Montag, 28. September 2026

Schön und nachdenklich machend

 So war das gestern und los ging es damit, dass wir zunächst keinen Parkplatz fanden.

A.s Gülen-Verein befindet sich mitten in einer beschaulichen Wohngegend, es war Sonntag und die Anwohner genügen wirklich schon, um alles zuzuparken, wenn da noch Hunderte von Autos zukommen, wird's eng.

Irgendwann  stellten wir uns einfach auf den Privatplatz einer Firma und marschierten los, im Sauseschritt, weil A. den Tanzauftritt von ihren Vereinsmädels nicht verpassen wollte, alle ca. 6 - 8 Jahre alt und auch A. selbst musste lachen, weil die im Grunde gar nix konnten. 😅

Voll war es, sehr voll, rund um den großen Hof waren Stände aufgebaut, an denen die verschiedenen Balkanländer traditionelles Handwerk ausstellten - nicht viel und wenn man einmal drübergeguckt hatte, reichte es auch.

Ansonsten gab es Fressstände, etliche mit für meinen Geschmack zu süßen Backwaren, außerdem gab es Döner und Cevapcici - wir entschieden uns für Letzteres, nachdem A. sich vergewissert hatte, dass da um Gottes Willen kein Gramm Schweinefleisch enthalten war.

Wie hätte das überhaupt der Fall sein können, wo doch alle Anwesenden, egal aus welchen Ländern, Muslime waren?

Gut erkennbar an Kopftüchern und insgesamt sorgfältiger Verhüllung der Frauen, zwei, drei waren es, die wie ich in westlicher Kleidung herumsprangen, und ... natürlich alle Männer, die sich dem Wetter entsprechend schön luftig angezogen hatten und nicht unter völlig überflüssigen Stoffmassen schwitzen mussten.

Was mich erschreckte, waren die vielen blutjungen Mädels, die sich - ob nun freiwillig oder nicht - offenbar mit Einsetzen der ersten Periode unters gleiche Joch begeben wir ihre Mütter, und ich bin mehr als gespannt, ob A.s Tochter ihren Entschluss durchhalten kann, ihre Haare auch weiter zu zeigen.

Lange anstehen mussten wir und ich hatte - wieder einmal 🫩- keine Chance, die Rechnung zu übernehmen oder zumindest für mich selber zu bezahlen, denn das Abrechnungssystem war etwas komplitziert und fand ausschließlich auf Türkisch statt.

(Später versuchte ich, einen Zwanziger in A.s große Umhängetasche  hineinzumogeln, aber sie erwischte mich und ließ es einfach nicht zu. 😡

Im Grünbereich des Geländes hatte man Biertischgarnituren (ups, in diesem Falle sollte man sie vielleicht lieber Teetische nennen, denn selbstverständlich trank dort niemand Alkohol) aufgebaut, A. fand ein Plätzchen für uns und zwar an einem Tisch, an dem bereits zwei Frauen saßen, die sie kannte.

Mutter und Tochter, wie ich später erfuhr, zu meiner Überraschung, denn die Ältere wirkte viel zu jung für ein 25-jähriges Kind, aber womöglich war es ihr einst wie A.s Mutter ergangen, dass man sie bereits mit 15 zu Ehe und Mutterschaft zwang ...

A. klärte mich kurz auf, dass die Mutter vor zwei Jahren aus Ghana hergekommen sei, was mich natürlich verblüffte, aber wenn ich es richtig verstand, wanderten sie damals wegen beruflicher Gründe des Ehemannes aus und können nun nicht zurück in die Heimat, da sie als Gülenisten dort verfolgt würden.

