Montag, 2. September 2024

Der etwas andere Blick

 "Die Einheit 1990 war ein schwerer Fehler", so sieht es der britische Germanist und Deutschlandkenner James Hawes und ich finde, es lohnt sich, diesen Artikel zu lesen, denn für mich klingen die Ausführungen sehr schlüssig.

Ich entsinne mich gut an den 9. November 1989 und meine Freude darüber, dass die Menschen der DDR nun endlich ihre Freiheit hatten, dann aber folgte die Ratlosigkeit, als es so schnell um die Einheit ging.

"Wieder"vereinigen wollte man etwas, das in meinen Augen gar nicht wirklich zusammengehörte, was natürlich meiner Generation geschuldet ist, denn sprach man in meiner frühen Kindheit noch von der Ostzone, wuchs ich später damit auf, dass die DDR eben ein Ausland war wie jedes andere auch.

Wir hatten keine Verwandtschaft im Osten, keinerlei Beziehungen nach dort und gefühlsmäßig stand mir ehrlich gesagt jeder Holländer näher, tickte man dort doch sehr ähnlich wie ich, ganz im Gegensatz zu den Leuten aus der DDR, die ich im Laufe der Zeit vereinzelt kennen lernte. 

Der Junge aus Sachsen, in den ich mich 1978 auf Studienreise in Leningrad etwas verguckte, versuchte mich damals zu überzeugen, wie gut es in seinem Land liefe, noch eine ganze Weile schrieben wir uns, dann brach der Kontakt ab, aber vor einigen Jahren suchte und fand er mich in einem sozialen Netzwerk wieder.

Durch das, was er dort teilt, bekomme ich mit, wie er die Dinge sieht - der typische AfD-Wähler, würde ich sagen, und das ist nicht einmal wertend gemeint, denn in Hinblick auf obigen Artikel erscheint es mir ziemlich schlüssig, letztlich entstammen wir unterschiedlichen Kulturkreisen und wurden auch ganz anders sozialisiert.

Es wird schlicht unterschätzt, wie sehr sich vieles über Generationen, Jahre, Jahrhunderte und sogar Jahrtausende in den Köpfen hält, weil wir uns das meist gar nicht bewusst machen, aber da ist es trotzdem, deshalb geht es auch immer wieder schief, wenn man meint, Menschen mutwillig in bestimmten. Grenzen zusammenfassen zu wollen, siehe das ehemalige Jugoslawien, die Türkei, oder Spanien mit seinen Katalanen usw. 

Wir sind nichts anderes als Rudeltiere, suchen das Verbindende, sei es nun in Familie, Sippe, Stamm, Sprache, dem Kaninchenzüchterverein, Religionen oder anderen Ideologien, doch Verbindendes trennt auch gleichzeitig von anderen, besonders wenn es um Religion geht, und je mehr wir uns darum bemühen, durch große "Vielfalt" zu glänzen, umso mehr werden wir damit die Demokratie ins Wanken bringen, denn wenn ich zehn Leute habe und jeder will was anderes, dann wird es sehr schwierig mit Kompromissen, die Demokratien aber ausmachen müssen. 

Der Anfang - hin zu Autoritarismus - ist nun im Osten gemacht und je weniger "Brot und Spiele" noch funktionieren, umso mehr wird es vermutlich in diese Richtung gehen, leider ... 🙄

Genug davon, denn gestern rief mich auch noch meine Tante Hilde an, die Frau von Mutterns verstorbenem Bruder, mit der ich ja seit dem Tod meiner Mutter in sehr liebem Kontakt stehe. 

Nein, es gehe ich leider nicht gut, vor Kurzem sei sie nach Erledigungen noch essen gegangen, habe sich zum Abschluss einen Kaffee bestellt und danach wisse sie gar nichts mehr, sei erst im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein gekommen.

Und was sie weiter erzählte, ließ mich doch erheblich an der ärztlichen Zunft zweifeln, denn für mich ist es unfassbar, was man mit einer 86-jährigen Frau anstellt.

Mit dem Magen hatte sie leichte Probleme und ihrem Arzt fiel nichts Besseres dazu ein, als sie direkt zu einer Magenspiegelung zu schicken, mit Kurznarkose natürlich! 

Magenschleimhautentzündung - und nun drosch man sogleich mit starken Antibiotika darauf ein, die sie überhaupt nicht vertrug.

Des Weiteren hatte sie was an der Hand und man operierte auch das, diesmal mit einer dreistündigen Narkose.

Wie viel wollen die einem so alten Körper noch zumuten?

Sie habe das Gefühl, als würde in ihrem Kopf ein kleines Stückchen fehlen, sagte sie, ja, kein Wunder, wenn man derart mit ihr umgeht. 😠

Ob sie Schwedenkräuter kenne, fragte ich, was sie verneinte, obwohl sie mit Kräutern schon extrem gute Erfahrungen machte, und als ich nun berichtete, dass schon meine Mutter auf sie schwor und sogar F. seit Jahrzehnten nirgendwohinfahren würde, wenn nicht ein Fläschchen Schwedenkräuter im Gepäck ist, wurde sie neugierig und möchte sie ausprobieren.

Nun hoffe ich, dass sie sie in ihrem Kaff bekommen kann oder ihr Sohn, der nebenan im Haupthaus wohnt, sie ihr vielleicht übers Internet besorgt, denn auch wenn ich natürlich nicht garantieren kann, dass sie ihr helfen werden, einen Versuch ist es allemale wert.

Ist bei uns gerade eh auch ein aktuelles Thema, weil F., seit er so viele Pillen nehmen muss, nach dem Essen auch oft Magenprobleme bekommt. Dann liefere ich eine kleine Schwedenkräutermischung und spätestens eine halbe Stunde später hat er Ruhe.

Fast wollte die Tante jetzt anfangen sich zu entschuldigen, dass sie mich "mit so etwas" behelligt habe, stellte aber im gleichen Atemzug selbst fest, dass es in diesem Falle ja doch goldrichtig war, und sofort blies ich ins gleiche Horn:

"Ach, weißte, nur für Blabla lohnt sich das Reden doch kaum. Unsere Zeit ist begrenzt und wir wären ja schön blöd, wenn wir sie einfach mit Schönwettergerede verdaddeln würden. Mit mir kannste eh über alles reden."

Sie lachte laut auf und gab mir vollsten Herzens recht. 😅

Tatsächlich ist das etwas, das ich schon als Kind nicht nachvollziehen konnte.

An sich wurden wir bei Familientreffen von den Erwachsenen abgesondert - hier wir Kinder, dort die Großen -, aber wenn ich doch mal mitbekam, worüber die so redeten, dann wunderte ich mich immer wieder.

So viel Blabla, so viel Schöngetue, so als wollten sie es krampfhaft vermeiden, über wirklich wichtige Dinge zu reden - klar, jeder wollte vor den anderen möglichst gut dastehen und da passen Probleme natürlich nicht ins Bild. 🙄

Schade drum, denn Beziehungen können auch ganz anders sein, wenn man sich nicht nur in Oberflächlichkeiten verliert ... 

Egal, nun muss ich los, Netto hat diese Woche Kartoffeln im Angebot, endlich mal wieder, und natürlich werde ich gleich zuschlagen und den ersten 10-kg-Sack nach Hause zerren.

Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