Mittwoch, 31. Dezember 2025

21. Tag auf der Intensivstation

 Bereits um sechs Uhr schellte der Wecker, arg früh, nachdem die Heimfahrt gestern so stressig wurde, dafür stehen mir dann dank derer, die sich nicht zu benehmen wissen, später ein sehr langer Nachmittag und eine noch längere einsame, dafür aber laute Silvesternacht bevor.

Bin froh, wenn dieser nicht enden wollende Wust an Feiertags- und Wochenendfahrplänen endlich vorbei ist ...

Auf weitere Diskussionen mit meiner Schwägerin habe ich mich gestern nicht eingelassen, obwohl sie es versuchte.

Vom KH aus hatte ich ihr ein aktuelles Foto von F. geschickt, aber nicht wie üblich abends weitere Infos geliefert, sie bat von sich aus darum, ich brachte sie mit knappen Worten auf den neuesten Stand, zeigte ihr auch diese Atemgraphik und nun ging es erneut los, sie wollte darauf hinaus, dass ich mich jetzt ganz schnell um eine Atemschulung für F. kümmern müsse, stellte sich vor, das sei etwas, das man ungeachtet jeden unbeeinflussbaren natürlichen Impulses  erlernen kann wie Fahrradfahren, F. müsse nur anders atmen, dann sei doch mehr oder weniger wieder alles gut.

Nein, darauf, mich wieder so weit runterziehen zu lassen, indem ich ihr nun erklärt hätte, wie es aussieht, wenn man eh nur noch eine Lungenfunktion von unter einem Viertel hat, hatte ich absolut keine Lust, also ließ ich ihr Geschreibsel irgendwann einfach so im Raume stehen, reagierte gar nicht mehr, denn ich benötige meine Nerven weiß Gott grad für anderes ... 🙄 

Heute glitzert die noch dunkle Welt, bitterkalt ist es und nun muss ich auch schon anfangen mich fertigzumachen. 

 

13:22 Wieder zurück, gezwungenermaßen, da sie es mit dem Ende der morgendlichen Besuchszeit ziemlich eng sehen und mich dann rausschmissen. Was vorher geschehen war, fasste ich für  meine Schwägerin kurz so zusammen: 

Ansonsten war alles in Ordnung und als die Schwester merkte, wie seine Atmung sich durch meine Anwesenheit zusehends beruhigte, schlug sie vor, dass wir es nun, während ich da bin, ja mal mit der "feuchten Nase" versuchen könnten, bei der er bisher immer Panik bekam, denn dann wird die Beatmung ganz ausgestellt, er erledigt alles selbst, bekommt nur etwas Sauerstoff zusätzlich, ähnlich wie mit der Nasenbrille.
Und dann war die Schwester sehr verblüfft, denn es funktionierte einwandfrei, keine Angst, keine Panik, nur ganz in Ruhe atmen. Dann musste ich wie gesagt leider gehen, hoffe aber, dass er nun verstanden hat, dass er es KANN. Abwarten, ob ich nachher noch erfahre, ob sie es dabei belassen konnten."

 So ist es halt einfach, die Psyche spielt eine enorme Rolle und wenn man anderen Lebewesen etwas Geborgenheit, Wärme, Sicherheit vermitteln kann, dann kann das ungeheuer wichtig sein. War schon so, als ich meine kleine Schwester als Kind und Teenie ständig an der Backe hatte, es war und ist bei Püppi und Rex nicht anders und erst recht gilt das für F. in seiner absolut hilflosen Lage. 

Im Gegensatz zu gestern verlief der Heimweg reibungslos, nur etwas erschüttert starrte ich von der Bahn aus auf das Haus, das gestern noch abbrannte. Wäre ich noch eine Stunde später dran gewesen, hätte ich nicht nur wegen des feigen Mordanschlages (offenbar Drogenmafia) in Düsseldorf festgehangen, sondern an dieser Stelle vermutlich auch noch einmal, denn wie ich in den sozialen Medien las, war die Straße während der Löscharbeiten komplett gesperrt.

Als ich zur Tür hereinkam, sah ich mit gewissem Erschrecken, dass eine unbekannte Handynummer versucht hatte anzurufen, noch in Jacke und Schuhen rief ich zurück, aber es war nur meine Tante gewesen, die  aus mir unerfindlichen Gründen immer wieder zum Handy greift, statt das Festnetz zu benutzen. 

So, nun gibts erst mal einen Schoko-Cappuccino und dann werde ich mich ans Abbauen des Tannenbaumes machen.

F. weiß Bescheid und ist zwar betrübt deswegen, aber im Moment gibt es Wichtigeres und ich werde den Platz auf jeden Fall für meinen Liegestuhl benötigen, wann auch immer er nach Hause  kommen darf. 

Spannend wird es noch mit der Sauerstofffirma. Der Tank hat sich allen durchs Herumstehen innerhalb von drei Wochen auf die Hälfte geleert, sicherheitshalber sollte er gefüllt werden und meine nette Ansprechpartnerin in der Firma hat mir versprochen, sich darum zu kümmern, dass ich morgen auf jeden Fall vormittags beliefert werde.

Besser wäre es, denn spätestens ab viertel vor zwei bin ich nicht mehr zu Hause, hoffen wir also, dass die  sich wirklich dran halten.

 

Ich wünsche euch einen guten Rutsch in ein Jahr, das euch nur Positives bringen möge ...  

 


 

 

Dienstag, 30. Dezember 2025

Tag 20

 Es ist 22:59, also noch der 29.12. und noch immer lässt mich der Disput mit meiner Schwägerin nicht los, selbst die Freude über F.s Reaktion bei WhatsApp schafft es nicht mich runterzubringen von der Erregung, gut möglich, dass ich auch einfach etwas überempfindlich bin, nachdem ich ja nun schon seit fast drei Wochen unter höchster Anspannung stehe, mal  abgesehen von der körperlichen Strapazen, die auch nicht ganz ohne sind.

Sie ist schon den ganzen Abend offline, weil ihr Handy ja leer war, und vielleicht auch, weil sie selber keinen Bock mehr drauf hatte, aber eben schrieb ich ihr noch dies hier, soll sie es halt morgen lesen: 

"Und da mir das alles nun eh nicht mehr aus dem Kopf geht, noch ein Wort zu der inneren Panik, die er hat. Vor drei oder vier Tagen war es ja so schlimm, dass die Schwestern ihm sogar die Schiebetür offen stehen lassen mussten, damit er sie und  die Rezeption immer im Blick hatte, weil er völlig verunsichert war und in seinem verwirrten Kopf überhaupt nicht verstand, wo er und was mit ihm los war.
Losgegangen war es mit der unruhigen Nacht im hiesigen KH, die wohl in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass sie ihm zwischendurch keine Erholung von der Maske gönnten. 
Der Arzt sagte mir dann, er habe "es" dann selber gewollt, aber ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass er gar nicht wirklich verstand, was die mit ihm vorhatten, denn noch am Vorabend hatten wir ja darüber gesprochen und er war vehement dagegen gewesen.
Dann legten sie ihn in Narkose und als er wieder wach wird, kennt er gar nichts mehr, verstand ja überhaupt nicht, dass er verlegt worden war und warum er nun derartig an Schläuchen hing und nicht mehr sprechen konnte.
Und das nach den ganzen Alpträumen, die ihm meiner Meinung nach die Narkose immer dann verursachte, wenn sie sich bemühten, sie so flach wie möglich zu halten. 
Und nun ging der Alptraum für ihn weiter, von dem er deutlich sichtbar immer zumindest ein Stückweit runterkommen konnte, sobald ich bei ihm war, beruhigend auf ihn einwirkte und ihm zumindest ein klein wenig Sicherheit zu geben versuchte.
Dann taucht eine Ärztin auf, kaum dass er halb wach, dafür nun aber unter Morphium stehend, und legt sofort los, sie waren so  und so lange im künstlichen Koma, wir haben einen Luftröhrenschnitt gemacht und zwei Stents haben sie auch noch bekommen.
Mir war zwar klar, dass er das alles in seinem Zustand eh kaum aufnehmen konnte, trotzdem schickte ich Stoßgebete los, dass er mit dem Wort Stent nicht wirklich viel anfangen konnte, klangen doch schon Luftröhrenschnitt und Koma bedrohlich genug. Sollte er sich nun noch zusätzlich fragen, ob man ihm womöglich den Brustkorb aufgeschnitten und an seinem Herzen zu schaffen gemacht hatte, ohne auch nur eine diesbezügliche Frage stellen zu können?
Es geht einfach nur um Einfühlungsvermögen, etwas Sensibilität, natürlich muss er alles wissen, aber  doch besser nach und nach und nicht ganz so krass ausgedrückt, nur weil die ihre Fachausdrücke unbedingt an den Mann bringen wollen. Eben so, wie er es verkraften kann, ohne dass man ihn in seiner zum Schweigen verdonnerten Panik gleich weiter bestärkt. 
Seufz, über all diese Dinge denke ich nun seit 19 Tagen pausenlos nach und hatte heute endlich mal das Gefühl, sie etwas von mir wegschieben zu können, weil ich wirkliches Licht zu sehen meinte, aber nun geht das Grübeln weiter ... 
Sehe ich das alles denn wirklich so falsch?"

 

Und so sitze ich nun hier, wirklich ratlos, wobei ich aber wirklich schon von Anfang an über das alles nachgrübele, weil mir ja auch der Arzt in der ersten Klinik so ungeheuer unsensibel erschien, im Gegensatz zu den Pflegern übrigens, die sich hier wie dort ganz anders verhalten, sehr viel menschlicher und einfühlsamer auf die Patienten eingehen.  

Im TV läuft eine der Auswanderersendungen, die F. und ich sonst sehr gern ansehen, doch ich merke, dass ich so gut wie  nichts mitbekomme, essen geht auch nicht, nicht mal ein einziger Bissen und nun darf ich gespannt  sein, wie es mit dem Schlafen wird, aber erst mal muss ich später eh noch im KH anrufen, es sei  denn, F.  würde sich zuvor noch mal online zeigen, das würde mir als Beruhigung schon genügen, dann bräuchte ich die Nachtschwester vielleicht gar nicht behelligen.

Schaun mer mal ... noch ist ja nicht Mitternacht.  

0 Uhr und ...sie knallen, knallen, knallen, schlimm für die Tiere, schlimm für die Umwelt und schlimm für die Nerven der Menschen, für die, die vielleicht vor Krieg nach hier geflohen sind, für die, die morgen früh zur Arbeit müssen, und schlimm für solche wie mich, die gerade eh nicht die besten Nerven haben.

Ich bin ja sonst kein Freund von Verboten, in diesem Falle wäre ich dafür, wenn ich mir nur das Geringste davon versprechen würde, denn wird hier der Verkauf untersagt, geht diese Branche pleite, die Vögel bestellen sich den Scheiß im Ausland und Knallverbot bringt eh nix, wenn sich keiner daran hält, weil sie ja eh nicht zu erwischen sind ... 🙄

 

Ja, super, gerade lese ich, dass im Stadtteil meiner Kindheit und Jugend der Straßenbahnverkehr schon jetzt eingestellt werden musste, weil mehrere Bahnen mit Feuerwerkskörpern angegriffen wurden. 

Und das bereits zwei Nächte vor Silvester, zu dem (wie auch zu Halloween) man das bereits kennt.

Es wird immer schlimmer mit der Respektlosigkeit und nun bin ich gespannt, ob auch die Linie betroffen sein wird, die ich nehmen muss, um zu F. zu gelangen.  

 

9:16 ... F. hat sich über WhatsApp gemeldet, das baut mich richtig auf, nachdem mich die Auseinandersetzung mit seiner Schwester so runtergezogen hatte, dass mich das auch während der Nacht nicht losließ und sie entsprechend unruhig wurde.

Bei Netto hatten sie so kurz vor Feierabend in der Backstation Teilchen um die Hälfte reduziert  gehabt, ich griff zu, nahm mir eine Kirschschnitte mit, die ich mir eigentlich als Nachtisch nach einer zum ersten Mal wieder etwas üppigeren Hauptmahlzeit gönnen wollte.

Mangels Appetit wurde sie dann selbst zur Hauptmahlzeit, aber Hauptsache, überhaupt was im Bauch, auch wenn sich dieser in der Nacht mit heftigen Krämpfen dafür bedankte. 🙄

Zum gestrigen Aufregerthema, dass also angeblich "jeder ein Recht auf schonungslose Offenheit" habe, geht mir noch durch den  Kopf, dass das natürlich perfekt zu unserer Ich-Gesellschaft passt.

In den sozialen Medien gehören Kommentare wie "du fette Kuh" fast noch zu den netteren, man knallt anderen alles an die Birne, was einem gerade selbst Bedürfnis ist, immer raus mit allem und hinterher brüstet man sich noch damit, doch ein wirklich grundehrlicher Mensch zu sein, der niemals mit dem hinter dem Berg hält, was er wirklich denke.

Womit wir wieder beim ich, ich, ich wären, Hauptsache, ICH kann alle meine Bedürfnisse erfüllen, was ich damit bei anderen anrichte, kann mir doch piepegal sein, auf  Diplomatie, Fingerspitzengefühl, Empathie und Sensibilität sei munter draufgeschissen, wenn nur ICH wirklich alles rauslassen konnte.

Ein kleines Beispiel dazu war mir auch schon im Bus aufgefallen, wo sich im Mittelteil auf den Klappsitzen gegenüber von dem, auf dem ich hockte, ein junges Paar niedergelassen hatte, neben sich den Sportwagen, das dazugehörige vielleicht anderthalbjährige Kind hatte der Mann auf dem Schoß und  ließ es dort so ruckartig und schnell hopsen, dass ich mich die ganze Zeit fragte, wer davon wohl zuerst kotzen müsste, der kleine Bub oder ich vom bloßen Zusehen?