Die Tochter, Z., studiert an sich in Kanada, ist aber nun für zwei Semester in Deutschland, genauer gesagt in Erfurt, und als ich merkte, dass beide so gut wie kein Wort Deutsch sprachen, wechselte ich automatisch ins Englische - gut, dass ich mich kürzlich mit A.s Schwester schon ein bissl warmlaufen konnte. 😁

Und schon steckten wir mitten im Sprachengewirr, denn wie auch A. traute sich die Mutter kein Wort auf Englisch zu reden, während sie aber beide alles verstehen, und mit Z. plauderte ich munter drauflos, was sie bald darauf zu der Frage veranlasste, wo ich denn so gut Englisch gelernt hätte? 😮

Seltsam, auch F.s amerikanischer Schwager fragte mich das einst genauso, obwohl ich selber das Gefühl habe, dass ich ziemlich radebrechen muss, um zu sagen, was ich sagen will. 🙄

Erst vor ein paar Tagen haben wir uns ja im Nachbarblog darüber unterhalten, wie schwer man sich mitunter mit Lob tut, und so wiegelte ich auch jetzt lachend ein wenig ab, weil ich mein Englisch nun mal für sehr verbesserungswürdig halte, doch was dann kam, machte mich einen Moment fast sprachlos, denn nun sagte Z.: "You have so beautiful eyes", wobei es mir auch zuvor schon aufgefallen war, dass sie mich immer wieder sehr intensiv betrachtete.

"Ohhhh ...", statt einer weiteren Antwort zeigte ich ihr, wie sich die Härchen an meinen Armen aufgestellt hatten, denn ich bekam ganz schlicht eine gewaltige Gänsehaut und fügte dann noch hinzu, dass so etwas sicher seit mehr als 40 Jahren niemand mehr zu mir sagte. 

Woraufhin sie fortfuhr, die Augen seien der Spiegel der Seele, man könne sooo viel in ihnen erkennen, über einen Menschen erfahren, was ich ihr bestätigte, denn das sehe ich absolut genauso, nur war es eben extrem ungewohnt, dass mich jemand aus diesem Blickwinkel anschaut. 😳 

Und dann gab es sogar noch ein weiteres Lob, nämlich dafür, wie gut ich angeblich ihren und den Vornamen ihrer Mutter ausspräche, womit wir dann gleich beim Thema Sprachen waren und dann auch weiter vom Höcksken aufs Stöcksken kamen, mit viel Lachen, sehr locker, einfach nur erfreulich.

Zwei zu ihnen gehörige Männer setzten sich auch noch mit an den Tisch, natürlich kurzärmelig und in kurzen Hosen, denn im Gegensatz zu ihren Frauen müssen sie sich ja nicht verstecken, und dann brachen sie leider auf, fanden das selber sehr schade, hätten sich gern noch weiter mit mir ausgetauscht  und besonders die junge Z. nahm meine Hand ganz fest in ihre  beiden und sagte, wie sehr sie darauf hoffe, dass wir uns wiedersehen.

Kaum waren sie weg, wurden ihre  Plätze von einer dicken alten Frau und reichhaltiger Nachkommenschaft eingenommen, A. fragte nach ihrer Nationalität, erfuhr Bulgarien, mehr Austausch war nicht möglich, da diese Familie weder Deutsch noch Türkisch sprach.

So viel  zum Völkerverbindenden, das in diesem Falle eher vom Religionsverbindenden ersetzt wurde, und was gänzlich fehlte, war irgendetwas Deutsches.  

Dafür war ich aber mal wieder mittendrin im Geschehen, wurde immer wieder von Frauen aus dem Verein herzlichst begrüßt und  umarmt, die ich von früheren Veranstaltungen kenne oder ... von denen ich zumindest ahne, dass ich sie kenne, denn - verdammt noch mal - sie sehen letztlich ja alle gleich aus und wenn nur Nase, Mund und Augen herausschauen aus der Verpackung, hat man sehr wenig Anhaltspunkte, die einem das Wiedererkennen erleichtern könnten.

Inzwischen war es halb sechs und eigentlich wollten wir langsam gehen, als A. von M. über WhatsApp den Auftrag erhielt, ihm einen Döner mitzubringen, was sich dann als schwierig herausstellte, denn es war einfach noch nix gar am Spieß, also mussten wir warten ... und warten, stehend mitten im regen Treiben, recht  anstrengend und irgendwann schleppte A. einen Stuhl herbei, meinte, ich müsste mich mal setzen.

