Auf dem Weg zu A. besorgte ich noch ein Sträußchen Rosen, die schneller mit auf dem liebevoll gedeckten Tisch landeten, als ich gucken konnte:
Als ich ankam, hatten sich alle bereits im Flur versammelt, wohlgemerkt im Flur, denn niemals würde einer aus der Familie zu Begrüßung oder Verabschiedung auch nur die Nasenspitze aus der Wohnungsür strecken, die sich auf einer Linie mit der Treppe befindet, so dass man erst hineinschauen kann, wenn man davorsteht.
Es gab ein lautes Hallo, zunächst die übliche Umarmung mit A., der ich dabei auch gleich die Blumen in die Hand drückte, schräg hinter ihr stand die Schwester und strahlte mich derartig an, dass ich ihr zwar zunächst die Hand ausstreckte, sie dann aber gleich ebenfalls umarmte, bei der ältesten Nichte das Gleiche.
Die Namen konnte ich mir blöderweise so schnell nicht merken, aber da sie sich selbst eh in Zusammenhang mit den anderen Schwestern eh immer als Nummern bezeichnen, übernehme ich das der Einfachheit nun mal kurz.
Die Schwester ist Nr. 4, A. Nr.5, auf diese fünf Mädels folgte zur großen Freude des Vaters dann der ersehnte Junge und selbstveständlich befolgen alle fünf die islamischen Kleidungsvorschriften für Frauen genauso akribisch wie A.
Nr. 4 erklärte mir, dass wir uns auf Englisch würden verständigen müssen. Kein Problem, antwortete ich, auch wenn mein Englisch mangels Anwendungsmöglichkeiten ein wenig eingerostet sei.
Nichtsdestotrotz spürten wir schon bei diesen ersten Worten, dass wir uns prima verstehen würden, was dann auch wirklich der Fall war, und das nicht nur sprachlich, sondern auch menschlich funkte es sofort.
Kurz gab es ein ordentliches Herumgewusele, bis die restlichen Speisen aufgetragen waren und alle ihren Platz am Tisch eingenommen hatten, unter anderem "Menemen", das leckere türkische Rührei, und schon ging es los.
Erst einmal wollte ich verstehen, wie alt die drei Töchter von Nr. 4 sind, 14, 10 und die Kleinste wurde genau am Ankunftstag sieben Jahre alt, deswegen hatte A. das Wohnzimmer auch so liebevoll geschmückt gehabt, wie ich erst jetzt verstand.
Und um der Kleinen zu zeigen, dass ich verstanden hatte, welch wichtiges Ereignis sie kürzlich erlebte, stimmte ich kurz das "Happy Birthday" an, was alle, besonders aber sie sehr zu erfreuen schien. 😁
Und dann kam der erste Gänsehautmoment - ich saß auf dem rechten der beiden Kopfseitenplätze, Nr. 4 über Eck direkt neben mir und nun begann sie mir auf Englisch ganz liebe Grüße von der gemeinsamen Mutter in der Türkei auszurichten. Herzlichen Dank solle sie mir sagen dafür, dass ich von Anfang an so etwas wie ein Anker für ihre Tochter in der Fremde gewesen sei, dass ich immer für sie da wäre und ihr Sicherheit gäbe, die ganze Familie sei sooo glücklich, dass es mich gäbe ...
Puhhh, so etwas hat ja noch nie jemand zu mir gesagt. Zwar habe ich es im "Bildungs-"Verein und bei A.s Bekannten schon mitbekommen, dass sie alle bereits viel von mir gehört hatten, und sie hatte mich gefragt, ob sie Fotos und kleine Videos, auf denen ich mit drauf bin, nach Hause schicken dürfe, aber dass mir nun die Mutter aus der Türkei solche Dinge ausrichten ließ, das rührte mich zutiefst.
Wir waren uns alle einig, dass keine von uns geahnt hatte, was sich daraus entwickeln würde, als ich damals auf M.s Anzeige reagierte und ja eigentlich nur ein bissl beim Deutschlernen helfen wollte, und alle simmer der Meinung, es ist sehr gut so, wie es gekommen ist. 🥰
Wir aßen, tranken, plauderten fröhlich in insgesamt drei Sprachen, und das funktionierte bestens, zumal A. und die älteste Tochter von Nr. 4 (die ihrerseits Nr. 1 ist 😁) sagten, dass sie alles verstanden, was wir auf Englisch austauschten, nur eben reden könnten sie nicht in dieser Sprache.
Nr. 1 war im Gegensatz zu den vier kleineren Kindern bei uns sitzen geblieben - ein tolles Mädel, muss ich sagen, wie A.s Tochter scheint auch sie nicht vorzuhaben, ein Kopftuch zu tragen 👍 - und nun befragte ich sie mal näher dazu, obwohl ich die Antwort im Grunde schon ahnte.