Sie trug ihre islamische Frauenuniform genau wie A., also waren sie wohl türkischer Herkunft, aber sicher hier aufgewachsen, denn sie unterhielten sich sehr laut in astreinem Kohlenpöttisch, das er immer wieder mit noch lauteren "Uhhs" untermalte, die wohl die Freude des Sohnes am wilden Hopsen noch steigern sollten.

Kurzum, sie taten, als seien sie  alleine im Bus, und als der Fahrer an einer plötlich auf Rot umspringenden Ampel etwas heftiger  bremste, bekam der Kinderwagen das Übergewicht und der Mann brüllte wütend los: "Ja, sag mal, geht`s noch, du Trottel?" 

Da sie beide ununterbrochen husteten, hatte ich mein Gesicht eh unter der Maske verborgen, somit konnte ich meine  ziemliche Fassungslosigkeit gut für  mich behalten, denn ich hatte den Kinderwagen schon die ganze Zeit im Auge gehabt, weil sie den Beutel  unter  dem Handgriff derartig vollgepackt hatten, dass es ein Wunder war, dass er nicht schon viel früher von sich aus das Übergewicht bekommen hatte.

Letztendlich mal wieder ein Beweis dafür,  wie es so oft läuft in unserer Gesellschaft, man baut selber Scheiße, doch die Schuld dafür sucht man bei anderen, die dann ihr Fett wegkriegen, statt dass man sich mal an die eigene Nase fasst.  

Und nun schließe ich damit auch ab bzw. versuche es zumindest und habe jetzt erst mal auf der Station angerufen, keine  Neugikeiten und ich soll ruhig  wieder mein Glück  schon ab 15 Uhr versuchen. Wenn es noch  nicht passt mit dem Reinlassen, muss ich halt vor der Tür warten, das kennen wir inzwischen ja alles ... 

Außerdem habe ich grad alles zum Abschmücken und Abbauen des Tannenbaumes heruntergeholt, nachdem ich es gestern mit F. besprach.

Zwar tut es mir ungeheuer leid für ihn, wenn er sein Bäumchen dadurch für diese Saison nicht mehr leuchten sieht, und ihm war die Enttäuschung deutlich anzusehen, aber auch ihm ist klar, dass er unsere Treppe, wenn er denn endlich wieder zu Hause ist, erst einmal nicht wird schaffen können, also benötigen wir den Platz für meinen Liegestuhl.

Morgen muss ich wegen der Gefährlichkeit auf den Straßen ja eh schon morgens hin, werde mich nachmittags gar nicht mehr aus dem Haus rühren, dann habe ich genug Zeit für diese Tätigkeit, die mir vermutlich ordendlich zusetzen wird, aber ja trotzdem erledigt werden muss.  

 

10:46 ... meine Güte, grad schellte das Telefon und als ich eine hiesige Vorwahl auf dem Display sah, sank mein Herz sofort tief in die Hose, fast schon in Panik hob ich ab, doch dann hatte sich ... zum Glück ... nur jemand verwählt.

Nur Minuten zuvor hatte ich ja  mit der Station gesprochen und trotzdem war die riesige Angst sofort da, unfassbar, wie tief unter der Haut einem das alles drinsitzen kann ...  

 

12:14 ... hier kann man kurz nachlesen,  wie die Lage bei uns jetzt schon eskaliert und wie ich es ja auch gestern zumindest ansatzweise selbst auf dem Marktplatz erlebte.

Die Haltestelle, die ich beim abendlichen Umsteigen so "lieben" gelernt habe, befindet sich in Sichtweite zu jenem "Platanenhof", der im Artikel erwähnt wird, d.h. ich bin ganz nah dran und mein ohnehin kaum noch vorhandenes Sicherheitsgefühl löst sich zusehends komplett auf.

Heute Abend werde ich es noch riskieren, übermorgen auch wieder, aber morgen darf ich das einfach nicht, also bleibt es dabei, dass ich F. dann nur vormittags kurz sehen kann. 😡 

 

19:30 ... da bin ich wieder, echt fix und fertig.

Der Bettnachbar, der gestern eingezogen war, ist wieder weg, F. also wieder allein und der Pfleger, den ich schon von gestern kannte, sah gar kein Problem darin, mich schon um viertel vor drei einzulassen.

Und mit ihm unterhielt ich mich auch ausgiebig, da ich keinen Arzt zu fassen kriegte. Es sei halt langwierig, meinte er und wies wie schon der Kollege kürzlich darauf hin, dass eventuell noch die Verlegung in eine auf solche Fälle spezialisierte Reha-Klinik anstehe, sollte F. die Panik nicht verlieren, sobald man ihm das Röhrchen abstellt, obwohl er im Grunde eh die ganze Zeit eigenständig atmet, nur etwas Sauerstoffunterstütung bekommt er.

Ob er selber denn auch etwas beitragen könne, fragte ich und nun machte sich dieser nette Typ richtig Mühe und erklärte mir alles ausführlich.


 

U.a. geht es um die orangefarbene Graphik in der Mitte des Monitors, die Ausbuchtungen nach oben zeigen das Ein-, die nach unten das Ausatmen, und genau da hakt es bei F. ja schon jahrelang.

Sein Brustkorb flattert wie  der eines kleinen Vögelchens, viel zu schnell atmet er und vor allem viel zu flach.

"Du hechelst wie unser Hund", sagte ich zu ihm, der Pfleger lachte laut auf und hielt  das für eine wirklich gut verständliche, bildhafte Erklärung, währenddessen entnahm er F.etwas Blut aus der immer im Handrücken steckenden Kanüle, um den CO2-Wert zu messen.

"Vor einer Stunde war er  auf  55, nun ist es schon wieder auf 57 gestiegen", erklärte er mir, "und an der Kurve sehen Sie den Grund dafür, er hechelt wieder."

Nun übernahm ich und "übersetzte" das alles für F., der im Moment deutlich Schwierigkeiten mit Hören und Verstehen hat. 

"Der Scheiß muss raus aus dir", sagte ich, "und du kannst durchaus mithelfen, dass du das Ding aus dem Hals kriegst und  dann vielleicht um die Reha herumkommst."

Wenn er den Kopf leicht dreht, kann er zwischen den Gitterstäben des Bettes diesen Monitor erkennen, ich zeigte ihm noch einmal, worauf es ankommt, wie er selber Einfluss darauf nehmen kann, und dann verbrachten wir die nächsten zwei Stunden in angeregter, wenn letztlich natürlich auch etwas einseitiger Unterhaltung. Er musste grinsen, während ich ihm die Fingernägel schnitt - zum ersten Mal in meinem Leben - und auch wenn ich ihn ab und zu mal ermahnen  musste, achtete er im großen Ganzen fast durchgängig selber aufs richtige Ausatmen. 

Bleibt zu hoffen, dass er es auch im Auge behält, wenn er alleine ist ...

Da ich morgen früh ja schon vor achte wieder losmuss zu ihm, beschloss ich um 17 Uhr  abzuhauen, bissl was hab ich ja auch daheim noch zu erledigen. Normalerweise springe ich dann vor der Station noch mal kurz uffs Gästeklöle, doch heute langte mir die Zeit nicht dafür, da wir noch dies und das zu "bequatschen" hatten, aber okay, die Verbindung, die ich mir rausgesucht hatte, müsste mich innerhalb von nur 50 Minuten nach Hause bringen, so lange würde ich es  schon aushalten können.

Pustekuchen, kaum hatte ich mein im Moment heftig schmerzendes Kreuz hoch zur Haltestelle  geschleppt, bimmelte mein Handy und auch auf dem Bahnsteig wusste man kaum, ob man zuerst auf die  Durchsagen oder die Anzeigen auf der Tafel achten sollte.

War auch wurscht, denn die Aussage war überall die gleiche, aufgrund einer "Störung" würden sich alle Bahnen erheblich verspäten.

Eine Stunde stand ich dort herum in der beißenden Kälte, und natürlich war die, die dann auftauchte, rappelvoll, so dass ich dann unterwegs weitere 20 Minuten stehen musste.

Mein Bus war gerade weg, der nächste ließ fast eine halbe Stunde auf sich warten, die ich - stehend - an meiner "Lieblingshaltestelle" verbrachte, und als er dann kam, war auch er so voll, dass ich weiter stehen musste. Dieser Fahrer  fuhr ausgesprochen ruppig, bremste sehr scharf, ging viel zu schnell in die Kurven, nein, ein Vergnügen war das nicht, zumal ich ja auch derartig durchgefroren war, dass ich mich kaum noch bewegen konnte, und mich die Blase immer mehr drückte, aber irgendwann war es dann geschafft und nun bin ich daheim und überlege, dass mir der Appetit auf das Essen, das ich ja schon für gestern eingeplant hatte, nun erneut vergangen ist. 

Im Gegensatz zu gestern hat F. sein Handy bis jetzt nicht in die Hand genommen, das macht mich schon wieder unruhig, aber ich hoffe darauf, dass er es irgendwann vielleicht doch noch tut, und gegen Mitternacht werde ich dann ja eh wieder auf der Station anrufen.

 

Ach, und nun sehe ich auch den Grund, der vermutlich hinter den Ausfällen der von Düsseldort kommenden Bahn stecken dürfte, seht selbst.  

Oh Mann, wie hat sich diese Welt, dieses Land, meine  Heimat doch verändert, schön ist das alles wahrlich nicht mehr ... 😡

 

Habt trotzdem einen schönen Abend  und ... bleibt bitte gesund! 😉 

 

 

PS: Gerade mal gegoogelt, mit dem Auto beträgt die Strecke von hier zum KH 17,1 km, schon dolle, dass man dafür locker mal zwei Stunden brauchen kann.

Und das Beste zum Schluss, gerade hat sich F. über WhatsApp gemeldet, nun wird mein Appetit sich hoffentlich gleich melden. 🥰 

Montag, 29. Dezember 2025

Tag 19

 Nein, F. reagiert einfach nicht auf WhatsApp, keine Ahnung, ob sie ihm das Tischchen mit dem Handy wieder weggeschoben haben oder ob er es einfach noch nicht blickt, jedenfalls werde ich deutlich aufatmen, wenn ich zumindest wieder blaue Haken dort vorfinde - antworten muss er ja gar nicht mal.

Heute früh habe ich schon mit meiner Verbindungsfrau bei der Sauerstofffirma hin und her gemailt, der Tank ist inzwischen nur noch etwa halbvoll, leert sich auch durchs bloße Herumstehen.

Für den Fall, dass ein Wunder geschehen und F. schneller als gedacht heimkönnen sollte, erscheint es mir zu riskant, mit dem Auffüllen noch anderthalb Wochen zu warten, deshalb sollte es am Donnerstag geschehen, Problem ist nur, dass ich denen diesmal dann nicht wie sonst üblich von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht zur Verfügung stehen kann, sondern sie müssten sich mir ausnahmsweise mal irgendwie anpassen.

Bin gespannt, ob es möglich sein wird, dass die Lieferung morgens erfolgt, denn auch wenn es mir nicht verlockend erscheint, werde ich mich zumindest an Neujahr wohl am frühen Abend wieder trauen unterwegs zu sein.

Mit einem durchaus mulmigen Gefühl, das ich an dieser Umsteigehaltestelle ja ohnehin jeden Abend  habe und das sich nun noch steigern wird, seit der Böllerverkauf ab heute offiziell freigegeben ist.

Mit dem Anruf um neun auf der Station klappte es nicht, die annehmende Schwester war gerade im Haus unterwegs, konnte garn nichts zu F. sagen und bat mich, es in einer halben Stunde noch mal zu versuchen, also vertreibe ich  mir die Wartezeit mit Umfragen und stolpere gerade zum wiederholten Male darüber, dass nach meiner "Geschlechtsidentität" gefragt wird.

Was soll das sein, verdammt noch mal?

Wenn die wissen wollen, welches Geschlecht ich  habe, dann kann ich das klar und eindeutig beantworten, denn mir ist nun einmal kein Zipfelchen gewachsen, ich verfüge über Gebärmutter, Eierstöcke und andere nette Dinge, also BIN ich eindeutig eine Frau, doch was sollte das mit irgendeiner"Identität" zu tun haben? *grübel*

 So, nun konnte ich endlich jemanden sprechen - es sei alles unverändert, was für mich bedeutet, dass ich heute Nachmittag versuchen werde, endlich mal wieder einen Arzt zu erwischen, denn  mich interessieren ja natürlich sehr die laufenden Laborergebnisse usw.

Mal sehen, ob sie mich wieder schon um 15 Uhr reinlassen, wäre gut, denn je weiter ich die Rückfahrt nach hinten schieben muss, umso unangenehmer wird das lange Herumstehen an meiner "Lieblingshaltestelle".  🙄

Gerade muss ich dran denken, wie anders unsere Welt doch noch war, als ich von 2001 auf 2002 das Vergnügen hatte, Weihnachten und Silvester im Krankenhaus zu verbringen, insgesamt vier Wochen lang, und zwar hier in unserem örtlichen KH, so dass F. es deutlich einfacher mit dem Besuchen hatte.

13:13 ... ich sitze schon gestiefelt und gesport  hier, um 13:52 fährt mein Bus und heute sollte  ich einen Schirm mitnehmen, denn es nieselt leicht und weiß.

Was mir gerade noch durch den Kopf geht, ist, wie sparsam die Leute im KH, besonders auf der Intensivstation besucht werden. Kaum, dass es außer mir noch andere Besucher gibt, und wenn, dann sind  sie für einige Minuten da und verschwinden gleich wieder, während ich ja immer einige Stunden an F.s verbringe, ganz gleich, ob er nun wach ist oder schläft. 

