Dank sonntäglicher Ruhe ließ sich sogar in der Innenstadt ganz schnell ein Parkplatz finden und unter der angegebenen Adresse stießen wir auf ein offenstehendes, sicher ehemaliges großes Ladenlokal, in dem sich bereits etliche Menschen versammelt hatten.
Äthiopisch war da gar nichts und ich vermute, dass hier die eine der anderen Freikirche einfach ausgeholfen hat, damit es eine gültige Postadresse gibt.
Kaum waren wir drin, wurden wir ganz lieb per Handschlag willkommen geheißen und A. konnte ihre abgedeckte Schale mit Backwerk loswerden, an der sie ordentlich zu schleppen gehabt hatte.
Was ich erst ein bissl spießig fand, später aber sehr zu schätzen wusste, war, dass sie befragt wurde, um was genau es sich da handeln würde, man wolle es nämlich beschriften.
Der angenehm verwinkelte Raum war voll mit zu Achtergruppen zusammengeschobenen Tischen, wir wählten uns einen davon, mussten auf dem Weg dorthin noch viele Hände schütteln und kaum saßen wir, gesellte sich ein mittelaltes Ehepaar zu uns.
Sie Gymnasiallehrerin ausgerechnet an der ehemaligen Schule meines Bruders, so hatten wir gleich reichlich Gesprächsstoff, zumal es auch zu weiten Teilen um A.s Geschichte und unser beider Beziehung ging.
Zwischendurch kamen immer wieder mal türkische Vereinsfreundinnen von ihr vorbei, die ich teilweise ja auch schon seit Jahren kenne, es gab herzliche Umarmungen, und selbst als Atheistin fühlte ich mich dazugehörig.
Dann begann der Gottesdienst mit ein paar einleitenden Worten, bevor der leger gekleidete Pastor das Wort an einen männlichen Vereinskollegen von A. übergab, der uns ca. 10 Minuten lang mit einem Singsang von auf Arabisch vorgetragenen Koranversen unterhielt, deren deutsche Übersetzung wir immerhin an der Wand mitlesen konnten.
Später erzählte mir A., dass sie dies auch beherrsche, weil ihr Vater sie und ihre Schwestern auf eine entsprechende Schule geschickt hatte. Sie berichtete, dass es mitunter variiere zwischen gesungen und gesprochen, wobei das Singen aber nicht wirklich Singen sei.
Was sicher jeder genauso sehen wird, der es mit westlich geprägtem Gehör bereits hörte, und schon waren wir beim Thema Töne, von denen in der orientalischen Musik ja sehr viel mehr als in unserer verarbeitet werden, teilweise so nah beieinanderliegend, dass sich zumindest für mich keine Melodie heraushören lässt, was es dann etwas anstrengend macht.
Nach diesem Mann bat noch eine blutjunge türkische Frau darum, ein paar Worte zu Erntedank sagen zu dürfen, was sie in allerbestem Deutsch sehr schön tat, und dann folgte sehr viel Musik, die auf mich so wirkte, als habe man Predigten mit Tönen unterlegt, aber die Leute sangen freudig mit, sogar A. tat es leise, wie ich erstaunt bemerkte, als ich mal kurz zu ihr hinsah.
Die Texte waren auch hierbei an der Wand abzulesen und ich war begeistert, wie gut sie damit inzwischen klarkommt.
Es folgte die gesprochene Predigt und während ich beobachtete, wie aufmerksam alle lauschten, fragte ich mich einen Moment lang, wie es wohl wäre, wenn ich so sein könnte wie sie.
Ließe sich die Situation mit F.s schwerer, unheilbarer Krankheit leichter verkraften, wenn man Teil einer solchen Gemeinschaft ist und den festen Glauben hat an eine gütige höhere Instanz?
Ziemlich sicher wäre das so, aber es ist nun einmal, wie es ist, und kurz darauf wurde ich auch schon wieder davon abgelenkt, denn nun kam die Sache mit dem Seil.
Ein Lied sollte gespielt - wieder von E-Orgel, Gitarre und Cello - und gesungen werden und währenddessen wurde eine dicke Seilrolle herumgereicht. Jeder sollte sich ein Stück in die Hand nehmen, den Rest weiterreichen, bis wir alle miteinander verbunden wären, was sich aber als gar nicht so einfach erwies, da die Rolle stellenweise arg verknuddelt war.
