Es ist 22:59, also noch der 29.12. und noch immer lässt mich der Disput mit meiner Schwägerin nicht los, selbst die Freude über F.s Reaktion bei WhatsApp schafft es nicht mich runterzubringen von der Erregung, gut möglich, dass ich auch einfach etwas überempfindlich bin, nachdem ich ja nun schon seit fast drei Wochen unter höchster Anspannung stehe, mal abgesehen von der körperlichen Strapazen, die auch nicht ganz ohne sind.
Sie ist schon den ganzen Abend offline, weil ihr Handy ja leer war, und vielleicht auch, weil sie selber keinen Bock mehr drauf hatte, aber eben schrieb ich ihr noch dies hier, soll sie es halt morgen lesen:
"Und da mir das alles nun eh nicht mehr aus dem Kopf geht, noch ein Wort zu der inneren Panik, die er hat. Vor drei oder vier Tagen war es ja so schlimm, dass die Schwestern ihm sogar die Schiebetür offen stehen lassen mussten, damit er sie und die Rezeption immer im Blick hatte, weil er völlig verunsichert war und in seinem verwirrten Kopf überhaupt nicht verstand, wo er und was mit ihm los war.
Losgegangen war es mit der unruhigen Nacht im hiesigen KH, die wohl in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass sie ihm zwischendurch keine Erholung von der Maske gönnten.
Der Arzt sagte mir dann, er habe "es" dann selber gewollt, aber ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass er gar nicht wirklich verstand, was die mit ihm vorhatten, denn noch am Vorabend hatten wir ja darüber gesprochen und er war vehement dagegen gewesen.
Dann legten sie ihn in Narkose und als er wieder wach wird, kennt er gar nichts mehr, verstand ja überhaupt nicht, dass er verlegt worden war und warum er nun derartig an Schläuchen hing und nicht mehr sprechen konnte.
Und das nach den ganzen Alpträumen, die ihm meiner Meinung nach die Narkose immer dann verursachte, wenn sie sich bemühten, sie so flach wie möglich zu halten.
Und nun ging der Alptraum für ihn weiter, von dem er deutlich sichtbar immer zumindest ein Stückweit runterkommen konnte, sobald ich bei ihm war, beruhigend auf ihn einwirkte und ihm zumindest ein klein wenig Sicherheit zu geben versuchte.
Dann taucht eine Ärztin auf, kaum dass er halb wach, dafür nun aber unter Morphium stehend, und legt sofort los, sie waren so und so lange im künstlichen Koma, wir haben einen Luftröhrenschnitt gemacht und zwei Stents haben sie auch noch bekommen.
Mir war zwar klar, dass er das alles in seinem Zustand eh kaum aufnehmen konnte, trotzdem schickte ich Stoßgebete los, dass er mit dem Wort Stent nicht wirklich viel anfangen konnte, klangen doch schon Luftröhrenschnitt und Koma bedrohlich genug. Sollte er sich nun noch zusätzlich fragen, ob man ihm womöglich den Brustkorb aufgeschnitten und an seinem Herzen zu schaffen gemacht hatte, ohne auch nur eine diesbezügliche Frage stellen zu können?
Es geht einfach nur um Einfühlungsvermögen, etwas Sensibilität, natürlich muss er alles wissen, aber doch besser nach und nach und nicht ganz so krass ausgedrückt, nur weil die ihre Fachausdrücke unbedingt an den Mann bringen wollen. Eben so, wie er es verkraften kann, ohne dass man ihn in seiner zum Schweigen verdonnerten Panik gleich weiter bestärkt.
Seufz, über all diese Dinge denke ich nun seit 19 Tagen pausenlos nach und hatte heute endlich mal das Gefühl, sie etwas von mir wegschieben zu können, weil ich wirkliches Licht zu sehen meinte, aber nun geht das Grübeln weiter ...
Sehe ich das alles denn wirklich so falsch?"
Und so sitze ich nun hier, wirklich ratlos, wobei ich aber wirklich schon von Anfang an über das alles nachgrübele, weil mir ja auch der Arzt in der ersten Klinik so ungeheuer unsensibel erschien, im Gegensatz zu den Pflegern übrigens, die sich hier wie dort ganz anders verhalten, sehr viel menschlicher und einfühlsamer auf die Patienten eingehen.
Im TV läuft eine der Auswanderersendungen, die F. und ich sonst sehr gern ansehen, doch ich merke, dass ich so gut wie nichts mitbekomme, essen geht auch nicht, nicht mal ein einziger Bissen und nun darf ich gespannt sein, wie es mit dem Schlafen wird, aber erst mal muss ich später eh noch im KH anrufen, es sei denn, F. würde sich zuvor noch mal online zeigen, das würde mir als Beruhigung schon genügen, dann bräuchte ich die Nachtschwester vielleicht gar nicht behelligen.