Seltsam ...  

19:34 ... wieder zu Hause  und inzwischen auch schon frisch geduscht.

Rundum zufrieden bin ich heute, F. war sehr gut drauf, bemerkt selber, dass es beim Kognitiven noch an manchen Stellen hakt, trotzdem spürt man, wie sein Kopf immer mehr in Schwung kommt, sogar ans Ablesen der Zähler am 1.1. erinnerte er mich, auf seine momentan wortlose Art halt.

Heute ging es ein wenig unruhig zu, weil das Nebenbett neu belegt wurde und ich deswegen und weil zwischendurch auch noch eine Dame mit mobilem Röntgengerät anrückte, um seine Lunge zu durchleuchten, immer wieder mal vor die Tür geschickt wurde, warten, stehen und wieder warten und stehen, wie ja auch ständig an den Haltestellen, nicht unbedingt Zucker für meine Wirbelsäule.

Trotzdem war ich begeistert von meinem Mann, wie er endlich wieder ganz wach Anteil nahm an allem, was vor sich ging und was ich ihm erzählte, zudem davon, wie langsam und tief er nun atmet.

Kurz darauf tauchte eine Ärztin auf und bestätigte genau das, dass er das nämlich ganz hervorragend mache und sie nun noch einmal  etwas verstelle, damit  die Unterstützung beim Atmen immer weniger wird,  zumal er es ja eh auch schon stundenlang ganz alleine hinbekommt.

Recht beschwingt machte ich mich dann auf den Heimweg und obwohl ich eigentlich stehend k.o. war, holte ich dann noch meinen Trolley und zog los zu TEDI und Netto, wo ich erst einmal ... natürlich ... wieder stehen und warten musste, weil der Pfandautomat festhing und schon etliche Kunden Schlange standen.

Dann lief mir im Laden A. über den Weg, die mich sofort innig drückte, sich nach F. erkundigte und auch, wie es mir gehe.

Na ja, das sah sie  vermutlich selbst, dass ich im Moment nah an der Reserve laufe, und dann bot sie  mir an, mich in den nächsten Tagen zum KH zu fahren, was ich aber dankend ablehnte, da ich ja immer mehrere Stunden bei F. verbringe.

Was sie zum Staunen brachte, offenbar hält auch sie es so, wie ich es im KH täglich sehe, Besuche finden nur ganz kurz statt, dafür aber in ihrer Kultur am liebsten mit der ganzen Familie. 

Dann sagte sie noch etwas, das mich wirklich anrührte, nämlich, ihre Tür sei immer weit geöffnet für mich. Egal ob ich Hilfe oder einfach nur etwas Gesellschaft benötige ... sie ist einfach eine Liebe.

Auf dem Rückweg hatte ich Mühe, heile über den Marktplatz zu kommen, weil sich rund um die Rathaustreppe viele junge Herren versammelt hatten, die wie verrückt und ohne jede Rücksicht herumballerten, aber dann war es endlich geschafft und ich freute mich schon auf ein entspanntes Fütterchen, wenn mich nun nicht meine Schwägerin mit einer völlig überflüssigen Diskussion extrem runtergezogen hätte.

Es ging eigentlich harmlos los, als sie wissen wollte, wie viel F. von den letzten Wochen wohl bewusst sei, ich schrieb, eigentlich sogar zu viel, fürchte ich, denn die Ärzte zeichnen sich durch völlig schonungsloses Reden aus, vor allem auch so, wie es F. garantiert in den falschen Hals bekommt.

Sie war der Meinung, der Patient habe doch ein Recht, sofort alles genau zu erfahren, was zweifellos stimmt, aber auch davon abhängt, abhängen sollte, was er verstehen oder verkraften kann. 

So geht es nun schon eine Weile hin und her, der Appetit ist mir gründlich vergangen, irgendwann schrieb ich ihr dies hier: 

"Du hast noch nie jemanden erlebt, der aus dem künstlichen Koma erwacht, oder?
Da ist der Geist völlig durcheinander, zumal ja erst  auch noch das Morphium dazukam. Da sind ständig Wahnvorstellungen, mit einem Delirium vergleichbar und er kämpft sich ganz mühsam aus einer  Alptraumwelt zurück ins Leben. Er hat tagelang nicht gewusst, dass er im KH ist, obwohl man immer wieder das Gefühl hatte, er wisse es, d.h. der kongnitive Zustand verändert sich ständig, was er mir ja auch heute bestätigt, denn da sind immer noch Aussetzer, und zwar alles betreffend. 
Ich habe es ihm so erklärt, dass er sehr lange geschlafen hat, nun erst mal wieder richtig zu sich kommen muss und man ihm das Atmen über den Hals sehr  erleichtert, er deswegen im Moment nicht sprechen kann, was  sich aber ganz schnell wieder ändern wird, während die ihm um die Ohren knallen, sie befanden sich so und so  lange im künstlichen Koma und wir haben ihnen einen Luftröhrenschnitt gemacht. So und so viel schalten wir zu usw.
Was meinst du denn, welche Version bei einem derart verängstigten Kopf ohne jede Mitteilungsmöglichkeit schonender ankommt?"

 

Nein, es nützte nichts, sie gab nicht locker und am Ende war ich so weit, dass ich ihm am liebsten geschrieben hätte, okay, dann übernimm du die Sorge und Pflege deines Bruders und knalle ihm von mir aus gemeinsam mit den Ärzten täglich um die Ohren, siehe, das Ende ist nahe, aber wenn du brav deine Übungen machst, gibts vielleicht noch ein paar Tage Aufschub ... 😡

 

Nein, ich tat es nicht, sondern sagte nur noch, dass dieses Thema vielleicht wirklich zu schwierig ist, um es per WhatsApp-Nachrichten abzuhandeln, dann war ihr Handy leer, also wars das für heute und die Asia-Nudeln, die ich mir gönnen wollte, stehen nun im Kühlschrank, denn das hat mich so richtig runtergezogen. 

 Dann aber kam doch noch etwas Positives, denn ich sah schon, dass F. online gewesen war, und als ich ihm nun schrieb, dass ich gut zu Hause gelandet sei, bekam ich tatsächlich eine Antwort: 

"War gerade auf dem Pott und jetzt schlafen"

 

Was für eine Freude, Bettpfanne hin oder her, er hat zum allerersten Mal sein Handy aus eigenem Antrieb in die Hand genommen, konnte lesen, was ich schrieb, und war auch in der Lage, einen Satz zu tippen. 

 

Ich glaube, noch nie im Leben habe ich mich über eine WhatsApp-Nachricht derartig gefreut ... 🥰🥰🥰

 

Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund! 😉 

 

 

 

Sonntag, 28. Dezember 2025

18. Tag, 8:22

 Abgesehen von der Böllerei war die  Nacht ruhig, als ich um halb zwölf im KH anrief, schlief F. friedlich, wie man mir sagte.

Auf WhatsApp-Nachrichten reagiert er leider noch nicht, ob er es nicht kann oder ob man ihm das Tischchen mit dem griffbereiten Handy darauf wieder zu weit vom Bett entfernt hat, werde ich nachher sehen.

Für Rex wird es heute besonders schwer, da ich früher losfahre, um mich um zwanzig nach zwölf mit meiner Schwester in der Stadt zu treffen, dann haben wir zweieinhalb Stunden Zeit und finden hoffentlich ein offenes Café, wo wir bissl quatschen können.

In den letzten Tagen wurde mir bewusst, wie anders als meine eigene die Welt die meiner Geschwister aussieht, die im Gegensatz zu mir beide im Ländlichen leben. Meine Schwester und ihr Mann sind Grundschullehrer, gut situiert und in der Freizeit ständig zu großen Touren mit den Rädern unterwegs, ihr Auto haben sie als brave Grünen-Mitglieder ganz aufgegeben. Als sie sich kürzlich nach F. erkundigte und ich ihr von den Stents erzählte, wiederholte sie das Wort, schrieb es aber "Stand", d.h. dieses Thema ist sehr weit weg von ihr und auch mein Bruder wusste weder, worum es sich dabei, geschweige denn bei einer Herzkatheteruntersuchung handelt.

Möge es ihnen vergönnt  sein, dass sie sich noch lange auf der Sonnenseite des Lebens mit all seinen Vergnügungen und nur wenig Alltagsproblemen bewegen dürfen. 

Schöner wäre es gewesen, wenn wir uns nach dem KH hätten treffen können, ganz ohne Zeitdruck, Ende völlig offen, aber ... es ist mir ja schon zwischen 18 und 19 Uhr im Dunkeln nicht mehr wirklich geheuer da draußen und später, wenn "normale Passanten" dann verschwunden sind und hauptsächlich noch junge Herren unterwegs, nein, dann ziehe ich es doch vor, zu Hause zu sein, auch wenn ich dies spätestens seit dem Einbruch ebenfalls nicht mehr als wirklich sicher empfinde.

Übrigens, von der Staatsanwaltschaft kam die Tage ein Schreiben, nein, man habe den oder die Täter nicht ermitteln können, die Sache sei eingestellt - klar, was auch sonst, Deutschland ist eben ein wahres El Dorado für die, die nichts Gutes im Schilde führen. 

Und damit bin ich auch schon bei Silvester, denn gerade lese ich, dass man auch für diesen Tag wieder Übelstes befürchtet und die Sicherheitskräfte sich auf einiges gefasst machen.

Man ist doch sonst so schnell dabei, wenn es um Verbote und Einschränkungen geht - mir ein Rätsel, warum das in diesem Falle nicht möglich ist, Um- und vor allem auch die Tierwelt würden es sehr begrüßen, doch trotzdem rührt sich nüscht.

Hat man Angst vor dem Ansehensverlust des Staates, wenn es zu einem Verbot käme und sich keiner daran hielte?

Wie fröhlich und unbeschwert waren wir einst in dieser Nacht unterwegs und wie sehr hat sich das doch verändert. So schwer es mir fällt, aber ich werde F. wohl Silvester nur morgens besuchen können, die Fahrerei, vor allem das Umsteigen ist mir abends einfach zu gefährlich und ... gerade läuft in ntv ein Bericht, wie sehr sich auch die Kliniken darauf vorbereiten, hoffentlich ist dann nicht auch bei F. auf der Intensivstation der Deibel los ...  

10:37 ... grad rief meine Tante an, also die Schwester meiner Mutter, wieder ein Stündchen Wartezeit überbrückt, auch wenn ich zunächst immer einen Mordsschrecken kriege und Stoßgebete losschicke, wenn das Telefon schellt.

Und nun mache ich mich langsam fertig ... 

Weia, und nun merke ich, dass ich in der Früh vergessen habe, mein Handy aufzuladen, das darf natürlich nicht passieren, wo ich ja mit diesen blöden Eezy-NRW-Tickets nun unbedingt darauf angewiesen bin. 🙄 

18:58 ... auuutsch, Rex hat während meiner heute ja wirklich sehr langen Abwesenheit die Tür zum Ess- und Wohnbereich weit aufgestoßen, so weit, dass sie sich an seinem Bett verhakte und nicht von alleine wieder zufiel. Nicht gut, denn ich heize ja nur dort, zum Glück aber nur, wenn ich daheim bin, denn zwar war all die schöne  Molligkeit nun in den eiskalten Flur verpufft und das Thermometer auf dem Schreibtisch zeigte nur noch 12,4° an, aber immerhin war die Heizung nicht für nix gelaufen. 

Ansonsten gab es heute nur Positives, hier das, was ich meiner Schwägerin zu F. schrieb: 

"So, bin wieder zu Hause und er gefiel mir richtig gut, war zwar wieder mit seiner Bettpfanne beschäftigt, aber ansonsten ziemlich guter Dinge und eine ältere, etwas resolutere Schwester begeisterte mich richtig, denn sie fragte ihn, wie lange er mit dem Ding im Hals eigentlich noch rummachen wolle? Er KÖNNE allein atmen, der Rest sei im Grunde reine Kopfsache und das müsse er sich unbedingt klarmachen, umso schneller könnten sie ihm das Ding rausziehen, dann würde das Löchlein zuwachsen und er könne endlich wieder sprechen. 
Ab morgen ist ja zumindest kurz mal Pause mit dem ewigen Feier- und Sonntagsgedöns, ich hoffe, dass dann auch wieder mehr geschieht dort und ich vielleicht auch mal wieder einen Arzt zu sprechen bekomme.
Was ich auf dem Monitor sah, war  jedenfalls alles  prima. Ach, und dann begann F. heute auch an seinem Bett herumzuspielen, sich also mit hoch, runter und anderen Verstellmöglichkeiten zu beschäftigen, das ist eindeutig ein sehr gutes Zeichen. 😊"

 

Zuvor hatte ich mich mit meiner Schwester in der Stadt getroffen, sie wartete an der Bushaltestelle schon auf mich und per Internet hatten wir uns ein Bistro ganz in der Nähe herausgesucht, das sich als Volltreffer erwies.

Ein griechisches Lokal, mit ganz klassischer Theke und Barhockern, alles etwas dunkel gehalten, also fast wie die traditionellen Kneipen, in die wir früher so gern gingen, in der Ecke leuchtete ein Tannenbaum, griechische Musik dudelte und wir setzten uns an einen Tisch am Fenster.

Der Laden hatte erst um 12 Uhr aufgemacht, füllte sich nun aber schnell und abgesehen von der sehr freundlichen Bedienung blieben wir die einzigen Frauen und die einzigen Deutschen, was uns aber  nicht störte, nicht einmal die Lautstärke, denn alsbald waren wir von afrikanischen Dialekten, Arabisch, Türkisch, Griechisch und noch anderen Sprachen umgeben.

