Montag, 22. Mai 2023

Der 90. Geburtstag

 Heute hätte mein Papa ihn gefeiert, wenn er ihn denn noch hätte erleben dürfen, und natürlich denke ich an ihn, auch wenn er uns schon vor über 14 Jahren verlassen hat.

"An seinem Geburtstag kommen die Schwalben immer und zu meinem sind sie dann wieder verschwunden", sagte meine Mutter oft und Recht hatte sie, denn gestern sah und hörte ich diese Vögel erstmalig in diesem Jahr und weiß jetzt schon, wie lange ich das Vergnügen haben werde, nämlich bis Ende Juli.

Die letzte Nacht war ziemlich kurz für mich, denn erst gab Rex keine Ruhe, weil sich zwischen 23 und 2 Uhr eine Gewitterfront über uns austobte, und um halb vier begann dann F. zu stöhnen, ihm sei sooo schlecht, dass er umgehend einen Eimer am Bett benötige.

Den ich natürlich prompt lieferte, d.h. seitdem bin ich auf, während meine beiden Helden nun selig schlummern, was mir aber immerhin die Zeit lieferte, mich in alte Fotos meines Vaters zu vertiefen.

Dies hier fiel mir dabei in die Hände: 


Es ist Teil eines halbseitigen Artikels in der NRZ gewesen, der vermutlich Ende der achtziger Jahre geschrieben wurde und meine Eltern zeigt vor Papas Sammlung historischer Bierflaschen.

Die Bildunterschrift dazu lautet: "Er will jetzt endlich eine Vitrine für seine Kostbarkeiten. Ihre Antwort dazu: 'Dann besorg dir auch wen zum Staubwischen.'"

Hihi, ganz passend zu ihrem angesäuertem Gesichtsausdruck, den ich so gut kannte und der immer darauf hinwies, dass ihr mal wieder eine Laus über die Leber gelaufen war.

Weiter unten im Artikel erzählt Papa dann, wie er während des Studiums auf dem Abbruch gearbeitet hatte und dabei mal auf eine völlig unversehrte alte Bierflasche stieß.

Etiketten gab es damals noch nicht, sondern der Name der Brauerei war erhaben im meist dunkelgrünen Glas dargestellt und wiederholte sich auf den Porzellanverschlüssen, auf die er ebenfalls sehr scharf war.

Das erschien ihm als etwas Besonderes, denn die vielen alten Brauereien gab es auch da schon längst nicht mehr und fortan machte er es sich zur Aufgabe, ihre Geschichte wachzuhalten.

Wie oft erklärte er, irgendwo im Stadtgebiet eine frische Baustelle entdeckt zu haben, so dass er jetzt unbedingt noch einmal losmüsse, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Dabei fand er dann nicht nur Bierflaschen, sondern auch beispielsweise römische und mittelalterliche Hinterlassenschaften und einmal entdeckte er sogar im Rahmen des U-Bahnbaus den Ort, an dem vor langer Zeit eine Art Vorgängerin der Schule, an der er nun selbst unterrichtete, gestanden hatte, und noch heute kann man diese Stelle als "archäologische Stätte" bewundern.

So war er, mein Papa, und da sein Zwillingsbruder genauso tickte, bekamen sie irgendwann beide vom Bundespräsidenten feierlich den "Rheinlandtaler" überreicht für Verdienste um die Geschichte ihrer Heimat. (Der sich heute wie so vieles anders in meinem Besitz befindet, also der Taler, nicht der Bundespräsident. 😁)

Wie er manchmal aussah, wenn er von seinen Streifzügen zurückkehrte, ist keine Frage, oder? 

Der Artikel weiß dazu Folgendes zu berichten: "Nach einem solchen Beutezug musste xxx noch in die Apotheke, um Tropfen zu kaufen. Er muss furchterregend ausgesehen haben, denn der Apotheker gab ihm gleich noch ein Stück Kernseife mit. 'Damit sie sich mal ordentlich waschen können', meinte er." 😂🤣😂

Hier habe ich noch ein ganz typisches Foto von ihm aus der Mitte der Siebzigerjahre.

Es war die Zeit, als meine Eltern ständig in der Abfallgrube unter dem Küchenfenster eines alten Bauerngehöftes gruben, woraus dann nach Tausenden von Arbeitsstunden die Keramiksammlung entstand, von der ich ja immer noch etliche Teile hier stehen habe. 

Die Zeit drängte damals, weil das ganze Gebiet ausgekiest werden sollte, und Papa wäre nicht Papa gewesen, wenn er bei dieser Gelegenheit dort nicht gleich noch auf eine Stelle gestoßen wäre, an der man Überreste aus römischer Zeit vermutete.

Die örtlichen Museen waren involviert, mehrere Doktoren Dingenskirchen, Pastor xxx, etliche andere Männer und auch einige Schüler von Papa halfen bei der Ausgrabung und natürlich waren auch wir Kinder immer mit dabei. Herrlich war das, abends wurde immer noch ein Feuer gemacht, auf Stöcke gespießte Würstchen gegrillt und ich - schon ganz die kleine Hausfrau - bemühte mich, den Bauwagen, den man für die Gerätschaften und auch zum Sitzen organisiert hatte, etwas sauberzuhalten. 

In diesem Wagen sitzt Papa hier und schmökert sein Pfeifchen:


Keine Frage, dass im Inneren auch immer ein Kasten Bier stand, denn so viele Männer entwickelten auch ganz ordentlich Durst und einmal geschah es, dass mir meine kleine Schwester, die ich wie immer auch dort zu hüten hatte, entfleucht war.

Jesses, wo war das kleine Biest denn nun wieder? 😮

Die Gegend um den Bauwagen herum sah ein bisschen wie eine Mondlandschaft aus, überall waren Erdwälle aufgetürmt, so dass ich erst mal kraxeln musste, um die Lütte zu suchen.

Und was sehe ich, als ich einen von ihnen erklommen hatte?

Hihiiii, es hatten sich alle schon rund ums Feuer versammelt, nur sie war noch auf Abwegen und jetzt endeckte ich sie - mutterselenallein zwischen den Erdbergen auf dem Acker, wie sie gerade eine der stehen gebliebenden Bierflaschen ansetzt und sich einen kräftigen Schluck gönnt, mit gerade mal drei Jahren. 😂🤣😂

Muss ich ihr bei Gelegenheit mal erzählen, denn daran hat sie mit Sicherheit keine Erinnerung mehr ... 😀

Früher kam Papa mindestens jeden Sonntagvormittag bei uns vorbei auf ein Käffchen, eine Tasse Hühnersuppe, ein Stückchen Apfelkuchen - irgendetwas hatte ich meist für ihn, von dem ich wusste, dass er es besonders gern mochte, und natürlich zeigte ich ihm dann auch gerade im Frühjahr die neuesten Blühfortschritte im Garten.

Da das nun auf diesem Wege nicht mehr geht, hier die erste Rose für dieses Jahr und die frisch aufgeganenen Iris:


Ein kleiner Geburtstagsgruß - vielleicht sieht er ihn ja von irgendwoher?

Wer weiß ... 😉


Habt einen guten Start in die neue Woche und ... bleibt bitte gesund! 😊


 


"