Schaun mer mal ... noch ist ja nicht Mitternacht.
0 Uhr und ...sie knallen, knallen, knallen, schlimm für die Tiere, schlimm für die Umwelt und schlimm für die Nerven der Menschen, für die, die vielleicht vor Krieg nach hier geflohen sind, für die, die morgen früh zur Arbeit müssen, und schlimm für solche wie mich, die gerade eh nicht die besten Nerven haben.
Ich bin ja sonst kein Freund von Verboten, in diesem Falle wäre ich dafür, wenn ich mir nur das Geringste davon versprechen würde, denn wird hier der Verkauf untersagt, geht diese Branche pleite, die Vögel bestellen sich den Scheiß im Ausland und Knallverbot bringt eh nix, wenn sich keiner daran hält, weil sie ja eh nicht zu erwischen sind ... 🙄
Ja, super, gerade lese ich, dass im Stadtteil meiner Kindheit und Jugend der Straßenbahnverkehr schon jetzt eingestellt werden musste, weil mehrere Bahnen mit Feuerwerkskörpern angegriffen wurden.
Und das bereits zwei Nächte vor Silvester, zu dem (wie auch zu Halloween) man das bereits kennt.
Es wird immer schlimmer mit der Respektlosigkeit und nun bin ich gespannt, ob auch die Linie betroffen sein wird, die ich nehmen muss, um zu F. zu gelangen.
9:16 ... F. hat sich über WhatsApp gemeldet, das baut mich richtig auf, nachdem mich die Auseinandersetzung mit seiner Schwester so runtergezogen hatte, dass mich das auch während der Nacht nicht losließ und sie entsprechend unruhig wurde.
Bei Netto hatten sie so kurz vor Feierabend in der Backstation Teilchen um die Hälfte reduziert gehabt, ich griff zu, nahm mir eine Kirschschnitte mit, die ich mir eigentlich als Nachtisch nach einer zum ersten Mal wieder etwas üppigeren Hauptmahlzeit gönnen wollte.
Mangels Appetit wurde sie dann selbst zur Hauptmahlzeit, aber Hauptsache, überhaupt was im Bauch, auch wenn sich dieser in der Nacht mit heftigen Krämpfen dafür bedankte. 🙄
Zum gestrigen Aufregerthema, dass also angeblich "jeder ein Recht auf schonungslose Offenheit" habe, geht mir noch durch den Kopf, dass das natürlich perfekt zu unserer Ich-Gesellschaft passt.
In den sozialen Medien gehören Kommentare wie "du fette Kuh" fast noch zu den netteren, man knallt anderen alles an die Birne, was einem gerade selbst Bedürfnis ist, immer raus mit allem und hinterher brüstet man sich noch damit, doch ein wirklich grundehrlicher Mensch zu sein, der niemals mit dem hinter dem Berg hält, was er wirklich denke.
Womit wir wieder beim ich, ich, ich wären, Hauptsache, ICH kann alle meine Bedürfnisse erfüllen, was ich damit bei anderen anrichte, kann mir doch piepegal sein, auf Diplomatie, Fingerspitzengefühl, Empathie und Sensibilität sei munter draufgeschissen, wenn nur ICH wirklich alles rauslassen konnte.
Ein kleines Beispiel dazu war mir auch schon im Bus aufgefallen, wo sich im Mittelteil auf den Klappsitzen gegenüber von dem, auf dem ich hockte, ein junges Paar niedergelassen hatte, neben sich den Sportwagen, das dazugehörige vielleicht anderthalbjährige Kind hatte der Mann auf dem Schoß und ließ es dort so ruckartig und schnell hopsen, dass ich mich die ganze Zeit fragte, wer davon wohl zuerst kotzen müsste, der kleine Bub oder ich vom bloßen Zusehen?
Sie trug ihre islamische Frauenuniform genau wie A., also waren sie wohl türkischer Herkunft, aber sicher hier aufgewachsen, denn sie unterhielten sich sehr laut in astreinem Kohlenpöttisch, das er immer wieder mit noch lauteren "Uhhs" untermalte, die wohl die Freude des Sohnes am wilden Hopsen noch steigern sollten.
Kurzum, sie taten, als seien sie alleine im Bus, und als der Fahrer an einer plötlich auf Rot umspringenden Ampel etwas heftiger bremste, bekam der Kinderwagen das Übergewicht und der Mann brüllte wütend los: "Ja, sag mal, geht`s noch, du Trottel?"