Das Klo war picobello und der Kakao richtig lecker, was wollten wir also mehr, zumal die U-Bahnstation, von der aus wir beide später weitermussten, nur wenige Meter entfernt war.

Und dann folgte länger als zwei Stunden ein höchst angeregtes und wirklich intensives Gespräch.

Ich weiß es gar nicht, wann wir beide zum letzten Mal allein miteinander waren?

Vermutlich ist das Jahrzehnte her, denn wenn wir uns in den letzten mehr als 40 Jahren trafen, waren unsere Eltern dabei, der Bruder, die Ehepartner, die Kinder meiner Geschwister ... es war immer Rummel und so eine Quatscherei unter nur 4 Augen ist dann doch noch mal etwas ganz anderes.

Vom Höcksken aufs Stöckken kamen wir, sprachen über ihr nächstes Sabbatjahr, das sie ab Juli mitsamt ihren Fahrrädern nach Südamerika führen wird, wo ja auch ihre Tochter mit ihrer Lebensgefährtin lebt, redeten über die Probleme, die sie in der Schule hat.

Selbst in ihrem Eifelnest ist der Anteil der Grundschulkinder mit Migrationshintergrund inzwischen sehr hoch, es gibt enorme Sprachschwierigkeiten, oftmals, weil das private Umfeld dem Erlernen von Deutsch sehr im Wege steht, die Gewaltbereitschaft habe stark zugenommen, sagte sie, schon im zweiten Schuljahr trauchen kleine Mädels mit Kopftüchern auf und die Eltern stellen sich völlig quer, wenn sie mitbekommen, dass es auch Aufklärungsunterricht gibt. 

Außerdem seien viele ungeheuer groß und frühreif, entsprächen schon in der vierten Klasse dem, was früher in der sechsten normal war ...

Alles nicht so einfach für Lehrer und ich gönne ihr das nächste Sabbatjahr von Herzen. 

Auch über die Familie tauschten wir uns aus, redeten darüber, wie sich manche Dinge über die Generationen fortsetzen, was besonders bei uns ja zu manch unliebsamer Folge führte.

Kurzum, es war eine grandiose Idee von ihr, dass wir uns so kurzfristig trafen, und wir haben beschlossen, das unbedingt zu wiederholen, denn wir hätten uns noch jede Menge zu erzählen gehabt, wenn mir nicht die Zeit im Nacken gesessen hätte.

 

Ach, und dann stellte ich noch etwas sehr Feines fest: Wie immer checkte ich  bei Eezy NRW ein, doch der Preis  des Tickets wurde dann mit 0,00 Euro angegeben.

Huch, dachte ich, was'n nu los?

Und dann sah ich, dass dieses Eezy NRW gedeckelt ist, sobald man den Preis fürs Deutschlandticket überschritten hat, fährt man den Rest des Monats für  lau.

Blödes Timing, denn am 1.1. geht die  Rechnung natürlich von vorne los, trotzdem hat mich das aber nun mit dem Zwang zum bargeldlosen Ticket etwas versöhnt, denn hätte ich wie früher lauter Viererkarten gekauft, gäbe es keine Deckelung und ich würde immer weiter löhnen.

 

Und nun wird es Zeit für mein Frühstück ... 😀

 

Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund! 😉 

 

 

 

Samstag, 27. Dezember 2025

Tag 17 auf der Intensivstation

 Der Fernseher läuft nun ständig, wenn ich daheim bin, doch die Auswahl ist mager und für meine Bedürfnisse meist kaum geeignet, mich etwas abzulenken.

Das ZDF erschlägt einen nachts mit Traumschiff-Folgen, nix wie weg, son seichter Scheiß kann mich gerade nicht mal eine Minute lang fesseln, immerhin in ZDFInfo lief die ganze Nacht irgendwas über Royals, Geschichtliches, Aktuelles, ausreichend, um mich beim ständigen Hochschrecken ziemlich schnell wieder weggleiten zu lassen.

Inzwischen bieten  mir meine beiden Lieblingsprogramme die Auswahl zwischen Soldaten im Knast und bedrohten Inselparadisen, nee, das isses nicht, aber zum Glück hatte ich ein paar Teile einzukaufen, so habe ich wenigstens anderthalb Stunden des viel zu langen Morgens herumgebracht.

Dann der Anruf, es sei alles unverändert ... und ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Nachricht ist, aber zumindest ist es auch keine schlechte.

Voll belegt seien sie nun, daher könne sie mir nicht versprechen, ob ich auch heute wieder eine halbe Stunde früher hineindarf zu F., also blüht mir womöglich, dass ich dann erst einmal vor  der Tür warten muss, aber egal, besser als an den zugigen Haltestellen ist es allemale. 

Ach je, wird dann womöglich auch das zweite Bett in seinem Zimmer wieder belegt sein?

Dann wäre auch die spanische Wand wieder neben ihm aufgebaut, nicht gut, denn immer wieder bekam er Panik in den letzten Tagen und es schien ihm ganz wichtig, dass sogar die Schiebetür zum Zimmer immer offen war und er freien Blick auf die  "Rezeption" hatte, der ihm dann verbaut wäre.

Abwarten, immer wieder nichts als Warten, es zermürbt mich so sehr ...

Selbst bei Aldi musste ich eben ständig warten, wieder einmal die Rudeleinkäufer, in diesem Falle u.a. ein mittelaltes Ehepaar, das gemächlich - nebeneinander - sämtliche Gänge abschritt, hier blieb man stehen und dort, er mit dem Wagen immer mitten im Gang, während sie dies oder das aus einem Regal nahm, bevor dann Diskussionen einsetzten, ob man das kaufen solle oder doch lieber etwas anderes?

Sie können das von mir aus ja ruhig so machen, wenn sie Spaß daran haben, aber diese rücksichtslose Gedankenlosigkeit geht mir gewaltig auf die Nerven, warum zum Teufel kommt man nicht auf die Idee, dass andere lieber zügig durchmarschieren wollen?

Nun ja, durch dieses Festkleben hinter ihnen bekam ich immerhin wieder ein paar Minuten herum, nun sind es nur noch drei Stunden, bis ich anfangen kann mich fertigzumachen.  

Oh je, gerade melden sie in den Nachrichten, dass Rekordumsätze bei  Feuerwerk vermeldet werden, mir graust davor, schon jetzt können sie das Ballern nicht lassen, und das wird nun immer noch schlimmer werden.

Gut, dass Rex schon so alt ist und sein Gehör merklich nachgelassen hat, der würde mir sonst verrückt werden, so viel, wie er nun allein sein muss, und ich glaube, für Silvester kann ich mir den nachmittäglichen Aufenthalt bei F. abschminken, denn abends muss ich an einer sehr unguten Stelle umsteigen, die sich in der Nähe des Stadtteiles meiner Kindheit befindet, der mir so fremd geworden ist und in dem zu solchen Gelegenheiten in den letzten Jahren die Hölle los war, sogar Straßenbahnen werden angegriffen ... 😡 

Und hier nun der Bericht an meine Schwägerin:

"Soo, bin wieder zu Hause, zwar leicht gestrandet, denn erst kam die Bahn nicht, dann doch noch, aber nach ein paar Haltestellen schmiss der Fahrer uns alle raus, weil die Bahn kaputt war. Mir war klar, dass mein Bus nun eh weg war, und ... es war mir piepegal, denn heute lief es mal richtig gut.
Er kommt mir sehr viel lebendiger vor, sogar bereit, grinsend auf kleine Scherze zu reagieren, und ich denke, alles Kognitive ist zu einem guten Teil wieder da, auch wenn es natürlich schwer zu beurteilen ist, wenn  jemand nicht sprechen kann.
Aaaber ... irgendwann signalisierte er mir, das Handy haben zu wollen, ich hielt ihm also WhatsApp mit geöffneter Tastatur hin und obwohl im Liegen und ohne Brille, gelang es ihm zu Tippen: Ich hatte heute Gym ...
Der Rest war mir klar, also fragte ich, ob ein Therapeut bei ihm war, er nickte und ich war rundum begeistert, auch von dem Werten auf dem Monitor und davon, dass die Schwester mir erzählte, dass er viele Stunden lang ganz allein geatmet hatte, erst jetzt hatten sie wieder bissl Unterstützung zugeschaltet. 
Und dann wurde er sogar noch nörgelig, sauer, weil ich im Lippenlesen zu schlecht war und nicht ahnte, was er mir nun mitteilen wollte, dann ging ihm das Aufladen seines Handy nicht schnell genug, F. eben, wie er leibt und lebt. 
Ich glaube, noch nie habe ich mich so über genervtes Augenverdrehen und wortloses Nörgeln gefreut ... 😊" 

 

Und nun muss ich mir erst mal kurz etwas über Simbabwe durchlesen ...

Ah ja, keine Ahnung, warum ich immer Deutsch-Rhodesien im Hinterstübchen hatte? Auf jeden Fall hat es das wohl nie gegeben, denn Rhodesien war britische Kolonie - schlimm genug.

Hintergrund für diese Recherchen ist, dass heute eine komplett andere "Mannschaft" vor Ort war, keinen von den Schwestern und Pflegern kannte ich bisher.

Als ich klingelte, versprach mir eine Stimme mit deutlichem Akzent, mich gleich hineinzulassen, was dann aber fast zwanzig Minuten dauerte, dann holte mich eine zierliche junge Frau mit tiefschwarzer Haut und einem bildschönen Gesicht - ein Bildhauer hätte es nicht besser hinbekommen können - und auf dem Weg zum Zimmer unterhielten wir uns kurz.

Später verlange F. nach der Pfanne, ich verständigte sie, denn sie war heute für ihn zuständig, und wieder ließ sie sehr lang auf sich warten, doch in der Zwischenzeit war mir aufgefallen, dass ihre Kollegen sie immer bei einem Vornamen riefen, der bis auf einen abweichenden Buchstaben genauso klang wie mein eigener, sehr alt, altbacken eigentlich und ... urdeutsch.

Als sie nun zu uns kam, sprach ich sie darauf an, erzählte von unserer verblüffenden Namensähnlichkeit und schon sprudelte es aus ihr heraus, sie stamme aus Simbabwe, spreche neben Shona und Englisch auch diese Klicksprache und irgendwann habe sie große Lust bekommen, in Deutschland zu arbeiten, doch dafür musste sie zunächst Sprachkenntnisse nachweisen. 

Sie hatte von einer deutschen Frau gehört, die schon 40 Jahre in Simbabwe lebe und Deutschunterricht erteile, aber immer  nur 9 Schülerinnen. Nein, für sie hatte sie keinen Platz mehr, doch sie blieb hartnäckig, zog extra in die Stadt dieser Frau und konnte sie schließlich überzeugen, sie als Schülerin anzunehmen.

Danach habe  sie gepaukt, gepaukt, gepaukt, die Prüfung auch geschafft, sei nun seit 6 Jahren in Deutschland und auch nur mit Deutschen zusammen, was ihr wirklich hervorragendes Deutsch erklärte.

Woher ihr Name kam, konnte sie nicht so genau sagen, ihrem Vater habe er halt gefallen ... und dann wurde sie leider zu einem Patienten gerufen, sonst hätten wir uns sicher noch viel zu erzählen gehabt, zumal sie mich schon optisch sehr an die Freundin meines Neffen erinnerte, die aus Madagaskar stammt,  ebenfalls Krankenschwester ist und wohl einen ähnlichen Weg hinter sich hat.

Hut ab vor diesen zielstrebigen und fleißigen jungen  Frauen, die sich so mutig  in eine für sie völlig fremde Welt  begeben, um dort in einem ganz wichtigen Beruf zu arbeiten, davor habe ich wirklich den allergrößten Respekt!!! 

Und wieder einmal zeigt es sich, wie wichtig es beim Auswandern ist, sich dort nicht nur innerhalb der eigenen Community zu bewegen. Diese Schwester, die junge palästinensische Kassiererin bei TEDI und A. sind  alle etwa gleich lange hier, doch während die beiden Ersteren zu jedem fast vollwertigen Gespräch fähig sind, hapert es bei A. daran noch mächtig, einfach weil sie ihr Deutsch nie anwendet. 

Hach ja, heute bin ich mal so richtig zufrieden, habe endlich einmal ein gutes Gefühl und ... vor lauter Freude hätte ich es fast nicht mitbekommen, dass meine Klamotten auf dem Rückweg auf einmal feucht wurden.

Nein, es regnet nicht, sondern es ist nur ungeheuer tiefhängender Nebel, der sich sofort auf allem ablegt, und ich war fasziniert, wie unser Stadtwerketurm im Nebel verschwand.

Zu Weihnachten hatten sie ihn rot beleuchtet: 


 Und heute sah er, nun grün, so aus: 


 Weg isser ... 😅

Und nun gab's gerade noch eine riesige Überraschung, denn meine Schwester meldete sich, sie sei hier in der Stadt bei ihrer Schwiegermutter und ob wir uns morgen nicht auf einen Kaffee treffen wollen, bevor ich zu F. fahre.

 Na klar wollen wir das ... 😊

 

Unnu sollte  ich mir wohl erst mal Frühstück machen. 😀

 

Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund!  

Freitag, 26. Dezember 2025

1:14 ... zweiter Weihnachtstag

 Den ganzen Abend nicht mehr  warm geworden, trotzdem auf dem Sofa eingedöst, eben hochgeschreckt,  Rex "Frühstück" gegeben und auf der Intensivstation angerufen.

Alles in Ordnung, F. schäft friedlich, der Nachmittag mit Blutungen, HNO usw. war doch recht anstrengend für ihn gewesen und hat ihn erschöpft. Gut, wenn er jetzt zur Ruhe  gekommen ist, nun kann auch ich es versuchen ...  

