Freitag, 21. August 2026

Es hat geklappt ...

 ... und da ich nach dem üblichen Kram, Einkaufen und Kochen von Zwetschgen/Falläpfel-Kompott nun einen Moment Luft habe, nutze ich den, um einige Punkte des gestrigen Treffens mit A. festzuhalten.

Scheeeee war's wieder, das mal vorweg, obwohl das ja wirklich immer so ist. Jedes Beisammensein mit ihr hinterlässt in mir eine Vielzahl guter Gefühle. 🥰

Gleich beim Reinkommen fiel mir auf, dass die Wohnung mit jedem Mal bewohnter wirkt, wenn ich komme, d.h. sie räumt nicht mehr immer pingeligst alles weg (weil es für "Fremde" makellos sein muss), aber dann konnte sie es doch nicht lassen, sich zu entschuldigen, dass im Flur neben der Wohnungstür ein Altpapierkarton stand und in der Küche zwei fertig gepackte Müllbeutel.

"Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen", sagte ich, "so sieht es in einer bewohnten Wohnung nun einmal aus, ich finde das völlig normal." 

Später landeten wir noch einmal bei etwa diesem Thema, aber zunächst war ich natürlich  neugierig auf ihre am 1.9. beginnende Apothekenzeit.

Auf viermal fünf Stunden die Woche haben sie sich geeinigt, von Montag bis Freitag und dienstags wird sie freihaben, so dass wir uns sicher auch weiterhin treffen können, wenn auch nicht so oft.

M. ist im Moment im Homeoffice und  wird im Januar die Abschlussprüfung der Umschulung haben, wofür ich alle Daumen drücke, denn dann kann auch er sich anschließend auf Jobsuche begeben. 

"Wie sieht es denn inzwischen eigentlich mit M.s Sprache aus?", erkundigte ich mich, "hat er denn überhaupt Kontakt zu Deutschen?"

Letzteres verneinte sie betrübt und zu Ersterem meinte sie, sie habe keine Ahnung ... 😅

Und wo wir  nun schon dabei waren, machte ich endlich Nägel mit Köpfen und fragte A. rundheraus:

"Meidet M. eigentlich deutsche Frauen grundsätzlich oder ist das nur bei mir der Fall?"

Weder noch ...

Was sie nun erzählte, klang für mich nach einer waschechten Depression, denn er hält sich wohl von fast allem fern, also auch vom großen türkischen Bekanntenkreis und sogar vom Gülen-Verein. 

In der Türkei sei es ihnen ja finanziell sehr gut gegangen, sagte sie und M. komme nur schwer damit klar, dass er nun schon seit über 6 Jahren nicht mehr auf eigenen Beinen stehe und das Geld natürlich immer knapp sei.

Hoffen wir mal, dass er im neuen Jahr zügig etwas findet und sein Selbstvertrauen Auftrieb bekommt.

Nun landeten wir  über diesen Umweg wieder bei obigem Thema, als A. erzählte, dass sie in der Türkei selbstverständlich auch über ein Gästezimmer verfügt hätten, so wie es dort allgemein üblich sei.

Erst einen Moment später wurde mir klar, dass sie damit nicht etwa ein Gästezimmer meinte, in dem Besucher übernachten können, sondern es ging um ein zweites Wohnzimmer, dass nur benutzt wird, wenn Besuch kommt.

Natürlich, solche Scheinwelten habe ich hier in meiner Kindheit auch noch kennengelernt, bei meiner Dörflifreundin gab es z.B. die Stube, in der sich das tägliche Leben abspielte, und nur wenn Gäste kamen, wurde das "gute Wohnzimmer" geöffnet und geheizt.

Den Vogel abgeschossen haben Bekannte meiner  Eltern. Muttern wunderte sich öfter, dass bei denen Küche und Bad stets so makellos waren, dass man meinte, die Räume würden nie benutzt. Was tatsächlich so war, denn Kochen und Duschen wurden im Keller erledigt, wo man beides noch einmal hatte, dann aber in Normalversion. 😅

Ich  berichtete davon und schloss ab mit: "Alles Fake ...", wohl wissend, dass A. diesen Ausdruck sehr gut verstand, und sofort stieg sie darauf ein, sagte nun ihrerseits ziemlich nachdenklich: "Ja, wirklich Fake."