Was ich auch tat, belegte aber nur die eine Hälfte, bot ihr die andere an, grinsend und mit den Worten: "So ganz jung bist du ja  nun  auch nicht  mehr." 😅

So saßen wir dann einträchtig beieinander, bis das Fleisch endlich so weit war, und dann kam auch gleich noch eine Einladung für den nächsten Sonntag, und zwar zur evangelischen Freikirche, wo wir schon gemeinsam waren.

Damals noch mitten in der Stadt, doch die Räumlichkeiten wurden inzwischen von einer Moschee übernommen, weil sich die Kirche die Miete nicht mehr leisten konnte. Nun werden wir also weiter fahren müssen und nein, auf den Gottesdienst habe ich absolut keinen Bock, aber A. zuliebe werde ich es mit ihr durchziehen, erst recht natürlich den anschließenden Brunch. 😁

Dann fuhren wir heim, wo ich F. die Hälfte der Civapcici im Fladenmantel servierte und dann mal schaute, wie es meiner Schwester in Peru ergeht.

Mit einer winzigen Cessna  sind sie geflogen, um sich die Nazca-Linien aus der Luft zu betrachten.

Wow, mein Neid ist ihnen sicher, wobei ich mich aber ernsthaft frage, ob das wirklich noch meine "grüne" Schwester ist? 🤣

(Vermutlich werden sie zum Kompensieren viel Geld fürs Anplanzen von Bäumen spenden ...)

Tja, und dann kam noch das Fußballspiel, an dessen Ende ich zu F. sagte: "Meine Güte, wie schön hätte dieser Abend sein können, wenn wir ihn mit etwas anderem verbracht hätten ..." 😁

 

Habt einen schönen Nachmittag und ... bleibt bitte gesund! 😉 

 

 

8 Kommentare:

  1. Ja, obwohl ich nie englisch in der Schule gelernt habe und auch NIE einen VHS Kurs besuchte, kann ich mich in dieser Sprache sehr gut verständigen. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, daß es eine Zeit gab in der alle Rennfahrer Simpson - Rennanzüge trugen. Der Sohn des Hauses weilte bei meinem Bekannten Und ich bekam die Aufgabe diesem jungen Mann bei einem Rennen in Hockenheim zu betreuen. Die Verständigung klappte ganz hervoragend.
    Mit einer Cessna unterwegs zu sein, das wäre nicht so ein toller Event für mich gewesen. Da wäre ich viel zu nervös gewesen, um das mal sehr vorsichtig aus zu drücken.
    Ich habe mir gerade überlegt, ob ich dir einen Hinweis geben könnte wie du deiner Freundin die Kohle zu kommen lassenkönntest. Leider ist mir nix eingefallen. Und ja, die Kinder vom guten Bürgermeister Kiews sind im Ausland und dienen NICHT an der Front. das ist was fürs Volk.

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    1. Nun habe ich gerade mal nachgeforscht und erfuhr, dassin B.-W. zwar in den Sechzigerjahren flächendeckend Englisch für Hauptschulen eingeführt wurde, dass aber besonders im ländlichen Raum Lehrer dafür fehlten. Ich wunderte mich nämlich, dass meine Freundin, die im Odenwald aufwuchs, das Gleiche berichtet wie du, dass sie niemals Englisch-Unterricht hatte. Im Gegensatz zu dir konnte sie das allerdings allein nicht aufholen. Wie hast du das denn geschafft?
      Ich bin auch kein Gerneflieger, aber ich denke, um die Nazca-Linien zu sehen, hätte ich es auf mich genommen.
      Was Klitschkos Kinder angeht, die sind bei der Mutter in Hamburg aufgewachsen. Meinst du wirklich, sie sollten nun in die Ukraine gehen, um sich von Putin totschießen zu lassen?

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  2. Beim Lesen deiner Antwort ist bei mir die erinnerung aufgeflammt. Ich war damals , wegen der Größe der Klassen im B - Zug. Und nur die Schüler im A - Zug kamen in den Genuß von Englisch - Unterricht. Also war ich nicht dabei. Daran habe ich gestern nicht gedacht als ich gesternmeinen Kommentar schrieb. Entschuldige bitte.. OOOH ist Putin da persönlich an der Front..