9:21 ... extra lange gewartet mit dem morgendlichen Anruf, es nimmt keiner ab, ich wandere wieder von Raum zu Raum, von Wand zu Wand, muss die Nervosität in den Griff bekommen. 

9:36 ... immer noch geht keiner ans Telefon, ich muss einen Viertels-Betablocker einwerfen, immerhin ein Gutes hat es, dass ich im Moment fast so viel davon einnehme, wie es die Neurologin gern gehabt hätte. Ich erhöhte die Menge damals nicht dauerhaft, weil ich davon sofort zunahm, nun aber passt es, denn noch weiter abnehmen will ich ja auch nicht. 

Meine Gedanken kreisen, versuchen sich abzulenken - warum zum Teufel nennt man ein Speiselokal "Caldera"?

Täglich fahre ich mit der Straßenbahn daran vorbei, denke an die übelsten Vulkanausbrüche, die einem so bekannt sind, denn eine Caldera ist ja der riesige "Krater", der sich bildet, wenn der obere Teil des Vulkanes in sich zusammengestürzt ist. Möchte ich mich dort zu einem entspannten Essen niederlassen ...?

Im TV läuft tagesschau24, ich weiß nicht, wie oft ich nun schon die Ansprache des Bundespräsidenten hörte, ständig sehe ich ihn und bekomme doch kein Wort von dem mit, was er da labert - seine Art zu sprechen wirkt ähnlich einschläfernd auf mich wie damals die Bernhard Grzimek, den der Großonkel so gerne im Fernsehen sah, zu einer Zeit, als es nur drei Programme gab, und die nur stundenweise. 

Noch mal eine rauchen gehen, dann versuche ich es erneut ...  

10:00 ... endlich durchgekommen, es ist alles so weit in Ordnung, also unverändert, mal abwarten, wie es am Nachmittag aussieht, an dem ich wieder eine halbe Stunde vor der eigentlichen Besuchszeit aufschlagen darf - die wissen schon Bescheid über meine Schwierigkeiten mit den Öffis.  

10:27 ... meine Tante, die Schwester meiner Mutter zurückgerufen, weil ich gestern kaum Zeit hatte, auf sie einzugehen. Wie immer wollte sie über Politik reden - sie hat ja sonst niemanden dafür, aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren, bekomme aber immerhin in den Nachrichten mit, dass Trump in Nigeria den IS angegriffen hat, weil er es nicht schön findet, wenn dieser Jagd auf Christen macht.

Außerdem lese ich gerade, dass ab nächstem Jahr auch in unserer Stadt der Einbau von Gasheizungen verboten wird. Prima, bei uns geht aus baulichen Gründen weder Fernwärme noch Wärmepumpe, mal abgesehen von den immensen Kosten. Sollen wir uns dann also künftig die Ärsche abfrieren und stinken, weil baden dann auch unmöglich sein wird?

Fast schade, dass Muttern mich nicht doch abtrieb, wie sie es ursprünglich ja vorhatte, denn irgendwie wartete ich  mein Leben lang auf eine Phase, in der einfach alles Wichtige mal problemlos laufen würde und  man innerlich zur Ruhe kommen könnte, aber wie es aussieht, wird es diese Phase niemals geben, und das erscheint mir nicht wirklich verlockend ...

Was allerdings nichts daran ändert, dass ich jetzt meine Jacken  "umbauen" muss. Bisher war ich täglich in der mit den vielen mit Klettverschluss gesicherten Taschen unterwegs, sehr praktisch, wenn ich alles, was ich unterwegs benötige, benötigen könnte, gleich griffbereit habe, aber sie ist einfach zu dünn, heute werde ich die ganz dicke anziehen, weniger praktisch, dafür aber hoffentlich wärmer. 

12:13 ... und wieder wandere ich herum, beantworte Umfragen, höre mit einem halben Ohr, was im TV über Kaiserin Augusta erzählt wird, gehe cine rauchen, wandere  wieder, erledige hier eine Kleinigkeit und dort, alles unwichtiges Zeugs, aber irgendwie muss ich die Zeit herumbekommen bis zehn vor zwei, wenn ich das Haus verlasse, um zur Bushaltestelle zu gehen. 

Tick,tick, tick  ... und ich wandere weiter ...  

19:09, wieder zu Hause und hier der Bericht für meine Schwägerin: 

"Ansonsten war es heute so gemischt, als ich kam, signalisiert er mir gleich mit den Augen, ich solle mir den Stuhl heranholen, war ansonsten aber recht lätschig, wirkte uninteressiert. Also las ich ihm erst mal deine Nachricht vor und sagte, wollen wir gleich das Foto machen? Er nickte, guckte aber so mürrisch, dass ich sagte, bitte etwas freundlicher. Das Ergebnis hast du ja gesehen ... und ja, ich finde auch, dass er ohne den Bart sehr gut aussieht, sehr viel jünger, als ich es unter dem Gestrüpp vermutet hätte. 😉
Dann verzog er auf einmal das Gesicht und öffnete den Mund, als wolle er schreien, die Werte auf dem Monitor waren alle in Ordung. Hast du ein Problem mit der Luft? Er schüttelte den Kopf. Hast du Schmerzen? Er nickte. Wo? Zeig mal mit der Hand darauf. Er zeigte auf die Leiste und ich machte mir Sorgen wegen der Wunde, holte eine Schwester,die mir erklärte, dass man die Morphine der  letzten Tage, also die Hammerschmerzmittel nun abgesetzt habe, er zwar noch etwas bekäme, aber deutlich leidhter, und zusammen fanden wir dann heraus, dass er sein Geschäft erledigen wollte, also  musste die Bettpfanne her.
Möchten Sie, dass  Ihre Frau dabeibleibt? Erstaunlicherweise schüttelte er den Kopf, aber okay und da ich nicht im Gang warten durfte, musste ich ganz raus vor die Station. 
Nach ca. einer halben Stunde holte mich der Pfleger, der heute für ihn zuständig wieder rein, ihm schiene, das könnte noch dauern, und sooo  lange wollte er mich nun auch nicht da warten lassen.
Das kenne ich von meinem Mann, er nimmt sich dafür sehr gerne ausgiebigst Zeit ...
Dann nahm er ihm bissl Blut aus dem Schlauch, der eh immer angeschlossen ist, und stellte fest, dass der CO2-Wert wieder zu hoch war.

Versuchen Sie langsamer zu atmen ...
Ja, das sagt sich so leicht, dabei ist es bei F. immer so, er atmet grundsätzlich so flatterig ...
Dieser Pfleger ist auch nett, aber deutlich weniger sensibel als die Frauen, mit denen ich sonst zu tun habe, und als ich ihn nun fragte, wie lange das denn mit dem Rohr im Hals eigentlich noch gehen könne, meinter er, keine Ahung, das könnten zwei  Tage sein, bei  manchen würde aber auch ein halbes Jahr daraus und das könnten sie dann natürlich nicht mehr leisten, dann müsste eine Rehaklinkik  übernehmen.
Buff, das saß, doch zum Glück fügte er dann noch hinzu, dass F. sich ja bis jetzt eigentlich sehr gut mache ... 
Es wäre wirklich dringend, dass er sich endlich besser mitteilen könnte, denn später fiel mir auf, was die Schwester gestern auch schon sagte, dass es ab und zu mit dem Kognitiven noch hängt. 
F. wollte mir unbedingt was sagen, doch nur anhand der Mundbewegungen konnte ich es nicht erraten, also versuchten wir es wieder mit dem Block und er schrieb "Wo bin ..."
Willst du wissen, wo du bist?
Er nickte, also erklärte ich es ihm ganz genau, obwohl ich es in den letzten Tagen schon x-mal tat und auch die Schwestern es ihm mehrmals sagten. 
Ein Wunder ist es eigentlich nicht nach 10 Tagen Vollnarkose, zumal sie ihn ja auch jetzt noch vollballern, aber es abschätzen zu können ist natürlich kaum möglich, wenn die Verständigungsmöglichkeiten so eingeschränkt sind. 
Zumindest optisch fand ich aber, dass er etwas erholter aussah, und auch die Blutungen sind inzwischen zum Stillstand gekommen." 

Auch heute überkam mich unterwegs wieder dieses unwirkliche Gefühl, mich irgendwo auf der Welt im Urlaub zu befinden, denn sowohl in den Öffis (die Fahrer eingeschlossen) wie auch an den Haltestellen schien es außer mir überhaupt keine Deutschen zu geben.

Gegen 18 Uhr musste ich wieder ziemlich lange neben dem kaum beleuchteten Wartehäuschen herumstehen an einer  durchaus vielbefahrenen Straße mit relativ wenig Fußgängern, und die, die vorbeikamen, waren meist Jungherrengruppen, die sich auf Arabisch, Farsi oder was auch immer lautstark austauschten. Auf ausgerechnet dem mittleren der drei schmalen Sitzplätze hatte sich ein ebenfalls junger Zeitgenosse niedergelassen und daddelte auf seinem Handy herum. Ich zog es vor, ihn nicht zu stören, zumal ich es auch gar nicht riskieren darf, jemandem so nahe zu kommen, und so stand ich mir halt die Beine in den eiskalten Bauch und bereute es, niemals afrikanische Sprachen gelernt zu haben, denn ein Stück weiter stand ein Pärchen, beide brüllten in ungeheuerer Lautstärke in ihre Handy und ich hätte zu gerne gewusst, was sie so erregte. 


Was das Warten vollends unangenehm machte, ist, dass sie hier schon rumballern wie verrückt. 

Immer wieder hörte ich von allen Seiten diese ganz lauten, schweren Böller, bei denen man sich jedes Mal fragt, ob gerade irgendwas in die Luft geflogen ist.

Eine unheimliche Situation war das an dieser Haltestelle und ich fühlte mich sehr, sehr allein, nur um dann - endlich zu Hause angekommen - festzustellen, dass sie auch hier bereits ballern. 🙄

 

Und nun harre ich Mitternacht entgegen, wenn ich wieder auf der Station anrufen werde, um zu hören, wie es F. geht ...

 

Tick, tick ..., tick .....

 

Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte unbedingt gesund!  

  

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Immer noch Heiligabend, 18:11

 Vor einer halben Stunde rief meine 87-jährige Tante an, diese Liebe, die ich seit fast 60 Jahren nicht mehr sah und die mir doch inzwischen so ans Herz gewachsen ist.

Gleich wird sie rübergehen ins Haupthaus zu ihrem Sohn, also meinem Cousin, um mit ihm und seiner Familie den Heiligabend zu begehen - sooo lieb von ihr, dass sie zuvor noch an mich dachte, und einmal mehr wird mir bewusst, wie unwichtig doch eigentlich Geschenke und vieles von dem Theater ist, was wir üblicherweise rund um Weihnachten so treiben.

Wie viele Jahre habe ich mir pflichtschuldigst das Hirn zermartert, mein Geld auf'n Kopp gehauen, alles eingepackt, die Beschenkten packten aus und freuten sich, ebenfalls pflichtschuldigst. Mehr war es tatsächlich mitunter nicht, denn im Grunde hatte jeder alles, benötigte also gar nichts und doch beglückten wir uns mit Dingen, die oftmals dann in irgendeiner Ecke landeten und nie mehr beachtet wurden.  

Seltsamerweise ist ausgerechnet das Weihnachten am besten im Gedächtnis geblieben, an dem ich auf F.s Anwesenheit verzichtete und ihn stattdessen zu Mutter und Schwester nach Süddeutschland schickte, weil es einfach wichtig war, damit sie ihr damals angeknackstes Verhältnis zueinander kitten konnten.

Ausgrechnet da rief mich U.s noch junge und mir noch völlig unbekannte Familie zur Hilfe, weil ihr Weihnachtsmann ausgefallen war, also legte ich einen Auftritt als Weihnachtsfrau vor lauter Fremden hin, den keiner von uns allen jemals wieder vergaß.

Dann holte mich mein Bruder zur Bescherung zu den Eltern rüber, brachte mich hinterher nach Hause, wo ich vor der Tür liebevoll verpackte Pralinen vorfand mit der Aufschrift: Danke, liebe Weihnachtsfrau!

Richtig gerührt schnappte ich mir Püppi und ging mir ihr hinaus in die Nacht - damals noch ohne Angst -, es hatte geschneit, nun aber  war der Himmel klar, wir beide stapften durch den jungfräulichen Schnee und als ich dann hochschaute in die funkelnden Sterne, überkam mich auf einmal ein tiefes Glücksgefühl und das Wissen, alles richtig gemacht, es war gut, dass du verzichtet hast ...

Meine Welt ist inzwischen eine andere, die Situation mit der damaligen nicht vergleichbar und doch waren es auch heute wieder ganz intensive Gefühle, die mich überkamen, vor allem war da die fast demütige Dankbarkeit, dass ich meinem F. wieder in die Augen schauen kann, dann aber auch eine tiefe Freude über vermeintliche Kleinigkeiten wie eine liebe Mail am Nachmittag oder den Anruf der hochbetagten Tante und ich stelle fest, wie unendlich viel mehr mir das doch wert ist als alle materiellen Geschenke, die ich jemals bekam.