Dann versuchte ich ihr den Begriff "Spießer" zu erklären ... das haben wir schon immer so gemacht, über den Tellerrand schauen wir nicht, dafür aber auf das, was die Nachbarn sagen könnten  ...

Jaaa, das kannte sie, denn genauso hat sie es daheim gelernt, noch heute lebt sie nach den strengen Regeln, die ihre Oma ihr predigte, aber immerhin ist einiges in ihr in Bewegung geraten, denn ihr war selbst schon aufgefallen, dass es auch sehr gut ohne "Gästezimmer" geht. 

Und  dann kam sie auf die neuen Mitbewohner in ihrem Mietshaus zu sprechen - Araber, die Frau tritt nur in bodenlangen Tüchern auf und von ihr ist nicht mehr als ein Sehschlitz für  die Augen zu sehen.

Das geht auch A. zu weit, wobei sie ja eh der Meinung ist, Türken seien Arabern deutlich überlegen, und so wies sie mich auch darauf hin, dass sie ja immerhin nur das "kleine Kopftuch" tragen würden und sich ansonsten sogar "modern" kleiden dürften.

Was natürlich Interpretierungsspielraum zulässt ... 😀

So babbelten wir und babbelten, bis es zum wiederholten Male um ihre Ängste ging. 

In den Freizeitpark hatte sie nicht mitfahren wollen, weil sie Angst vor Höhe und damit auch vor Fahrgeschäften hat. Höhenangst hab ich auch, trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen fahre ich mit allem, was hoch und schnell ist, sagte ich, fügte hinzu, dass ich auch durchaus auf hohe Türme klettere, um mich zu überwinden.

Ein Wort, dass sie natürlich nicht kannte, also sagte ich nun einfach: "Die Angst soll nicht Chef über mich sein, sondern ich will Chef über die Angst sein."

Das verstand sie und ich denke, mit diesem Thema werden wir uns noch öfter befassen, denn sie gibt sämtlichen Ängsten sofort nach.

Ist M. über Nacht nicht zu Hause, muss jemand kommen und bei ihr schlafen und vorgestern wollte sie abends noch schnell zu Aldi, machte aber nach ein paar Schritten  kehrt, weil es bereits dunkel war und sie zu viel Angst hatte.

Weiter ging es auch um die Angst davor, sich in einer anderen Sprache auszudrücken, wie sie sie genau wie ihre Nichte ja z.B. vor dem Englischen hat.

Beide verstehen alles, könnten eigentlich auch munter drauflosplaudern, aber sie trauen sich nicht, haben schlicht Hemmungen, die sie ja auch beim Deutschen anfänglich so sehr hatte.

Ob es für mich zu Beginn nicht sehr schwer gewesen sei mit ihr, wollte sie nun wissen. Sie frage sich heute, worüber wir denn überhaupt geredet hätten? 

Tatsächlich hat es ja vom ersten Tag an wunderbar geklappt mit uns beiden, mit Händen und Füßen manchmal, aber irgendwie schaffte ich es immer, ihr zumindest einen Teil von dem zu vermitteln, was ich sagen wollte, zumal sie dann ja auch sehr schnell auftaute.

Wir erinnerten uns daran, wie sie sich zunächst immer scheu im Hintergrund hielt, bis ich anfing zu bohren, warum sie zum Essen mit mit M. und mir nicht mit am Tisch säße?

Erst kamen Ausreden von M., sie habe schon gegessen oder so, aber dann kam sie doch, nahm Platz und wenn die Kinder an ihr klebten und rumquengelten, ja, dann war das halt so, Hauptsache, sie war anwesend und nahm gleichberechtigt am Leben teil.

Wieder wurde sie sehr nachdenklich, meinte, niemand hätte damals ahnen können, dass sie es eines Tages wäre, die noch vor M. anfängt, im neuen Land endlich eigenes Geld zu verdienen (sicher ebenfalls eine bittere Pille für ihn), und dann sagte sie: "Du hast es mir leicht gemacht, mich zu trauen ..." 🥰

So, das war es mal in groben Zügen, worum es gestern ging, auf jeden Fall sehr schön alles und nun muss ich hier hurtig noch bissl was tun.

 

Habt einen schönen Resttag und ... bleibt bitte gesund! 😉 

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