Sonntag, 20. September 2026

Nun ärgere ich mich, ...

 ... dass ich am Freitag meine Sicherheitsbedenken nicht überwand, um trotz der etwas späten Uhrzeit doch noch zum Ehemaligentreffen an meiner alten Schule zu fahren, denn irgendwie bin ich in einem Erinnerungsrausch gelandet, zunächst veranlasst durch ... das Barthaar eines Mitbloggers. 😀

Um ein einziges stehengelassenes ging es und ich fragte mich grinsend, ob es möglicherweise  nur das eine geben könnte, weil ich automatisch an D. denken musste, einen einstigen Kumpel aus dem Jugendheim, der sich ein wenig über seine damals noch völlig unbehaarte Brust ärgerte, was er als unmännlich empfand.

Sein großer Trost war das eine Haar, das neben der Brustwarze wuchs, er hegte und pflegte es und wir maßen tatsächlich mal seine Länge. Wenn ich es richtig erinnere, kam es auf stolze 13 Zentimeter. 🤣 

Und schon steckte ich mittendrin in diesen herrlichen Siebzigerjahren, als man begann, bei der Jugend neue Wege einzuschlagen, wobei wir aber alle noch so gut erzogen waren, dass wir das nicht ausnutzten. (Zumindest nicht allzu oft. 😁)

Nun versuche ich zu rekapitulieren, wann genau ich überhaupt in diesem katholischen Jugendheim landete.

Ich selbst war ja evangelisch, wurde  mit gerade mal 13 im Frühjahr 1974 konfirmiert und vom geschenken Geld bezahlte ich meinen ersten Tanzkurs. (Die weiteren verdiente ich mir mit Nachhilfe und Zeitungsaustragen dann selber.)

Kurz zuvor hatte ich in der Schule A. kennengelernt, drei Monate älter als ich, aber eine Klasse unter mir. Recht dicklich war sie damals noch, fast eine graue Maus, ein Grund mehr, sie mitzunehmen zu den Diskoveranstaltungen, die jeden Samstagabend in der Tanzschule von 18 bis 20 Uhr stattfanden, denn dort ließen sich spielend leicht Kontakte knüpfen.

Im Gegenzug schleppte sie mich mit in das Jugendheim, zu dessen Gemeinde sie gehörte.

Eine wuchtige, dunkle Backsteinkirche mit einem Nebengebäude, in dem sich die Zweigstelle eines fränkischen Klosters befand. Den gesamten Keller hatte man zum Jugendheim gemacht, dessen Atmosphäre ich wohl  nie vergessen werde.

Ein  großer Raum mit  schwarzen Bodenfliesen - es gab einen runden orangefarbenen Käfig, rundherum  fest installierte  Stühle in der gleichen Farbe, von denen aus man hätte gemeinsam Fernsehen schauen können, wenn wir denn Interesse daran gehabt hätten.

Viel spannender war jedoch die Theke mit der Musikanlage inkl. Lichtorgel, außerdem gabs einen Billiardtisch und einen Kicker, alles reichlich frequentiert.

Von diesem Raum aus führte eine Tür in ein richtiges Gewölbe, dessen runde Decke mit blauen Eierkartons verkleidet war. Auch dort eine noch viel größere Theke, an der man von drei Seiten auf Barhockern sitzen konnte sowie ein riesiger Tisch, wo die zum Quatschen saßen, die grad keine Lust auf Party, Kickern oder Billiard hatten.

Unter der Woche war von 18 bis 22 Uhr geöffnet, ich selbst musste leider immer um Punkt neun zu Hause sein, also um viertel vor neun abhauen, aber genossen hab ich's trotzdem.

Hinter dem zweiten Raum befand  sich eine kleine Küche mit Kühlschränken, und die war meist abgeschlossen, den Schlüssel hattte die Aufsichtsperson, mitunter jemand von den Älteren oder aber auch Bruder A., ein Mönch, selten in Cordhose und kariertem Hemd, meist in Kutte, aber hochgradig in Ordnung.  

Wer ein Getränk wollte, holte sich den Schlüssel, legte seinen Obulus in eine dafür bereitstehende Schale und gut durchdacht fand ich, dass es zwar auch Bier gab, aber immer nur einen Kasten pro Abend, besaufen ging also nicht. 

Und neben diesen abendlichen Umtrieben gab es Gruppenarbeit, ich selber war in einer, leitete später auch selbst eine, sang im Kirchenchor und sogar eine Band hatten wir, die im Pfarrsaal üben und ihre Instrumente auch dort stehen lassen durfte. 

Nachdem ich so tief drinsteckte in meinen Erinnerungen, kam auf einmal die an Pater J. hinzu, der 1976 als frisch geweihter Priester hinzustieß und in dieser Gemeinde als Kaplan tätig war und ebenfalls oft Aufsicht im Jugendheim führte.

Sehr kräftig gebaut, rotblonder Vollbart, manchmal in "Arbeitskleidung", aber viel mehr bewegte er sich in Jeans zwischen uns, von seiner ganzen Art her ... einer von uns und man konnte phantastisch über alles mit ihm reden, auch z.B. Fragen wie "Ist das für dich leicht, auf Sex zu verzichten" wich er nicht aus, einfach ein toller Typ.

Was mochte wohl aus ihm geworden sein?

Schon befragte ich die Suchmaschine und wurde auch gleich fündig. Zurückgekehrt ins Haupthaus seines Klosters ist er irgendwann, war immer rege tätig und wird diesen Monat 77 Jahre alt. 

D.h. wenn er noch lebt, und um dies herauszufinden, schrieb ich einfach eine Mail an die Gemeinde, die ihm im Internet mit einem ausgiebigen Artikel zum Siebzigsten gratuliert hatte.

Auf dem Foto hatte ich ihn gleich wiedererkannt, das ist immer noch "unser" Pater J., nur eben jetzt weiß statt rotblond und auch wenn sich die Antwortmail zunächst im Spamorder zu verstecken suchte, entdeckte ich sie doch, erfuhr, dass er nach seiner Pensionierung zurück ins Kloster zog, und genau dorthin habe ich nun auch noch geschrieben, einfach um ihm mal herzliche Grüße zu schicken und ihm zu sagen, dass er trotz der vielen Jahrzehnte  nie vergessen wurde. 😊

Jetzt gerade habe ich auch noch nach Bruder A. geforscht und  fand  heraus, dass sie am Ende beide in diesem Kloster lebten, doch leider ist er nach langer Krankheit 2023 verstorben. 

Interessanterweise weiß ich nun mehr über diese beiden als jemals zuvor und bin ein bissl erstaunt, dass Bruder A. damals dann ja erst umme 40 gewesen sein kann. Deutlich älter war er mir vorgekommen, aber ... mit 14, 15 Jahren findet man ja eh jeden uralt, der die 20 bereits überschritten hat. 😅

So, nun seht ihr, was man mit nur einem einzigen Haar bei mir anrichten kann. 🤣

Danke, lieber lifeminder, für die Anregung, die wirklich viel in mir bewirkte. 😊

 

Habt einen  schönen Sonntag und ... bleibt bitte gesund! 😉 

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