Kaum hatte ich meinen gestrigen, kurzen Eintrag geschrieben, klingelte auch schon das Telefon, B. war's, meine Dörflifreundin, die von Ulrikes Tod genauso geschockt war wie ich, zumal sie sie erst vor Kurzem noch getroffen und bei bester Gesundheit vorgefunden hatte.
"Azzurro" wird für mich immer mit Uli verbunden sein, gerade gegoogelt, es kam 1968 heraus, also müssen B. und ich sieben Jahre alt gewesen sein, Uli knapp zwei Jahre älter.
Wir spielten im alten Bienenhaus auf dem riesigen, wunderschönen Gelände von Großbauer S., säuberten es, richteten uns behaglich ein und währenddessen trällerte Uli immer dieses Lied.
Völlig unwichtig und doch wird die ganze Szenerie so immer in meinem Gedächtnis bleiben, ich sehe U.s schulterlange, fast pechschwarzen Haare, ihre roten Lippen vor mir und wundere mich noch heute, wie zwei von der Natur zumindest äußerlich mehr als gestrafte Eltern ein so hübsches Mädel hervorbringen konnten.
Und nun ist sie nicht mehr da ...
Ich hatte sie zuletzt als Jugendliche gesehen, sie wird mir also nicht fehlen, trotzdem erschüttert es einen, wie die Einschläge immer näher kommen, obwohl das die logische Folge ist, wenn man älter wird. 🙄
Natürlich hatten wir auch Fröhliches zu bekakeln, ich erfuhr den neuesten Dörflitratsch, wir lachten viel und dann musste B. in die Küche und ich ins Bad, denn nun wurde es höchste Zeit, mich fürs Treffen mit A. fertigzumachen.
Wir hatten uns auf die Bäckerei auf dem Marktplatz geeinigt, wo ich vor ein paar Monaten schon mit meiner Schwester so schön im Freien saß, und da ich ein paar Minuten zu früh da war, gelang es mir nach kurzem Warten, einen Tisch für uns zu organisieren.
Während ich mich setzte, ließ ich meinen Blick schweifen, nahm fast nur aus dem Augenwinkel eine sich nähernde Frau wahr, dachte noch, die hat verdammt viel Ähnlichkeit mit S. (der besten Freundin von U. und lange Zeit Mitglied unserer Nachbarschaftsklique, als diese noch funktionierte), aber ... die war ja viel zu schlank.
Als ich S. zuletzt zufällig beim Einkaufen traf, war mir nämlich aufgefallen, dass sie heftig zugenommen hatte.
Ich schaute längst wieder in eine andere Richtung, als ich auf einmal hörte: "Halloooo xxx ..."
"Meine Güte, du bist es ja doch", sagte ich lachend, stand auf und wir umarmten uns herzlich. Dabei erzählte ich ihr von den Gedanken, die ich soeben gehabt hatte. 😅
Sage und schreibe 38 Kilo hat sie abgenommen, in etwa so viel wie ich damals und auch sie betreibt Intervallfasten, meinte, es sei ja wahrlich Zeit geworden, das mal anzugehen.
Was ich nur bestätigen konnte, toll sieht sie nun wieder aus und auch mit ihr kam es zu einem wirklich vergnüglichen Gespräch, bevor wir uns wieder umarmten, denn sie arbeitet im Rathaus und musste nun zurück dorthin.
Ganz hinten sah ich jetzt A. an der Fußgängerampel stehen, pünktlich wie immer kam sie bei mir an - die nächste Umarmung und dann hätten wir beinahe zu zanken angefangen, weil sie darauf bestehen wollte, mich einzuladen, was ich mit äußersten Nachdruck ablehnte.
"Ich habe doch vorgeschlagen", meinte sie, darauf ich: "Sonst kommt immer alles von dir, weil wir uns ja bei euch zu Hause treffen, nun gönne es mir mal, endlich an der Reihe zu sein."
Sie zierte sich, aber nun drückte ich sie einfach zum Tisch - natürlich zart -, sagte: "Da liegt schon meine E-Zigi, pass gut drauf auf, damit nicht zwei daraus werden" und verschwand ins Inntere der Bäckerei.
Wieder bediente mich die junge dunkelhäutige Mitarbeiterin, die mich schon am "Schwestertag" mit ihrer freundlichen Hilfsbereitschaft so beeindruckt hatte, und als sie mir zwei große Tassen Kakao aufs Tablet stellte, deren Sahnehaube sich deutlich über den Tassenrand emporwölbte, sagte ich: "Ohoh, hätte ich die mal schon heile draußen."
Schon war sie unterwegs zur Tür, um mir diese aufzuhalten - ich sag's ja, das ist einfach ein richtig nettes Mädel - keine Frage, dass ich mich überschwänglich bedankte.
Dann setzte ich mich zu A. und und machte ihr erst mal ein Kompliment wegen ihrer Klamotten. Sie trug eine zugegebenermaßen sehr weite, lappige Jeans, dazu ein Shirt in normaler Länge und drüber eine weiße Sportjacke mit bunten Aufdrucken, die ebenfalls nur bis zur Hüfte reichte. Endlich mal nicht dieser Alte-Oma-Look, der alles Weibliche zu verbergen sucht. Es folgten zwei sehr intensive Stunden, hatten wir uns doch wieder ungeheuer viel zu erzählen und mir wurde bewusst, wie viel Druck ihr der neue Job auf der Seele verursacht.