Da müssen man mit dem Lied wohl noch mal von vorne beginnen, meinte der Pastor lachend und ich grübelte kurz, sind wir nun alle angenehm verbunden oder hängt womöglich einer am anderen fest?
Dass Letzteres zutraf und wie das psychologische Prinzip von Kirchen und anderen Ideologien funktionert, sollte ich gleich darauf erfahren, denn es geht ja immer auch um das Erzeugen von Angst mit gleichzeitigen Heilsversprechungen.
In der Predigt hatte der Pastor einen eleganten Bogen geschlagen von einem Elefanten, der in Kenia vor ihm gestanden hatte, über die bedrohte Welt bis hin zu dem Punkt, an dem wir alle uns beschränken und von Dingen trennen müssten.
Nun kündigte er die Kollekte an und wies ganz geschickt ohne Angabe eines näheren Sammelzweckes darauf hin, dass man höhere Beträge gern auch überweisen könne, dann wurde das Körbchen nicht etwa herumgeschickt, sondern ein Mann lief damit durch die Tische, bekam also genau mit, wer was hineinwarf.
Etwas genervt hatte ich zunächst an zwei Euro gedacht, aber als ich gar nix klimpern hörte, wurde mir klar, dass offenbar alle ausschließlich Scheine hineingaben und schon bewies ich, wie gut das System funktioniert, trennte mich von einem Fünf-Euro-Schein, durchaus schweren Herzens, wie ich zugeben muss.
Zumal ich nicht mal sagen kann, damit hab ich das Essen bezahlt, denn das hatten ja die Türkinnen mitgebracht - bei denen ich diese Form der Bettelei übrigens noch nie erlebte.
(Genau dieses Prinzip war es, dass F. und mich vor über 40 Jahren veranlasste, aus der Kirche auszutreten. Ganz selbstverständlich waren wir da hineingewachsen und nahmen es hin, dass uns jeden Monat die Kirchensteuer vom Lohn abgezogen wurde, doch als der Pastor uns im Gespräch vor der Trauung darauf hinwies, dass es gern gesehen würde, wenn wir hinten ins Stammbuch einen großen Schein legten, war's das. Auch damals wurde kein transparenter Bedarf genannt, aber hoher moralischer Erwartungsdruck erzeugt, so funktionierte das zu allen Zeiten ...)
Noch ein kurzes Gebet, dann war der offizielle Teil vorüber und wir begaben uns ans Büffet:
(Rechts in Grün A. und vorn sieht man den Rücken eines wirklich riesigen Mannes, der mit langem Haar und ausgestopften Pullover wohl als Frau wahrgenommen werden möchte. An sich nichts Besonderes, aber bemerkenswert fand ich den Zusammenhang zur evangelischen Freikirche, die ja meist ziemlich konservativ ausgerichtet sind, so wie auch A. mir sagte, dass sie "so etwas nicht möge". Nichtsdestotrotz gab auch sie ihm sehr freundlich die Hand, so wie überhaupt alle unheimlich nett zueinander waren, wobei ich mir aber nicht ganz sicher bin, inwieweit mir das teilweise etwas zu aufgesetzt wirkte.)
Richtig leckere Dinge gab es, doch kaum saßen wir mit vollen Tellern wieder am Tisch, kam zunächst auf A.s Seite eine ihrer Vereinsfreundinnen an und die beiden redeten intensiv auf Türkisch. Wirklich nett fand ich, dass die Dame dann anfing, das Ganze für mich auch noch mal auf Deutsch zu erzählen, es ging um Verwicklungen in ihrer Familie, wobei wir aber nun auf meiner Seite unterbrochen wurden, wo eine weitere von A.s Freundinnen ankam, diesmal aber, um mich zu herzen: "Wie schöööön, dass du auch hier bist."
Es folgte ein richtig langes, gutes Gespräch, in dem sie von "ihrer deutschen Mama" erzählte, eine alte Dame, die vor langen Jahren mal als Kundin zu ihr in die Schneiderei kam und mit der sie sich immer enger anfreundete, bis sie schließlich nach dem Tod des Mannes in die Wohnung über ihr zog, so dass sie nun über zwei Etagen wie eine richtige Großfamilie zusammenleben.