Um 18 Uhr habe ich natürlich wieder angerufen im KH, selbst die Schwester war in ganz weicher Redelaune und etwas verkürzt habe ich es meiner Schwägerin dann so beschrieben: 

"Gerade habe ich angerufen, er hat heute schon im Stühlchen gesessen und es hat wunderbar geklappt, erzählte die nette Schwester. Danach hat er ein bisschen geschlafen und nun war ihre Kollegin grad bei ihm mit Mundpflege beschäftigt bzw. er machte es sogar selber, wie sie dann mitbekam, denn inzwischen war sie mit dem Telefon rein ins Zimmer gegangen. 
Hier ist ihre Frau, sagte sie zu ihm, soll ich sie ihnen mal ans Ohr halten, damit sie sie wenigstens hören können`? Nö, wollte er nicht, war ihm wohl zu blöd, wenn er nicht antworten kann. Ich hab ihr gesagt, dafür kann sie ihn ruhig mal mahnend am Öhrchen ziehen von mir. 🙃🙃"

Okay, das Ohrenziehen werde ich vermutlich morgen selber erledigen, aber ich hab mich sooo gefreut über das, was ich da hörte, und nun werde ich mal sehen, wie ich den Abend herumbekomme. 😊 

 

1. Weihnachtstag ... 10:06

Irgendwie bekam ich ihn herum, diesen sogenannten heiligen Abend. Umfragen, dies erledigt und jenes, an die gedacht, die nun im Kreise ihrer Familien das taten, was auch wir früher taten, im TV hin und her geschaltet, da, Weihnachtslieder ließen sich doch nicht ganz umgehen und als in der Sendung mit dem Bundespräsidenten "Stille Nacht, heilige Nacht" angestimmt wurde, kam mir ein Gedanke.

Blitzschnell schaltete ich die Beleuchtung am ansonsten mich ja dunkel anschweigenden Baum ein, zückte das Handy und nahm ein Video auf, rechts das Lied, links der Baum, so kann ich es F. nachher vorspielen.

Eben versuchte ich anzurufen, beim ersten Mal wurde der Hörer einfach aufgelegt, beim zweiten Mal sagte mir ein Pfleger, ich solle es in einer Viertelstunde noch mal versuchen.

"Oh Gott,  ist etwas Schlimmes?"

Nein, sie seien im Moment nur im Stress ...

Also wieder warten, die unruhige Wanderei  beginnt erneut, doch gleich ist es so weit, dann erfahre ich hoffentlich, wie es F. geht.  

10:23, nächster Versuch, doch diesmal springt das Frei- nach dreimaligem Schellen auf Besetztzeichen um, weiterwandern ...  

10:50 und das, was ich meiner Schwägerin nun endlich schreiben konnte:

"Uff, und guten Morgen, das  war  erst mal eine schwere Geburt, denn wenn ich anrief, klappte es entweder nicht mit der Verbindung oder die hatten keine Zeit für Auskünfte, nun aber habe ich die nette Schwester gesprochen und sie wusste nur Gutes zu berichten. F. saß auf der Bettkante, konnte sich auch selbst halten, von der Beatmung ist er so gut wie ganz abgekoppelt, atmet also eigenständig und sie fand wie ich, dass das alles richtig gut klingt. Kommen darf ich schon um drei  Uhr, dann muss ich zwar erst mal gen Norden fahren, um dann dort in Richtung  Süden umzusteigen, aber das ist besser, als bei dieser Eiseskälte eine halbe Stunde auf Anschluss warten zu müssen. 
Eure Weinachtskarte zeige ich ihm dann, wenn ich dort bin, er wird sich sicher genauso darüber freuen wie ich. 🥰" 

 12:29 ... das nächste Weihnachtswunder geschah: Mein Bruder rief an.

Leider hatte ich nicht mehr allzu viel Zeit zum Quatschen, weil ich gleich losmuss zum Bus, aber immerhin, ein Anfang wäre mal wieder gemacht. 

13:07 ... und der nächste Anruf, diesmal die Schwester meiner Mutter, die mir Frohe Weihnachten wünschen wollte und die noch von gar nichts wusste. Also brachte ich sie schnell auf den neuesten Stand, für mehr reicht mir die Zeit  nicht, denn nebenher muss ich meine Haare irgendwie zurechfummeln, die fürs Losetragen eigentlich zu lang, fürs Hochstecken aber im Grunde noch zu kurz sind.

Völlige Nebensächlichkeiten, aber doch irgendwie wichtig, wenn man im Bus und vor allem für F. keinen Anblick des Grausens bieten mag ... 🙄

Eingehendere Unterhaltung mit der Tante wird auf einen der kommenden Abende vertagt.  

 

19:20, hier die Zusammenfassung, die ich meiner Schwägerin schickte: 

"Heute war es wirklich anstrengend alles und irgendwann beschlich mich mal das Gefühl, ich wäre im Ausland und würde ein deutsches Krankenhaus besuchen, denn Deutsche sah ich überhaupt nicht, weder in Bus, Bahn noch unter den Passanten um mich herum. Sibirien vielleicht? Zumindest von der Temperatur her würde es passen, schon auf der Hinfahrt fiel gleich mal ein Bus aus und so verbrachte ich insgesamt mehr als anderthalb Stunden an Haltestellen im eisekalten Wind, musste dann auf der Rückfahrt auch noch stehen, weil der Bus voller Kinder war, die in einer Sprache umeinanderbrüllten, die ich mein Lebtag noch nicht gehört habe.

Auf der Autobahn nicht ganz so lustig, aber egal, irgendwann war ich hier und bekam den Schlüssel irgendwie ins Schloss gezittert, durchgefroren wie ich war.
Als ich bei  F. ankam, war grad meine Lieblingsschwester an ihm zugange, er war ein wenig aufgeregt, kurz zuvor wohl sogar fast noch bissl panisch, weil es überall dort, wo Schläuche in ihn hineingehen, etwas blutete, was er mitbekam und  was ihn ängstigte.
Es liegt am Blutverdünner, den er nun wegen der Stents bekommt, aber die Schwester beruhigte uns beide, der HNO war eben bei ihm gewesen und hatte die Wunden mit venenverengender Salbe versorgt - es bestehe kein Anlass zur Sorge.
Man hatte ihm wohl etwas Morphines gegeben, dadurch und durch meine Anwesenheit kam er dann allmählich runter und auch wieder zu klareren Gedanken, denn zuvor war ihm wohl nicht ganz klar gewesen, dass er sich im KH befindet, wie die Schwester erzählte. Kein Wunder, wenn da nach 10 Tagen Vollnarkose noch hin und wieder was durcheinandergeht, zumal ihn die weitgehende Unfähigkeit zu kommunizieren auch heftig quälen muss. 
Ich kenne es von mir, wenn ich mal so richtig heiser war, wie ich mich da schon wie abgeschnitten von der Welt fühlte, obwohl ich immerhin mühelos alles schriftlich hätte mitteilen können.
Und gerade dabei sind wir heute ein kleines Stückchen weitergekommen. Gestern gelangen ihm ja nur völlig unleserliche Krakeleien, aber heute konnte er mir mehrmals Wörter aufschreiben, die ich entziffern und den Rest dann selber weiterführen konnte.
Inzwischen hat er auch ein Tischchen über dem Bett mit Block und Stift und nun habe ich ihm auch sein Handy dazugelegt. Ich glaube nicht, dass er schon in der Lage ist, damit umzugehen, aber wer weiß - ich denke, er fühlt sich wohler damit, es in Griffweite zu haben. 
Und kurz bevor ich wieder gehen musste, haben wir sogar zusammen gelacht. Ich war ja komplett durchgefroren, erzählte ihm, dass ich mich daheim erst mal unter  die heiße Dusche  stellen würde, und fragte dann: Oder soll ich morgen lieber bissl müffelig zu dir kommen?
Da begann er tatsächlich zu grinsen und nickte heftig, was ich dann lachend kommentierte, okay, dann komme ich halt stinkelig, wenn du so drauf  stehst, was ihn deutlich sichtbar belustigte. 🙃

 Ach ja, und dann erzählte sie, dass sie ihm heute schon mal den Stimmtrichter an das Rohr im Hals angeschlossen hatten, und weil er so dringend etwas mitteilen wollte, fragte sie, ob sie das noch einmal machen sollte.
Schwer mit anzusehen, wie sie ihm erst die Sauerstoffzufuhr aus dem Rohr entfernte - er muss dann so lange allein atmen - dann kurz einen dünnen Schlauch einführte, um ihm Schleim rauszuziehen, dann kam ein kleiner Ansatz drauf und nun konnte  er versuchen zu sprechen.
Gruselig klang das, sehr leise, die Stimme kratzig und völlig fremd, wie durch einen Trichter eben, aber er konnte zwei, drei Worte sagen, dann jedoch bekam er offenbar Angst, weil der Sauerstoff vermeintlich fehlte bzw. er der eigenen Atmung noch nicht traut, also stöpselte sie alles rasch wieder um."

 

 Stück für Stück geht es also hoffentlich weiter aufwärts, sehr mühsam alles und ich bedankte mich dann auch noch einmal ganz herzlich bei dieser ungeheuer einfühlsamen Schwester, der es nie zu viel wird, wenn F. sie herbeiklingelt,  weil er irgendetwas "sagen" möchte, obwohl es gar nicht wirklich wichtig ist. 

Es ist ein toller Job, den diese Leute da leisten und während ich auf dem Rückweg eine halbe Stunde lang an der Bushaltestelle vor mich hin bibberte, dachte ich darüber nach, wie es sein kann, dass Supermodels, Fußballer, irgendwelche "Manager" Millionen verdienen, während die, die täglich Leben retten, und das mit so viel Menschlichkeit, dass die im Vergleich dazu mit wahren Hungerlöhnen für diese aufopferungsvolle Arbeit abgespeist werden?

War die Menschheit schon immer so oder ist uns der Blick fürs wirklich Wichtige erst nach und nach abhanden gekommen?  

 

Habt einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund!  

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 24. Dezember 2025

7:33 ... Heiligabend

 Wie schon um Mitternacht rief ich auch gerade  wieder an und erfuhr: "Er ist wach, orientiert, alles gut."

Mehr hatte ich nicht hören wollen und da es auch schon um Mitternacht sehr gut geklungen hatte, liegt nun die erste Nacht seit fast zwei Wochen hinter mir, in der ich mal mehrere Stunden am Stück schlief.

Auf dem Sofa nur, aber trotzdem tat es mir gut und nun mache ich mich langsam fertig, denn um viertel vor neun muss ich los zum Bus. 

F.s Hauptgeschenk habe ich nur geknipst, ich  will ihn nicht überfordern, indem ich es auspacken lasse, außerdem habe ich die Tasche eh schon voll, neben Stift, Block, Handy, Ladegerät usw. habe ich auch noch ein Tütchen selbstgebackene Kekse für  die Schwestern gepackt.


 Wenn F. sie schon nicht essen kann, vielleicht freuen sie sich dann ja zumindest darüber und nun wird es auch schon Zeit für den Bus. 

Hier das, was ich meiner Schwägerin anschließend schrieb:

"So, gezwungenermaßen bin ich schon wieder daheim. Es ist alle so weit in Ordnung, auch wenn es kurz vor meinem Weggehen noch einen kurzen Schreckmoment gab. Ein junger südostasiatisch aussehender Arzt kam herein, murmelte etwas zunächst unverständlich Klingendes, machte sich an F. zu schaffen und auf einmal sah ich, wie  der Blutdruck auf dem Montior auf 40:40 sprang. 
Huch, fragte ich, was ist denn nun los,  doch das junge Männlein wirkte nicht minder ratlos, fummelte hier, fummelte dort an den Geräten, suchte dann schließlich den gelegten  Zugang, mutmaßte (auf einmal doch in nahezu perfektem Deutsch), wenn der dichtsäße,  müsse er ihn eventuell neu legen, fummelte wieder an den Geräten herum, murmelte etwas von Neukalibrierung, doch auf der Anzeige änderte sich nix, bis er schließlich die Schwester zur Hilfe rief, die ihm einigermaßen streng erklärte, wo man erst mal anfangen müsse an den Geräten, wenn es da hake.
Ende vom Lied, alles läuft wieder wie geschmiert, nur gestern Abend hatte F. wohl leichtes Fieber und auch jetzt noch 37,6°.
Er entnahm ihm Unmengen an Blutkulturen aus Handgelenk und Arm, das Labor dauert 3-4 Tage, aber sonst war er mit  allem zufrieden. 
F. kam  mir deutlich klarer vor als gestern - was auch der Arzt bestätigte, aber es ist schwer zu berurteilen, da es mit der Verständigung extrem schwierig ist. Gestern  hatten wir es ja schon mit dem Schreiben versucht, aber da nahm er den  Stift  noch in die linke Hand und bekam natürlich gar nichts gebacken, heute nahm er ihn automatisch mit der rechten, ein gutes Zeichen, finde ich, doch mehr als Krakeln ging dann nicht, aber immerhin ein Anfang.
Ich habe dann immer die Buchstaben des Alphabetes aufgezählt, er konnte nicken oder den Kopf schütteln, ansonsten versuchte ich es halt mit Raten und so ging es einigermaßen. 
Was du schriebst, las ich ihm vor und das kam auch alles bei ihm an, es geht also deutlich aufwärts, nur Geduld brauchen wir jetzt halt noch. 😊"

 

Ich  hatte übrigens während der letzten zwei Wochen jeden Tag mindestens ein  Foto von F. gemacht, aber nur für ihn selbst, damit er die verlorene Zeit später zumindest ansatzweise nachvollziehen kann, niemals hätte ich eines davon irgendwem gezeigt, doch heute war er so wach, dass er selber entscheiden konnte, also fragte ich ihn, ob wir seiner Schwester nicht mal ein Bild schicken sollten?

Erst wehrte er ab und nach einigen Verständigungsproblemen und nachdem ich herausgefunden hatte, dass das Wort mit H anfangen musste, wurde mir klar, dass es ihm um seine Haare ging.

Dass der Bart ab ist, ist ihm bewusst, doch wie es weiter oben aussieht, aussehen könnte, das wusste er ja nicht und offenbar  bereitete ihm das Sorgen, also knipste ich ihn und zeigte ihm sofort, dass er eigentlich sogar sehr gut aussieht, denn die Schwestern hatten ihm eine ziemlich freche Frisur gemacht. 