Nach den ersten paar Tagen war sie sonntags fast so weit gewesen, dass sie nicht mehr hingehen wollte, berappelte sich aber und merkte dann auch, dass es einfach seine Zeit braucht und sie allmählich sicherer im Umgang mit den Kunden wird.
Ziemlich verrückt, eine Kollegin hatte ihr erzählt, dass Neue eigentlich immer die ersten Wochen im Hintergrund bleiben, also nicht direkt auf die Kunden losgelassen werden, nur bei ihr handhabte man es anders und das ist aufgrund der immer noch vorhandenen sprachlichen Schwierigkeiten natürlich schon heftig.
"Du musst das nicht alles mit dir allein ausmachen", sagte ich daraufhin, "wenn dich etwas bedrückt, du es einfach nur mal loswerden möchtest, melde dich, ich bin immer da", denn Aionos hatte mich vor einiger Zeit nachdenklich gemacht, als er beschrieb, dass es unter muslimischen Frauen lange nicht so selbstverständlich sei wie bei uns, sich anderen mit Sorgen oder Nöten anzuvertrauen. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, aber es leuchtet mir schon ein, dass man als traditionelle Muslima darauf sozialisiert wird, seinen Part im Haus bzw. seine Rolle perfekt zu erfüllen - Zweifel passen da schlecht zu.
Dann kam sie aufs Sohnemännchen zu sprechen, das vom neuen Dasein als Schüler recht gestresst zu sein scheint, wobei sie keine Ahnung hat, was genau ihn stresst, auch da fehlt offenbar richtiges Miteinanderreden.
Etwa drei Viertel seiner Mitschüler sind Ausländer mit größtenteils schwachen Sprachkenntnissen und rund 20%, so schätzt A., kennen noch kein einziges Wort Deutsch.
Da braucht man sich über immer weiter absackende Pisa-Ergebnisse nicht zu wundern ... 🙄
Von ihren Freundinnen erzählte sie - da ich sie höchstens bei Ramadanveranstaltungen mal sehe, brachte ich die Namen durcheinander und dann wurde es fast lustig, denn als ich sie bat, die näher zu beschreiben, die sie meinte, fiel es ihr dann selber auf: "Ist schwierig, wir sehen ja alle gleich aus." 😁
Dann erzählte sie von Überlegungen, die sie mit M. angestellt hatte, ob die Tochter wohl alt genug wäre, den Kleinen ab und zu mal von der Schule abzuholen.
"Na hör mal", sagte ich, "sie wird diesen Monat 11 Jahre alt und muss dringend lernen, Verantwortung zu übernehmen. Gib sie ihr und sie wird sie tragen, da bin ich mir sicher."
Was sie dann letztlich auch so sah, sich aber trotzdem freute, als ich ihr anbot, einzuspringen, wenn Not am Mann sei wegen des Abholens.
So kamen wir vom Höcksken aufs Stöcksken, sogar auf Sachsen-Anhalt sprach sie mich an und fragte dann etwas recht Erstaunliches: "Warum schickt Deutschland die nicht wieder weg, die nach einem Jahr weder einen Sprachkurs machen noch arbeiten, also gar nicht wollen ...?
Tja, darauf konnte ich ihr auch keine Antwort geben und dann waren wir eh schon beim nächsten Thema, bis A. anfing zu gähnen. Die ungewohnte Arbeit schlaucht sie ganz schön und der ganze Haushalt hängt ja auch an ihr allein, wobei sich M. aber immerhin um alles rund um Schule und Behördenkram kümmert, durch den keiner mehr durchblickt.
Es muss ein unbeschreibliches Durcheinander sein mit Jobcenter und Arbeitsagentur, nie wissen sie, wer nun gerade für jeden von ihnen zuständig ist. 🙄
A. war wirklich müde, also beschlossen wir zu gehen, brachten unser Tablett weg, dann begleitete ich sie noch bis zur Fußgängerampel, wo sich unsere Wege trennen würden.
Doch bevor wir uns umarmten, sah sie mich plötzlich von oben bis unten an:
"Hast du abgenommen? Du siehst einfach toll aus ...!"
"Danke!!!" 🥰
Ich strahlte, fühlte mich ja selber in der weiten 7/8-Hose aus fließendem schwarzen Stoff und der leicht sackartigen, khakifarbenen Bluse aus indischer Baumwolle mehr als wohl, wobei das mit dem Abnehmen aber schon geschah, als F. im Krankenhaus lag. Noch weniger Kilos müssen gar nicht mehr sein ... 😉
So, das war also das Wichtigste vom gestrigen Tag, der mir wirklich gut gefiel, unnu muss ich hurtig 2 Kilo Hühnerbeine mit Rückenanteil abpulen gehen, sonst wird datt heut nüscht mehr mit dem Süppchen.
Habt einen schönen Tag und ... bleibt bitte gesund! 😉