Da sie beide ununterbrochen husteten, hatte ich mein Gesicht eh unter der Maske verborgen, somit konnte ich meine ziemliche Fassungslosigkeit gut für mich behalten, denn ich hatte den Kinderwagen schon die ganze Zeit im Auge gehabt, weil sie den Beutel unter dem Handgriff derartig vollgepackt hatten, dass es ein Wunder war, dass er nicht schon viel früher von sich aus das Übergewicht bekommen hatte.
Letztendlich mal wieder ein Beweis dafür, wie es so oft läuft in unserer Gesellschaft, man baut selber Scheiße, doch die Schuld dafür sucht man bei anderen, die dann ihr Fett wegkriegen, statt dass man sich mal an die eigene Nase fasst.
Und nun schließe ich damit auch ab bzw. versuche es zumindest und habe jetzt erst mal auf der Station angerufen, keine Neugikeiten und ich soll ruhig wieder mein Glück schon ab 15 Uhr versuchen. Wenn es noch nicht passt mit dem Reinlassen, muss ich halt vor der Tür warten, das kennen wir inzwischen ja alles ...
Außerdem habe ich grad alles zum Abschmücken und Abbauen des Tannenbaumes heruntergeholt, nachdem ich es gestern mit F. besprach.
Zwar tut es mir ungeheuer leid für ihn, wenn er sein Bäumchen dadurch für diese Saison nicht mehr leuchten sieht, und ihm war die Enttäuschung deutlich anzusehen, aber auch ihm ist klar, dass er unsere Treppe, wenn er denn endlich wieder zu Hause ist, erst einmal nicht wird schaffen können, also benötigen wir den Platz für meinen Liegestuhl.
Morgen muss ich wegen der Gefährlichkeit auf den Straßen ja eh schon morgens hin, werde mich nachmittags gar nicht mehr aus dem Haus rühren, dann habe ich genug Zeit für diese Tätigkeit, die mir vermutlich ordendlich zusetzen wird, aber ja trotzdem erledigt werden muss.
10:46 ... meine Güte, grad schellte das Telefon und als ich eine hiesige Vorwahl auf dem Display sah, sank mein Herz sofort tief in die Hose, fast schon in Panik hob ich ab, doch dann hatte sich ... zum Glück ... nur jemand verwählt.
Nur Minuten zuvor hatte ich ja mit der Station gesprochen und trotzdem war die riesige Angst sofort da, unfassbar, wie tief unter der Haut einem das alles drinsitzen kann ...
12:14 ... hier kann man kurz nachlesen, wie die Lage bei uns jetzt schon eskaliert und wie ich es ja auch gestern zumindest ansatzweise selbst auf dem Marktplatz erlebte.
Die Haltestelle, die ich beim abendlichen Umsteigen so "lieben" gelernt habe, befindet sich in Sichtweite zu jenem "Platanenhof", der im Artikel erwähnt wird, d.h. ich bin ganz nah dran und mein ohnehin kaum noch vorhandenes Sicherheitsgefühl löst sich zusehends komplett auf.
Heute Abend werde ich es noch riskieren, übermorgen auch wieder, aber morgen darf ich das einfach nicht, also bleibt es dabei, dass ich F. dann nur vormittags kurz sehen kann. 😡
19:30 ... da bin ich wieder, echt fix und fertig.
Der Bettnachbar, der gestern eingezogen war, ist wieder weg, F. also wieder allein und der Pfleger, den ich schon von gestern kannte, sah gar kein Problem darin, mich schon um viertel vor drei einzulassen.
Und mit ihm unterhielt ich mich auch ausgiebig, da ich keinen Arzt zu fassen kriegte. Es sei halt langwierig, meinte er und wies wie schon der Kollege kürzlich darauf hin, dass eventuell noch die Verlegung in eine auf solche Fälle spezialisierte Reha-Klinik anstehe, sollte F. die Panik nicht verlieren, sobald man ihm das Röhrchen abstellt, obwohl er im Grunde eh die ganze Zeit eigenständig atmet, nur etwas Sauerstoffunterstütung bekommt er.
Ob er selber denn auch etwas beitragen könne, fragte ich und nun machte sich dieser nette Typ richtig Mühe und erklärte mir alles ausführlich.
U.a. geht es um die orangefarbene Graphik in der Mitte des Monitors, die Ausbuchtungen nach oben zeigen das Ein-, die nach unten das Ausatmen, und genau da hakt es bei F. ja schon jahrelang.
Sein Brustkorb flattert wie der eines kleinen Vögelchens, viel zu schnell atmet er und vor allem viel zu flach.