Okay, das beruhigte ihn sichtlich, er nickte, also schickte ich das Bild ab, seine Schwester freute sich ein Loch in den Bauch darüber, ihn mit offnenen Augen zu sehen, und natürlich las ich ihm alles vor, was sie daraufhin schrieb, gab ihm sogar  den beauftragten Schmatzer.

Später schrieben sie und ich noch weiter, sie hatte noch einige Fragen und dann rührte sie mich sehr, als sie sich - nun schon zum zweiten Mal - mit sehr herzlichen Worten innigst dafür bedankte, dass ich mich "so gut um F. kümmere, ihn umsorge und für ihn da sei".

Darauf ich: 

"Dafür kein Danke, das ist doch selbstverstäjndlich, aber ... ich freue mich trotzdem sehr über deine Worte. 🥰😘
Und ja natürlich, sein Geist war ja 10 Tage lang praktisch ausgeschaltet, da muss man sich an einiges erst wieder gewöhnen, was einem sonst so  selbstverständlich erschien, was übrigens auch für die Muskeln gilt, die man zum Atmen braucht. 
Aber auch da macht er  tolle Fortschritte, die Schwester kam zwischendurch mal rein und meinte, nun wäre es vielleicht an der Zeit, ihm wieder etwas mehr Unterstützung dabei zu geben, da hatte er nämlich schon länger als 4 Stunden ganz allein geatmet. 
Gerade hab ich den erzwungen freien Nachmittag erst mal genutzt. um zu saugen und bissl  zu putzen, unfassbar, wie schnell alles verdreckt, wenn sich keiner kümmert. Und als Rex mit der Nase immer dabei sein wollte, habe ich erklärt, dass doch heute das Christkind kommt. 
Na gut, sagte ich dann,  zu uns wird es jetzt nicht kommen, es weiß vermutlich nicht mal, dass  wir hier sind, aber wer weiß, falls es  beim Vorbeifliegen zufällig doch mal   reinschauen sollte, soll es sich ja nicht grausen und vor lauter Schreck abstürzen, also machen wir mal lieber alles noch fein. 
Ob er mich verstanden hat, weiß ich nicht, aber sicher  ist  sicher, ich bin dann jedenfalls  nicht schuld daran, falls das Christkind wirklich einen Unfall haben sollte."

 

So haben Rex und ich nun also auch unsere eigene kleine Weihnachtsgeschichte und eines ist sicher, ich werde das Christkind erkennen, sollte es wirklich vorbeifliegen, denn ... ich habe es ja schon einmal  gesehen.

Damals noch im Hause meines Opas. Ich denke, ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein oder war vielleicht auch gerade schon fünf geworden, jedenfalls war das Wohnzimmer für uns Kinder tabu, und wir waren wirklich viele, da sich ja alle sechs in Deutschland lebenden Kinder von Opa mit ihren Familien am Heiligabend versammelten.

Ich selbst nutzte einen ruhigen Moment, um von der Küche aus nach draußen zu schauen, hatte guten Überblick über die zum Wintergarten führende Treppe und die Fenster und da sah ich es davonfliegen, das  Kleidchen genauso elfenbeinfarben wie die  Flügel und alles mit goldenen Sternen bedeckt. 

Ich schwöre, so war es ... 😊

 

Und nun wünsche ich euch ein wunderbares Weihnachtsfest im Kreise eurer  Lieben ...! 🎄🎄🎄

 


 

 

 (So wie in dem Video war die Atmosphäre früher bei uns auch, wenn wir mit dem Kirchenchor in der Christmette sangen und am Ende "Stille Nacht, heilige Nacht", auch wenn wir keine Domspatzen waren. Dafür war unser Schluss aber schöner. 😉)

 

 

 

Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Tag vor Heiligabend, 9:06

 Die Nacht war unruhig, obwohl ich Rex schon gegen ein Uhr sein Frühstück gegeben hatte, riss er mich um vier hoch, also bekam er Frühstück  Nr. 2, wir gingen Gassi, dann legte ich mich wieder hin in der Hoffnung, möglichst viel vom Morgen verschlafen zu können, um irgendwie die unterträgliche Wartezeit zu überbrücken, wollte ich doch den üblichen Anruf so weit wie möglich hinausschieben, um dann womöglich zu erfahren, dass die Herzkatheteruntersuchung schon stattfand.

Im besten Falle ohne Probleme und ohne dass man Auffälligkeiten entdeckt hat und ... natürlich würde ich gleich gerne hören, dass man F. nun endgültig aufwachen lässt. 

Das mit dem Schlafen klappte nicht so ganz, weil um viertel nach acht mein Handy schellte, und natürlich bekam ich sofort einen Mordsschrecken, wie immer zur Zeit, bis ich dann auf dem Display die Nummer sehe, die in diesem Falle zum Glück Entwarnung signalisierte, denn es war mein Cousin, der Liebe, den ich ja immer noch nicht persönlich, sondern nur per WhatsApp und Telefon kenne.

Es rührt mich an, wie dieser erst seit dem Tod meiner Mutter für mich zugängliche Teil der Familie sich mit mir sorgt, und ich bin wirklich dankbar für das Zugehörigkeitsgefühl, das sich hier entwickelt hat. 

Nun werden die Minuten zu Stunden für mich, der Sekundenzeiger bewegt sich unerträglich langsam vorwärts, aber ich will mich zwingen, wenigstens noch bis halb elf mit dem Anruf zu warten.

Tick, ...tick ... tick ... 10:13 ... tick ... tick ... tick ... 

Ich stehe auf, laufe einmal quer durchs Haus, ins Bad, zurück durch den Flur, einmal durch die Küche, sogar das Licht in der Speisekammer mache ich an, steige die zwei Stufen hinab ... was soll ich hier?

Wieder zurück, einmal durch den Garten, Rex liegt friedlich auf seiner Decke und fast ist es ein Wunder, dass ich ihn mit meiner Unruhe nicht anstecke, ... zurück  zum PC ... 10:15 ... tick ... tick ... tick ... und wieder in die Küche, raus in den Garten. 

Vielleicht mal  eine rauchen? Könnte mir drei Minuten einbringen ... tick ... tick ... tick ...

Immer wieder streift mein ängstlicher Blick im Vorübergehen das Telefon und genauso oft erwecke ich das Handy, das im Moment auflädt, zum Leben, nicht dass ich einen Anruf verpasste?

Nein, Gott sei Dank, da ist nichs, kein Anruf bedeutet immerhin auch keine schlechte Nachricht, ich wandere weiter ... tick ... tick ... tick ... 10:20 ... 

10:38 - ich habe es getan, aber ... es gibt noch nichts Neues.

"Wie, sollte denn nicht heute früh  die  Herzkatheteruntersuchung stattfinden?"

"Doch, aber manchmal läuft es nicht so nach Plan."

Schreck ... "Hat das nun mit dem Zustand meines Mannes zu tun  oder einfach mit Ihren Abläufen?"

"Mit unseren Abläufen ..."

Okay, also weiter warten, um 13 Uhr soll ich noch mal anrufen und um viertel nach zwei muss ich dann eh raus  zum Bus.

Dieses Warten, es ist sooo grausam .... 

Sprudel - seit Wochen sind wir nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen gekommen, normalerweise stehen im Ständer in der Speisekammer sechs Kästen, drei saure, drei mit Zitronengeschmack, vor allem vom sauren ist nur noch einer voll, ich hatte eh schon überlegt, da mit dem Trolley Abhilfe zu schaffen, natürlich nicht kasten-, sondern nur flaschenweise.

Eigentlich war mein Plan gewesen, mir die Tortur von gestern Abend heute noch einmal anzutun, also vom KH nach Hause und dann gleich noch einmal los, aber im Dunkeln war das mit meinen Augen wahrlich nicht angenehm, warum also nicht die verdammte Warterei  damit abkürzen?

Genauso habe ich es gemacht, nun habe ich wieder fast zwei volle  Kästen und außerdem machte ich noch Nägel mit Köpfen und hinerlegte bei den Nachbarn einen Ersatzschlüssel, denn ständig hatte ich im Hinterkopf, pass bloß auf die Tür auf, nicht dass sie dir mal zuschlägt, denn dann stehste ganz blöd da.

Normalerweise hätte ich den Schlüssel  U. gegeben,  aber sie scheint kaum noch hier zu wohnen, ist fast immer bei ihrem neuen Lebensgefährten, also konnte ich das vergessen und wählte die direkten Nachbarn, die sehr nett sind, auch wenn wir abgesehen von ein paar Worten, wenn man sich mal über den Weg läuft, keinerlei Kontakt  haben.

Wenigstens eine Sorge von der Seele ...  

Und die Unsicherheit geht weiter, grad angerufen, nein, er war immer noch nicht zur Herzkatheteruntersuchung, kommt aber auf jeden Fall heute noch dran.

Vielleicht sei es besser, ich käme dann erst morgen, meinte die Schwester,  aber das halte ich nicht aus, werde also wie geplant losfahren, muss dann aber damit rechnen, dass  ich stundenlang vor der Tür warten muss.  

14:07 ... nun endlich kann ich losfahren und hoffe inständig, dass ich Gutes zu berichten haben werde, wenn ich wieder zu Hause bin.  

 

Und hier nun das, was ich meiner Schwägerin eben schrieb: 

"So, da bin ich wieder, mit deutlichem Aufatmen.
Als ich ankam, ließen sie mich zunächst nicht herein, man würde mich dann holen und natürlich bekam ich schon wieder einen Schrecken, aber zum Glück kam eine Schwester auf ihrem Feierabendweg vorbei, die ich schon kannte, und sie berichtete, es sei alles o.k,, die Kollegin würde F. grad nur noch etwas herrichten. 
Und dann durfte ich endlich zu ihm. Aus zwar noch sehr roten Augen sah er  mich an, aber immerhin sah er mich im Gegensatz zu gestern wirklich an, erkannte mich auch sofort und schien das meiste bewusst aufzunehmen. Reden kann er leider kein Wort, da der Schlauch ja am Kehlkopf hängt, also versuchte er mir Buchstaben aufzumalen, wir ließen uns Block und Stift geben, aber etwas Vernünftiges kam nicht dabei heraus. 
Ist auch egal, er muss sich noch etwas gedulden, war ein wenig unleidlich, weil der Druckverband auf der Leiste in wohl arg plagte, aber bis 21 Uhr wird er ihn  noch ertragen müssen. 
Gut, dass er verlegt wurde und  die Herzkatheteruntersuchung gemacht wurde, denn tatsächlich waren zwei  Stellen verengt, an denen man ihm nun Stents eingesetzt hat. Ein Jahr lang wird er deswegen wohl noch Blutverdünner einnehmen müssen, aber nicht so starkes Zeugs wie Marcumar.
Einen Arzt habe ich nicht zu Gesicht bekommen, aber ich denke, alles in allem kann man mit dem momentanen Stand wirklich zufrieden sein, zumal er ja eben erst von dem Eingriff gekommen war und dafür fand ich ihn schon erstaunlich wach, nachdem er nun mehr als anderthalb Wochen völlig weg von der Welt war." 

 

Uff, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte ich mir wirklich nicht wünschen können, als dass er stabil ist, weitgehend selber atmet, mich ansieht und bewusst bei mir ist, da wird alles andere dann völlig nebensächlich. 🥰 

Und dann hatte ich auch noch ein nettes Erlebnis im Bus, das im Grunde schon gestern begann, als das Teil so heillos überfüllt war. 

Ich sah zwar in einer Vierergruppe einen freien Platz, doch auf dem hatte einer der drei schwarzhaarigen jungen Männer seinen Kram abgelegt und ich wollte nicht riskieren, dass er sich womöglich angegriffen fühlen könnte, also versuchte ich mein Glück bei den beiden Klappsitzen in Richtung Tür, doch auf einem von ihnen hatte sich eine Frau niedergelassen, die ungeheuer laut in einer kehligen afrikanischen Sprache in ihr Handy brüllte, und auch wenn ich das vielleicht noch hingenommen hätte, war es mir unmöglich, den zweiten Sitz herunterzuklappen, denn sie war derartig dick, dass ihr Hintern weit über Bord hing und alles versperrte.

Also beschloss ich, innerlich tief seufzend, mich stehend ins Eck vor dem hochgeklappten Sitz zu quetschen, denn dort war die einzige freie Stange, die mir besonders auf der Autobahn Halt verschaffen könnte.

Doch da hatte ich die Rechnung ohne die schräg gegenübersitzende ältere Dame gemacht, die das alles beobachtet hatte und nun aktiv wurde. Sehr resolut bäffte sie mit leicht ausländischem Akzent die drei jungen Herren an, was das denn für eine Unverschämtheit sei, sie sollten gefälligst mal ihren Kram vom Sitz nehmen.

Was diese auch anstandslos taten, also setzte ich mich, bedankte mich sowohl bei ihnen wie auch bei der Frau und dachte darüber nach, dass ich selbst für so energisches Auftreten viel zu platt war, während sie und ich uns noch mehrmals verständnisvoll zuzwinkerten.

Und als ich heute den diesmal fast leeren Bus betrat, sah ich sie wieder, ließ mich schräg gegenüber von ihr auf der anderen Seite des Ganges nieder und nun kamen wir ins  Gespräch.

Griechin ist sie, verlor ihren deutschen Mann nach ebenfalls fast vierzigjähriger Ehe vor einiger Zeit und dann erzählte sie, dass sie sich die jungen Burschen gestern beim Aussteigen noch einmal vorgeknöpft habe, denn solch rücksichtsvolles Verhalten ginge ihr einfach gegen den Strich.

