisten in meinem Kopf hängen geblieben.
Oft übernehmen wir Verhaltensweisen aus unserem Umfeld, ohne es überhaupt zu merken.
Auch das mit der unterschiedlichen Lautstärke finde ich ziemlich spannend. Interessant ist dabei wirklich, dass sich das Verhalten offenbar verändern kann, sobald eine andere Sprache gesprochen wird. Übrigens, wenn ich ins Englische verfalle, werde ich natürlich zu „Charles der Vierte“ und spreche selbstverständlich nur noch gepflegtes Oxford-Englisch.
Dein Gespräch mit „Cousin H“ klingt nach einem dieser Gespräche, die noch lange nachwirken. Dinge einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten (tut ja oftmals oder auch öfters gut). Dass du dabei auch deine eigene Geschichte und deine beinahe übernommene Verhaltensweise angesprochen hast, das berührt mich irgendwie?
Ich musste bei der Beschreibung deiner Nichte schon bisserl schmunzeln. Fotos – das weiß ich natürlich nur zu gut - können einen Menschen tatsächlich völlig anders erscheinen lassen, besonders wenn sich Frisur, Kleidung und Statur verändert haben. Da wäre ein aktuelles Wiedersehen natürlich die zuverlässigere Identitätsprüfung.
Ich hoffe, der Zahnarzt war gnädig zu dir!
Liebe – 1. September – Grüße
lifeminder
Das mit der Lautstärke ist z.B. bei meiner Schwägerin sehr auffällig, lieber lifeminder. Wenn sie Deutsch redet, klingt es fast normal, sitzt sie aber auf Partys mit ihren thailändischen Freundinnen am einen Ende des großen Tisches, dann wirds dort sehr laut, weil sie dann sehr viel höher spricht und viele Wörter am Schluss auch noch nach oben gezogen werden.
LöschenUnd in vielen Ländern wird auch im Straßenverkehr ständig gehupt, für mich unerträglich laut, für die Einheimischen offenbar ganz normaler Lärmpegel.
Meine Nichte, jo, es sieht danach aus, als habe sie den männlicheren Part in ihrer Beziehung übernommen, aber wenn es sie so glücklich macht, soll es recht so sein. ;-)
Und ja, ich halte es für unwahrscheinlich wichtig, sich selbst und sein Verhalten zu reflektieren: Wie viel von mir bin ich überhaupt selbst und wie viel bzw. was genau ist ansozialisiert und ich habe es einfach so übernommen, ohne groß darüber nachzudenken?
Für mich selbst war es im Grunde überlebenswichtig, das zu hinterfragen, und ich merke auch zunehmend bei A., dass sie diese Fragen beschäftigen.
Liebe 1.September-Grüße zurück! :-))