"Du hechelst wie unser Hund", sagte ich zu ihm, der Pfleger lachte laut auf und hielt das für eine wirklich gut verständliche, bildhafte Erklärung, währenddessen entnahm er F.etwas Blut aus der immer im Handrücken steckenden Kanüle, um den CO2-Wert zu messen.
"Vor einer Stunde war er auf 55, nun ist es schon wieder auf 57 gestiegen", erklärte er mir, "und an der Kurve sehen Sie den Grund dafür, er hechelt wieder."
Nun übernahm ich und "übersetzte" das alles für F., der im Moment deutlich Schwierigkeiten mit Hören und Verstehen hat.
"Der Scheiß muss raus aus dir", sagte ich, "und du kannst durchaus mithelfen, dass du das Ding aus dem Hals kriegst und dann vielleicht um die Reha herumkommst."
Wenn er den Kopf leicht dreht, kann er zwischen den Gitterstäben des Bettes diesen Monitor erkennen, ich zeigte ihm noch einmal, worauf es ankommt, wie er selber Einfluss darauf nehmen kann, und dann verbrachten wir die nächsten zwei Stunden in angeregter, wenn letztlich natürlich auch etwas einseitiger Unterhaltung. Er musste grinsen, während ich ihm die Fingernägel schnitt - zum ersten Mal in meinem Leben - und auch wenn ich ihn ab und zu mal ermahnen musste, achtete er im großen Ganzen fast durchgängig selber aufs richtige Ausatmen.
Bleibt zu hoffen, dass er es auch im Auge behält, wenn er alleine ist ...
Da ich morgen früh ja schon vor achte wieder losmuss zu ihm, beschloss ich um 17 Uhr abzuhauen, bissl was hab ich ja auch daheim noch zu erledigen. Normalerweise springe ich dann vor der Station noch mal kurz uffs Gästeklöle, doch heute langte mir die Zeit nicht dafür, da wir noch dies und das zu "bequatschen" hatten, aber okay, die Verbindung, die ich mir rausgesucht hatte, müsste mich innerhalb von nur 50 Minuten nach Hause bringen, so lange würde ich es schon aushalten können.
Pustekuchen, kaum hatte ich mein im Moment heftig schmerzendes Kreuz hoch zur Haltestelle geschleppt, bimmelte mein Handy und auch auf dem Bahnsteig wusste man kaum, ob man zuerst auf die Durchsagen oder die Anzeigen auf der Tafel achten sollte.
War auch wurscht, denn die Aussage war überall die gleiche, aufgrund einer "Störung" würden sich alle Bahnen erheblich verspäten.
Eine Stunde stand ich dort herum in der beißenden Kälte, und natürlich war die, die dann auftauchte, rappelvoll, so dass ich dann unterwegs weitere 20 Minuten stehen musste.
Mein Bus war gerade weg, der nächste ließ fast eine halbe Stunde auf sich warten, die ich - stehend - an meiner "Lieblingshaltestelle" verbrachte, und als er dann kam, war auch er so voll, dass ich weiter stehen musste. Dieser Fahrer fuhr ausgesprochen ruppig, bremste sehr scharf, ging viel zu schnell in die Kurven, nein, ein Vergnügen war das nicht, zumal ich ja auch derartig durchgefroren war, dass ich mich kaum noch bewegen konnte, und mich die Blase immer mehr drückte, aber irgendwann war es dann geschafft und nun bin ich daheim und überlege, dass mir der Appetit auf das Essen, das ich ja schon für gestern eingeplant hatte, nun erneut vergangen ist.
Im Gegensatz zu gestern hat F. sein Handy bis jetzt nicht in die Hand genommen, das macht mich schon wieder unruhig, aber ich hoffe darauf, dass er es irgendwann vielleicht doch noch tut, und gegen Mitternacht werde ich dann ja eh wieder auf der Station anrufen.
Ach, und nun sehe ich auch den Grund, der vermutlich hinter den Ausfällen der von Düsseldort kommenden Bahn stecken dürfte, seht selbst.
Oh Mann, wie hat sich diese Welt, dieses Land, meine Heimat doch verändert, schön ist das alles wahrlich nicht mehr ... 😡
Habt trotzdem einen schönen Abend und ... bleibt bitte gesund! 😉
PS: Gerade mal gegoogelt, mit dem Auto beträgt die Strecke von hier zum KH 17,1 km, schon dolle, dass man dafür locker mal zwei Stunden brauchen kann.
Und das Beste zum Schluss, gerade hat sich F. über WhatsApp gemeldet, nun wird mein Appetit sich hoffentlich gleich melden. 🥰