Fast merkwürdig, was da geschah zwischen uns, denn sie schien ja ab dem ersten Moment einen Narren an mir gefressen zu haben, als sie sich so mutig für meinen Sitzplatz einsetzte. Ich selber hätte sie vermutlich gar nicht wiedererkannt, sondern sie war es, die mich heute sofort anstrahlte, und irgendwie baute sich da ein Band auf zwischen zwei Wildfremden und wir hatten uns jede Menge zu erzählen.

Bevor ich aussteigen musste, hoffte sie darauf, dass wir uns dann im Bus bald wiedersehen würden, und tatsächlich drückten wir beide uns zum Abschied kurz, aber innig die Hände, was mir so beim Busfahren auch noch  nie passiert ist. 

Lauter kleine Weihnachtswunder, manche nur wenige Minuten umfassend, aber doch sehr bewegend ...  

 

Und nun werde ich mir etwas zu essen machen, denn unterwegs wäre mir fast die Jeans runtergerutscht - so kann das ja nicht weitergehen. 😉

 

Habt einen schönen Abend, genießt - wenn möglich - die Vorfreude aufs Weihnachtsfest und ... bleibt bitte gesund!  

Montag, 22. Dezember 2025

Montag, 9:07

 ... und noch bis halb zehn will ich warten mit dem Anruf in der Hoffnung, dass sie mir dann schon etwas mehr sagen können.

Unbeschreiblich und kaum auszuhalten die Vorstellung, dass sie womöglich jetzt gerade, in dieser Sekunde, meinem Mann die Kehle aufschneiden könnten, aber irgendwie muss ich es aushalten.

Weil ich ja gestern ausnahmsweise schon morgens im KH war, hatte mir ein wenig gegraust vor einem langen Nachmittag, Abend und der Nacht - scheinbar unendlich viele einsame Stunden, nur gefüllt mit Angst und Sorge, aber erstaunlicherweise ging das alles fast schnell vorüber - zwei Anrufe, etliche WhatsApp-Austausche, sogar die Frau meines Bruders fragte an, wie es F. gehe, und wünschte gute Besserung.

Also hatte mein Bruder es immerhin doch für so wichtig angesehen, dass er es ihr erzählte, und es fühlt sich völlig irrational an, dass ich im Status seine Fotos sehe, mit denen er der Welt zeigt, wie fröhlich die Familie gerade gemeinsam den Tannenbaum schmückt.

Unter dem wir bis zum Jahr 2022 ja auch immer sitzen durften ...

Eben sagte jemand im Fernseher, der gerade ständig leise läuft, die Menschen auf der Straße seien in vorfreudiger Weihnachtsstimmung - was für ein oberflächliches Urteil, auch ich bin ja auf der Straße unterwegs und mir wird es man genauso wenig wie anderen ansehen, dass meine Stimmung eine völlig gegensätzliche ist.

Vielleicht neigen wir Menschen manchmal ein wenig zu sehr dazu, nur das zu sehen, was wir sehen  wollen?

Auch bei meiner Freundin fiel mir das gestern auf, ja, einmal am Tag sehe sie sich schon die Nachrichten an, aber ansonsten vermeide sie sie, berichtete sie, denn sie wolle nur noch Dinge machen, die ihr guttun. 

Ihr gutes Recht, natürlich, aber es erinnerte mich doch sehr an meinen kleinen Bruder, der einst, wenn im TV etwas allzu Spannendes lief, aus der Tür flitzte, um diese dann einen winzigen Spalt zu öffnen und mit nur noch einem Auge aus scheinbar sicherer Entfernung mitzubekommen, wie es weiterging.

Neugierig war er ja doch, aber mehr als nötig wollte er nicht teilhaben - frühkindliche Schutzhaltung, die manche niemals wirklich aufgeben?

So, und nun habe ich es getan, habe angerufen, doch leider gab es noch nichts Neues, F. schläft nach wie vor, die Tracheotomie ist noch nicht durchgeführt worden, denn "dafür müssten sie sich erst mal alle absprechen", die Schwester notierte sich meine Nummer und versprach sofort anzurufen, wenn sie mehr  wüsste oder es schon erledigt sei.

Warten, warten, nichts als warten, unerträglich ist dieses Ausgeliefertsein, diese Hilflosigkeit, zu der ich verdammt bin, und doch muss ich auch das nun irgendwie noch hinkriegen ...  

Als ich gestern am Krankenhaus aus der Bahn ausstieg und mit dem Aufzug vom Hochbahnhof nach unten gefahren war, umfing mich Glockengeläut und mein Blick fiel auf diese Kirche: 


 Fast wie eine Einladung wirkte das auf mich, eine Einladung in die Sicherheit alter Traditionen, auch wenn ich sie nur ansatzweise lebte.

Religion fand bei uns zu Hause ja nicht statt, vermutlich weil meine Mutter vor der Hochzeit zum evangelischen Glauben konvertiert war. Im Herzen sei sie immer katholisch geblieben, sagte sie Jahrzehnte später einmal zu mir, sie überlege, zurückzuwechseln, doch getan hat sie es nie, dem stand wohl der Alkohol im Wege.

Auch Papa war vermutlich gläubig, zumindest ging er ab und zu in die Kirche, besonders Heiligabend verzichtete er in späteren Jahren nie darauf, immer allein und immer vor der Bescherung - auch das ein Thema, das jeder mit sich allein abmachte.

Ich selbst, damals aus heutiger Sicht längst Agnostikerin, geriet dann durchs katholische Jugendheim und meinen musizierenden und singenden Freund in meiner Jugend in den Kirchenchor, in der Christmette sangen wir oben von der Empore aus, immer ein unbeschreiblich schönes Gemeinschaftserlebnis, vor allem die Gänsehaut, wenn am Ende die Lichter gelöscht wurden, nur noch der große Tannenbaum leuchtete und wir  alle "Stille Nacht, heilige Nacht" sangen, ist mir bis heute in tiefer Erinnerung, so ergreifend war es.

Im Laufe der Zeit wurde aus der Agnostikerin eine Atheistin und daran hat sich auch nichts geändert, trotzdem dachte ich darüber nach, ob ich am Heiligabend nicht vielleicht zum Gottesdienst in der hiesigen katholischen Kirche gehen sollte, vielleicht sogar gemeinsam mit A., die sich sicher sehr darüber freuen würde?

Am liebsten wäre mir natürlich die Christmette, aber hier so spät am Abend auf der Straße herumzulaufen, nein, das erscheint mir zu riskant, es ist eben sehr viel gefährlicher geworden, wenn, dann also der Familiengottesdienst am Nachmittag, doch bei näherem Nachdenken verwarf ich auch das wieder.

Wegen der Virengefahr sollte ich andere Menschen nach Möglichkeit meiden, schlimm genug, dass sie mir nun täglich in Bus und Bahn so dicht auf die Pelle rücken, und außerdem bin ich mir mehr als sicher, dass ich es mental nicht packen würde. Würde da nur ein einziges Weihnachtslied gesungen, wäre es endgültig vorbei mit meiner Beherrschung, ich würde anfangen Rotz und Wasser zu heulen, und das kann ja nun wirklich keiner gebrauchen ... 🙄 

 12:53

Der versprochene Anruf kam nicht, also hakte ich nun selber nach: Der Schnitt ist gemacht worden, nun lässt man ihn ganz langsam aufwachen, um halb vier darf ich rein zu ihm, gehe nicht davon aus, dass er dann schon viel Bewusstsein hat, aber die Hauptsache ist, der Zustand ist nicht mehr ganz so quälend für ihn. 

Darauf hoffe ich nun ganz fest ...! 

 

19:53

Meine Schwägerin wähnte mich noch unterwegs und bat mich per WhatsApp vorsichtig zu sein, gerade habe sie gehört, dass schon wieder einer in eine Bushaltestelle gerast sei, daher beginnt das, was ich ihr dann als Tageszusammenfassung schrieb, mit der Antwort darauf: 

"Ach du liebe Zeit, es sind nur noch Verrückte unterwegs. Bei mir ging zum Glück alles gut und ausnahmsweise hatte ich so nahtlosen Anschluss, war so zügig daheim, dass ich gleich noch einmal mit meinem Trolley losmarschierte, obwohl ich eigentlich viel zu kaputt war und im Dunkeln auch sehr große Schwierigkeiten mit dem Sehen habe.
Aber so hab ich das  weg und für Rex und mich genug zu essen da über die Feiertage. 
Und nun zu F., ich möchte es mal als vorsichtigen Lichtblick beschreiben. 
Er lag ganz friedlich da, die Augen geöffnet, aber der Blick - wässrig - ging irgendwo ins Leere. Zu sehen schien er mich nicht, also redete ich mit ihm, nahm sofort seine Hände, auch da zunächst keine Reaktion und so holte ich mir meinen Stuhl herbei und setzte mich einfach zu ihm, seine  Hand immer in meiner. 
Bald darauf  tauchte eine Schwester auf, erklärte mir, dass er zwar nicht mehr in Narkose, aber immer noch leicht sediert ist, und sie wunderten sich alle, dass er nicht schlafe.
Na, er hat die Nase voll vom Pennen, denke ich, sagte ich, wir lachten und dann sprach sie ihn an, er solle mir mal zeigen, was er schon könne, nämlich die Zunge rausstrecken.
Er tat es prompt und wohl noch nie  im Leben habe ich mich so über eine Zunge gefreut, denn das zeigte ja, dass er geistig zumindest ansatzweise schon da ist. 
Später kam die Ärztin, die ihn auch am Freitag wieder schlafen schickte, wir unterhielten uns ausgiebig und ich erfuhr, dass morgen noch die Herzkatheteruntersuchung durchgeführt wird. Deshalb beließen sie es auch bei der Sedierung, anschließend soll er dann ganz langsam und stressfrei wieder ganz wach werden. 
Ich wusste ja nicht, wie viel davon er mitbekam, daher erklärte ich ihm dann noch mal, dass er sich nun noch bissl ausruhen müsse, weil morgen noch eine Untersuchung ansteht, aber danach könne er dann ganz schnell wieder jeden Unsinn anstellen. 
So verbrachten wir die nächsten beiden Stunden, indem ich ihm allerlei erzählte von dir und wer sonst noch an uns denkt, von zu Hause, von Rex ... ich redete und redete und mir schien, dass seine Augen mit der Zeit etwas  mehr Farbe bekamen und er begann dann auch meine Hand zu drücken. 
Immer wieder beruhigte ich ihn, dass alles in Ordnung sei, er sich um überhaupt nix sorgen müsse, ich habe alles im Griff und wir bekämen das zusammen alles wieder hin.
Ach ja, und der Beatmungsschlauch geht nun halt nicht mehr durch den Mund, sondern direkt in den Hals, das erscheint mir sehr viel angenehmer für ihn und es ist nun eine Mischung aus Selberatmen und Beatmung, die sie dann allmählich verändern werden hin zum Selberatmen."

 

Immerhin war meine Stimmung danach so weit gelöst, dass ich mir Gedanken darüber machen konnte, dass auch ich mal wieder mehr essen sollte - eigentlich wollte ich das Einkaufen morgen früh erledigen, aber da mich Fahrerei und das unbequeme Sitzen im KH ganz ordentlich anstrengen, beschloss ich, es gar nicht vor mir herzuschieben, noch war ich ja angezogen, also sagte ich nur Rex hallo, schnappte meinen Trolley und zog wieder los, sicherheitshalber mit Taschenlampe bewaffnet, die ich tatsächlich auch brauchte.

Schlimm mit meinen Augen, wo es nicht gut ausgeleuchtet ist, sehe ich gar nix, und sobald Lampen mit kaltem Licht ins  Spiel kommen, bin ich derart geblendet, dass ich erst recht blind durch die Gegend tappe. 🙄

Aber ich habs geschafft und war einigermaßen entsetzt, wie teuer dieser Fertigfraß ist, denn im Moment habe ich weder Zeit noch Lust, mir irgendetwas Gesundes zu kochen, sondern beschränke mich auf Fertigmahlzeiten, zumal es schnell gehen muss, wenn mich schon mal das Gefühl überfällt, nun etwas essen zu können. Einige Minuten später  kann das schon wieder ganz anders aussehen. 

Als Frustfresser kann man mich wahrlich nicht bezeichnen ... 😁

Ansonsten war ich wie gesagt überrascht, wie reibungslos es heute mit den Öffis lief, und dann fand ich auch noch etwas ganz Erstaunliches heraus, das aber wohl nur mich so zum Staunen bringen konnte, weil ich einfach sehr lange nicht mehr in der Stadt war.

Allen anderen wird es  längst vertraut sein, dass die Rolltreppen zur U-Bahn inzwischen zu Zwittern umgebaut wurden. Täglich mühte ich mich damit ab, die für meine Augen viel zu langen Treppen hinabzuklettern, und blickte es gar nicht, dass die Rolltreppe nun in beide Richtungen funktioniert.

Kommt man von unten und tritt auf die Platte, fährt sie nach oben und kommt man von oben, dann bringt sie einen nach unten.

Grandiose  Erfindung, finde  ich und prompt musste ich an meinen Papa denken, der sich sein Leben lang an der kindlichen Bewunderung seiner Tochter erfreute.

Als ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben eine Rolltreppe bewusst wahrnahm, muss ich zu ihm gesagt haben: "Ohhhh, Papa kann ...!!!" 😅

 

So, und nun hoffe ich, dass  ich sowohl um Mitternacht wie auch morgen früh nur Gutes vom Krankenhaus höre. 

Wie sagte die Ärztin?

Alles im grünen Bereich, auch die Entzündungswerte sind wieder  normal und erhöhten sich auch nicht wieder, nachdem das  Antibiotikum schon vor drei Tagen abgesetzt wurde.

"Er macht nichts, was uns nicht gefällt", drückte sie sich aus und das hörte ich natürlich gern.

 

Weiter so, mein lieber F. ...