"Bei dir und A. fühlt es sich ähnlich warm an", meinte sie und dann bekam ich Gänsehaut (mal wieder 😊), als sie sagte, sie fänden es im Verein immer alle so niedlich, wenn es um eine anstehende Veranstaltung ginge und A. sage, "dann bringe ich meine xxx mit." 🥰
Und es war immer noch nicht vorbei mit meiner Rührung, denn etwas später waren wir wieder im Gespräch mit der Lehrerin, die A. fragte, wie sie so schnell so gut Deutsch habe lernen können.
Die daraufhin auf mich zeigte und kurz darauf noch einen draufsetzte, als sie ihr erzählte, die vielen bisherigen Prüfungen hätten wir alle gemeinsam gemacht.
Was natürlich nicht stimmt, denn bestanden hat sie sie ganz allein, auch wenn wir jedes Mal vorher gründlich paukten. Unter die Haut ging mir ihr Satz aber natürlich trotzdem ... 🥰
Allmählich waren alle Bäuche gefüllt und die Veranstaltung begann sich aufzulösen. Wir packten uns noch Reste vom Büffet für daheim ein, dann ging es schwer beladen zurück zum Auto, allerdings sprach mich zuvor noch eine stark schielende ältere Frau an.
Wie es mir denn gefallen habe?
Ja, gut natürlich - was sollte ich auch sonst sagen?
Von wo ich denn eigentlich käme - CVJM?
Hm, sah ich aus wie ein junger Mann?
Nein, sagte ich, ich sei mit den Türkinnen da und dann versuchte sie mich ein bissl zu überrumpeln, indem sie ganz selbstverständlich davon ausging, auch ich müsse tiefgläubig sein. Ich könne gern jeden Sonntag zu ihren Gottesdiensten kommen ... jesses, ich konnte ja schlecht antworten, dass das für mich so ziemlich die Höchststrafe wäre, also versuchte ich mich mit der Entfernung herauszureden, dass es für mich recht schwierig zu erreichen sei, aber nun trieb sie mich noch weiter in die Enge: Das sei überhaupt kein Problem, jemand aus ihren Reihen käme aus meinem Stadtteil und würde mich gern jeden Sonntag mitnehmen. 😮
Unnu?
Tatsächlich eine schwierige Situation für mich.
Hätte ich sagen können, dass mir der ganze Zinnober sonstwo vorbeigeht und ich nur aus dem einzigen Grunde da war, A. eine Freude zu machen, und das mitten in diese allgemeine Lieblichkeit hinein?
Gemütlich sitzend und in ein längeres Gespräch vertieft hätte ich das vielleicht sogar getan, zumindest wenn sie mir auch nur annähernd sympathisch gewesen wäre, aber so zwischen Tür und Angel ging das gar nicht, also mussten nun F. und Rex herhalten und ich erklärte ihr, dass ich ziemlich eingespannt sei und nicht einfach so über meine Sonntage verfügen könne ... 🙄
Nichts wie weg hier ... 😅 - unterwegs unterhielten wir uns noch über Fa., die uns ja vor einigen Monaten zum Frühstück eingeladen und dann in letzter Minute abgesagt hatte. Beide hatten wir uns Sorgen gemacht, aber über den Grund ließ sie nichts heraus, erst später erfuhr A. ihn, und genau darüber tauschten wir uns aus bzw. darüber, ob man ihr irgendwie helfen könnte.
Was mich nun gerade darüber nachdenken lässt, dass wir in inzwischen fast vier Jahren doch schon ein ganzes Stück gemeinsamer Geschichte haben - schön ist das. 😊
Und nun bin ich froh, dass ich meine urprünglich angedachte Wochenplanung umgestellt habe, denn der kleine Tannenbaum müsste demnächst hier eintrudeln. Dafür muss ich dann morgen unsere Ärzte abklappern, um die Gesundheitskarten fürs neue Quartal einlesen zu lassen und Termine zu vereinbaren zum Impfen und für F. auch noch beim Lungen-Doc.
Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉