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    1. Nein, ganz sicher nicht, die Zeiten, wo Kriegsherren ganz vorne mitkämpften, sind lange vorbei, allerdings ist er derjenige, der die Befehle gab und gibt, ein eigenständiges Land anzugreifen und damit ist er verantwortlich für eine ungeheuere Menge an Toten, auch in den eigenen Reihen.
      Gerade las ich, dass er weitere Zehntausende junger Menschen an die Front zwingen will, auch aus Nordkorea.
      Bei uns gaben die Bezeichnungen Klassenstränge auch Auskunft über Fremdsprachen. Wir in A fingen in der fünften Klasse mit Latein an, B und C mit Englisch.
      Wie konntest du es denn nun so gut alleine lernen?

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  3. Ich haabe das selbst gelernt. Warum mich dann Leute ohne Probleme verstanden habe ist mir bis heute schleierhaft. Vielleicht es damit zu tun, daß ich langsam gesprochen habe. Wenn ich bei meinem Bäcker im Elsass ein Baguette kauf, dann kann ich das auf französisch tun. Der Satzbau ist von mir ist mangelhaft. Aber sie wissen, daß kein Franzose bin. Sie schätzen es sehr, daß ich mich bemühe das in französisch zu machen. In der Grundschule war es so, daß wir mit dem Zug und dem Bus zur Schule gefahren wurden. Und ich hatte einen Lieblingsbusfahrer bei dem bekam ich einen Ehrenplatz, direkt neben ihm. Wenn die schule früher aus war, dann liefen wir auf den Bahngleisen nach Hause.

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    1. Ja, das hatte ich schon verstanden, ich meinte, zu welchen Hilfsmitteln du dabei gegriffen hast, also z.B. Bücher oder CDs mit Kursen, weil nach meiner Erfahrung Vokabeln und Grammatik ja nicht einfach so angeflogen kommen.
      Jedenfalls toll, wenn du das so hinkriegst. F. hatte es ja sogar in der Schule, könnte sich aber sicher nicht auf Englisch verständigen.
      Mit dem Schulweg hattest du es besser als ich. Ich hatte sowohl zur Grundschule wie später auch zum Gymnasium einen Weg von zwei Kilometern und musste ihn immer laufen, egal bei welchem Wetter ...

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  4. Hallo, liebe Rex-Mama!

    Vom Parkplatzchaos über das bunte Sprachengewirr bis hin zu den Cevapcici und dem unfreiwilligen Warten auf den Döner.

    Das Kompliment von „Z“ über deine Augen fand ich toll. . Solche Worte, völlig unerwartet und von einem Menschen, den man gerade erst kennengelernt hat, gehen vermutlich viel tiefer, als man im ersten Moment zeigen kann.

    Dass du anschließend gleich noch über die Schönheit von Namen, Sprachen und die Seele in den Augen philosophieren konntest, passt einfach irgendwie sehr zu dir.

    So ein abwechslungsreicher Tag mit vielen kleinen Begegnungen, über die man noch eine Weile nachdenken kann. Wunderbar.


    Liebe – 2 Uhr 40 – Grüße
    lifeminder

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  5. Das stimmt, lieber lifeminder, das war etwas, das im allerpositivsten Sinne gleich mitten ins Herz ging, zumal auch das weitere Gespräch mit ihr so ungeheuer lebendig war. Immer wieder schaute sie mir, hm, es wirkte fast fasziniert, in die Augen und im Gegenzug war ich fasziniert vonn ihrer Begeisterungsfähigkeit, z.B. als sie mir auf ihrem Handy Fotos von Kanada und seinen sagenhaften Farben zeigte.
    Sie ist jemand, so scheint es mir, der sich nicht mit oberflächlichem Mist abgibt, sondern sofort zum Kern der Dinge vordringt. Schön, sie kennengelernt zu haben ... 😊

    Liebe Noch-immer-sehr-nachdenklich-Grüße zurück! :-))

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