Es ist nicht Unvermögen, sondern sie hat Hemmungen, schlicht Angst, Englisch zu sprechen, obwohl sie es im Grunde sehr gut beherrscht. Es ist das, was A. mir schon erzählte und was ich auch in Thailand erlebte - sie lernen Englisch so wie wir einst Latein, behandeln es wie eine tote Sprache, beschäftigen sich nur mit dem Schriftlichen.
Ein wirkliches Manko im Bildungssytem, was auch Nr. 4 so sieht, aber sie meinte, sie habe da keinerlei Handhabe, ihre Schüler hätten absolut kein Interesse daran, eine andere Sprache als Türkisch zu sprechen. 🙄
So quatschten wir munter vor uns hin, sie lenkte das Thema sogar auf Politik, aber schnell merkte ich, dass sie wie auch A. wenig informiert ist, sobald es nicht um die Türkei geht, selbst "Mao" war ihr kein Begriff.
Zwischendurch erfuhr ich, dass A. ab 1.9. fest als Halbtagskraft in der Apotheke anfangen wird - was für ein grandioser Erfolg!!! -, zumindest bis zur Prüfung, vermute ich. Wie es genau laufen wird, werde ich sicher noch von ihr erfahren, wenn wir wieder unter uns sind, denn im Moment hat das familiäre Beisammensein eindeutig Priorität.
Irgendwann wurde der Tisch abgeräumt, ich stellte mich langsam aufs Gehen ein, doch man bat mich noch auf eines der beiden Sofas, die mich nach wie vor leicht irritieren, weil keine Tische davor stehen und man sich irgendwie nackt vorkommt.
So saßen wir dann dort, tauschten uns weiter aus und auf einmal überreichte mir Nr. 4 noch einen Beutel, drin sei ein Geschenk aus der Türkei.
Meine Güte, wie lieb die alle sind ...
Ich griff hinein und holte diesen Schal hervor, den ich später zum Knipsen einfach über die Wäscheleine hängte:
Es handelt sich um eine traditionelle Handarbeit und ... ich war wieder mal hin und weg, zumal als sie mir dann noch sagte, sie habe sich sooo gefreut, mich endlich kennenzulernen und hoffe ganz fest, dass wir uns bald wiedersehen, was ich nur zurückgeben konnte. 🥰
Wir erhoben uns alle, erneut begann das herzliche Drücken, auch bei der 14-Jährigen fiel es richtig innig aus,wir vereinbarten, dass sie sich, wenn wir uns das nächste Mal sehen, einfach trauen wird, und dann geschah noch etwas, das mir das kleine Herzken wirklich fast zum Platzen brachte, denn nun kam die Kleinste an, die, für die ich gesungen hatte, und sie warf sich regelrecht an mich - alles in Hüfthöhe natürlich - schlang die kurzen Ärmchen ganz fest um mich und drückte mich so fest und lange, als wolle sie mich nie wieder loslassen. Sooooo süüüüß ... 🥰♥️🧸♥️🥰😍😍😍
Damit lasse ich es dann auch für gestern bewenden, ihr könnt euch sicher vorstellen, wie beschwingt ich das Haus verließ nach all der Wärme, die ich erfahren hatte. Aufgeschrieben habe ich es nun mit tausend Unterbrechungen, da ich nebenher kochte und allerhand anderes zu erledigen hatte.
Alles egal, von diesem Treffen werde ich noch sehr lange zehren und bin nun in Gedanken bei all den Nummern-Girls 😅, die heute nach Rotterdam gefahren sind, um eine Freundin von Nr. 4 zu besuchen.
Gut hinkutschiert hat A. sie, das hat sie mir bereits geschrieben, nun drücke ich feste die Daumen, dass die Rückfahrt genauso gut verläuft. 😊
Habt einen schönen Nachmittag und ... bleibt bitte gesund! 😉


Gerade habe ich einen sehr interessanten Reisebericht gesehen, in dem ein Albaner davon berichtete, daß sein Land von unseren türkischen Freunden 300 Jahre besetzt wurde.Also nicht vor 300 Jahren, sondern 300 Jahre lang. das finde ganz großartig. Hannover wird eine neue Hafenstadt. Es soll ja die Poseidon- Rakete geben mit der London versenkt wird.Hamburg wird es dann auch nicht mehr geben. Anschließend kann man ja nur hoffen, daß unser Freunde in der Ukraine den Krieg gegen Rußland gewinnen, auch mit teutscher Hilfe.
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